Ende März kündigte Microsoft auf seiner Entwicklerkonferenz Windows Phone 8.1 an. Neben so spannenden Neuerungen wie universellen Apps, also solchen Windows-Store-Apps, die nicht nur auf Phones, sondern auch auf Tablets wie dem Microsoft Surface laufen sollen, und anderen Features, die Windows Phone zu einem vollwertigeren Smartphone-Betriebssystem machen, wurde auch der Sprachassistent cortana angekündigt. Dieser soll Apples Siri und Google Now! Konkurrenz machen. Er ist zunächst aber nur in den USA verfügbar.

Gleichzeitig gab es Anzeichen, dass es im „Center für die erleichterte Bedienung“ einen neuen Umschalter gibt, nämlich den für Narrator. Narrator ist ein Screen Reader, also ein Bildschirmausleseprogramm, mit dem Blinde den Zugang zu Windows erlangen können. Es ist seit Windows 2000 ein Bestandteil des Betriebssystems, fristete bis einschließlich Windows 7 jedoch ein Dasein als Notfall-Haken, falls der eigentliche Screen Reader wie NVDA oder JAWS mal ausfiel. Erst in Windows 8 und mit dem Erscheinen von Microsofts eigenen Tablets erfuhr Narrator eine erhebliche Aufwertung. Moderne Windows-Store-Apps, die die Microsoft-Richtlinien zur Zugänglichkeit erfüllen, können seitdem mit Narrator bedient werden. Und das sogar nicht nur auf den „vollständigen“ Tablets mit Intel-Prozessoren, sondern auch auf denen mit Windows RT, also denjenigen Tablets, die auf der ARM-Prozessorarchitektur fußen und ausschließlich Apps für die moderne Windows-Oberfläche ausführen können.

Seitdem gab es die Hoffnung vieler Blinder, dass Microsoft diese Funktion auch für Windows Phone nachreichen würde, denn beim Release von Windows Phone 8 war Narrator noch nicht enthalten. Diese Hoffnung hat sich nun mit Windows Phone 8.1 endlich erfüllt! Es gibt allerdings noch einige nicht unerhebliche Einschränkungen. So funktioniert es bisher nur dann, wenn man Windows Sprache, Region und Sprachausgaben-Sprache auf Englisch (Vereinigte Staaten) einstellt. Man muss sein Windows Phone also auf englisch bedienen.

Außerdem ist Windows Phone 8.1 bisher lediglich als Entwickler-Preview verfügbar. Man kommt auch als normaler Anwender da heran, wenn man sich mit seinem Microsoft-Konto bei Windows App Studio als Entwickler registriert. Das ist kostenlos, und man muss nicht tatsächlich Anwendungen entwickeln.

Als Blinder heißt das zunächst, dass man ein Windows Phone 8 fähiges Handy wie z. B. das Nokia Lumia 925 (Amazon Partnerlink) und eine sehende Person braucht, die es einem einrichtet und den Update-Reigen durchführt. Eine ausführliche Anleitung, wie man Entwickler wird und die dafür notwendige App aus dem Store lädt, findet sich auf englisch auf dieser Seite.

Nachdem meine Herzdame diesen Update-Reigen für mich durchlaufen hatte, stießen wir auf ein