Ich erhielt gestern eine Anfrage per Mail, die u. a. zum Thema hatte, dass man mit JAWS und evtl. anderen Screen-Readern beim Lesen von Mails mit Thunderbird Ansagen bekommt wie „x-western“, „x-unicode“ usw.

Hintergrund ist, dass Thunderbird versucht, aus den Headerzeilen abzuleiten, welche Sprache bzw. welche region der Absender der Mail verwendet. Dies landet dann als „lang“-Attribut in dem HTML, das zur Weitergabe an Screen-Reader verwendet wird, sofern kein explizites „lang“-Attribut z. B. in HTML-Mails verwendet wird. In Nur-Text-Nachrichten wird also immer der Header einer Mail herangezogen. Da in JAWS die Ansage von Sprachänderungen in HTML-Inhalten standardmäßig eingeschaltet ist, informiert JAWS den geneigten Anwender nun darüber, dass die Standardeinstellung für eine Sprache x-western keine entsprechende Zuordnung für die aktuelle Sprachausgabe vorsieht. Gleiches würde z. B. passieren, wenn man Eloquence verwendet und auf eine Seite surft, die explizit niederländisch oder dänisch ausgezeichnet ist. Hier würde JAWS dann „Holländisch“ oder „dänisch“ sagen, um anzuzeigen, dass zwar eine Sprachauszeichnung vorhanden ist, diese aber von der aktuellen Sprachausgabe nicht unterstützt wird.

Für dieses „Problem“ gibt es nun zwei Lösungsmöglichkeiten:

  • Man schaltet die Spracherkennung für Thunderbird komplett ab. Hierzu geht man wie folgt vor:
    1. Aus Thunderbird heraus ruft man den Konfigurationsmanager mit JAWS-Taste+6 (6 auf der alphanumerischen Tastatur) auf.
    2. Man wählt das Menü Optionen setzen, und darunter den Menüpunkt Textbearbeitung.
    3. Im darauf erscheinenden Dialogfeld deaktiviert man das Kontrollkästchen „Sprachen automatisch erkennen“ und bestätigt mit „OK“.
    4. Man drückt nun STRG+S, um die Änderungen zu speichern, und ALT+F4, um den Konfigurationsmanager zu schließen.
  • Man behält die Sprachenerkennung bei, filtert jedoch die gewünschten Ansagen, indem man sie einer gewünschten vorhandenen Sprache seiner Sprachausgabe zuordnet. Dies soll anhand der Eloquence demonstriert werden:
    1. Man öffnet, sofern bereits vorhanden, die Datei Thunderbird.jcf im Windows-Editor oder einem anderen Texteditor seiner Wahl. Die Datei gehört ins Verzeichnis Dokumente und Einstellungen[Benutzername]AnwendungsdatenFreedom ScientificJAWS8.0Settingsdeu unter XP bzw. Benutzer[Benutzername]AppDataRoamingFreedom ScientificJAWS8.0Settingsdeu unter Vista. Anwender von JAWS 7.10 ersetzen bitte die Versionsnummer 8.0 durch 7.10, ansonsten ist die Anleitung für beide Versionen gültig.
    2. In die neue bzw. bereits vorhandene Datei schreibt man jetzt folgende Zeilen:
      [Eloq Language Aliases]
      x-western=German
      x-unicode=German
      x-central-european=German

      Weitere können bei bedarf nach demselben Muster hinzugefügt werden.
    3. Speichern, und nach Rückkehr in Thunderbird sind die störenden Ansagen weg, wenn jedoch irgendwie eine „normale“ Sprachauszeichnung vorkommt, wird diese weiterhin berücksichtigt.

Zur Erklärung der obigen Einträge:

  • [Eloq Language Aliases] ist die Überschrift für die Sprachzuweisungen, die sich auf Eloquence beziehen. „Eloq“ ist hierbei der sogenannte kurze Name (ShortName), wie er in jfw.ini im JAWS-Programmverzeichnis verzeichnet ist.
  • Links des Gleichheitszeichens stehen die Sprachcodes, wie sie in dem HTML vorkommen. In default.jcf stehen hier so Dinge wie „de“, „en-us“ usw., hier für Thunderbird müssen eben diese besonderen Zeichenketten eingetragen werden.
  • Rechts vom Gleichheitszeichen steht eine Eloquence-Sprache, wie diese auch im JAWS-Fenster im Menü Sprache/Synthesizer Sprache zu finden sind. Diese müssen genauso eingegeben werden, wie sie dort im Menü stehen, also „German“ und nicht etwa „Deutsch (Deutschland“.

Für andere Screen-Reader, die eine automatische Sprachumschaltung unterstützen, ziehe man bitte die Anleitung des jeweiligen produktes zu Rate, um diese besonderen Zuweisungen vorzunehmen bzw. die Sprachenerkennung zu deaktivieren.

Die Beta 1 von Firefox 3.0 ist erschienen, und obwohl diese noch nicht alle neuen Funktionen und Bugfixes für die Zugänglichkeit enthält, möchte ich doch einen Überblick geben über die Neuerungen, die Anwender von Screen-Readern oder Großschriftsystemen erwartet.

  • Unterstützung von Gnome ATK/AT-SPI unter Linux, mit dem z. B. der
    Screen-Reader Orca oder das Programm Jambu, welches eine Navigationshilfe für motorisch eingeschränkte Benutzer ist, den Firefox
    auslesen/steuern können.
  • Einführung des Standards IAccessible2 unter Windows, welches die folgenden Möglichkeiten bietet:
    • Screen-Reader, die keine Grafiktreiber-Hooks nutzen, können trotzdem in Eingabefeldern usw. lesen
    • Unterstützung vollständiger Formatierungsfunktionen, sobald Screen-Reader dies unterstützen. Eine E-Mail in Thunderbird oder einem WYSIWYG-Editor im Web können dann so bearbeitet werden wie sie auch später angezeigt werden. Überschriften, Links, Listen usw. werden als solche angesagt.
    • Weiterhin können Programme wie Dragon Naturally Speaking dies nutzen, um z.B. sprachgesteuert Blöcke von Text
      oder anderem HTML-Inhalt zu markieren und dann in die Zwischenablage zu kopieren.
  • Verbesserte Unterstützung von ARIA (Accessible Rich Internet Applications), welches zur Zeit im W3C auf dem Weg ist, die Version 1.0 zu erreichen. Mit ARIA können Internetanwendungen auch für Screen-Reader zugänglich gemacht werden, die über in HTML übliche Elemente wie Eingabefelder usw. hinausgehen. Das JavaScript-Toolkit Dojo verwendet ARIA zum Beispiel, um Elemente wie Strukturansichten, Fortschrittsbalken usw. zu generieren, die mit JAWS oder Orca und Firefox3 richtig gut genutzt werden können.
  • Unterstützung von Live-Regions. Live-Regions sind bestimmte Abschnitte einer Webseite, die, nach verschiedenen Kriterien abgestuft, Programmen wie Orca oder zukünftig dann auch anderen Screen-Readern Änderungen mitteilen können. So kann z. B. ein sich regelmäßig aktualisierender Aktienkurs per Live-Region ausgegeben werden, der dann nach einer wählbaren Einstellung im Screen-Reader per Tastendruck abgefragt oder auch automatisch gesprochen werden kann. Eine erste Anwendung, die dies nutzt, ist der Google Reader. Surft man mit Firefox 3 und der Erweiterung Fire Vox auf Google Reader, werden einige Statusinformationen per Live-Region mitgeteilt, was schon sehr dem Bedienen einer Desktop-Anwendung ähnelt.
  • Vollständiger Seiten-Zoom. In Firefox 3 beinhaltet dies neben Text auch Bilder. Dies ist hauptsächlich für Sehbehinderte spannend.
  • Ein Tool, mit dem nicht barrierefreie Webseiten gemeldet werden können, damit diese dann auf einer Liste veröffentlicht werden und anderen Anwendern bei der Auswahl barrierefreier Angebote helfen können. Das Tool diente bisher schon zum Melden einer nicht funktionierenden Webseite, bietet jetzt jedoch explizit eine Option zum Melden der Nicht-Barrierefreiheit einer Website.
  • Und natürlich tonnenweise Bugfixes. Es gibt z. B. in Firefox 2.0 und früher einen Bug, der auf bestimmten Webseiten auftritt, wo nicht der gesamte Inhalt an den Screen-Reader übermittelt wird. Dieses und viele andere Probleme sind in Firefox 3 behoben.

Es gibt also jede Menge spannende Neuerungen, die bereits jetzt genutzt werden können, die aber natürlich erst dann richtig zur Geltung kommen, sobald Screen-Reader-hersteller diese dann auch aktiv nutzen.

Ab Montag, den 03.12. beginnt meine neue Aufgabe als Qualitätsbeauftragter für die Funktionen zur Barrierefreiheit für die Produkte der Mozilla Corporation. Vor allem wird dies natürlich den Firefox Webbrowser betreffen. Aber natürlich werden auch der Mail-Client Thunderbird und das Kalenderprogramm Sunbird werden nicht zu kurz kommen!

In diesem Blog werde ich dann regelmäßig über Aktivitäten im Rahmen dieser Tätigkeit berichten.

Ich freue mich auf die Aufgabe und hoffe dazu beitragen zu können, dass auch unter blinden Benutzern die neuen Versionen von Firefox und Thunderbird gut ankommen!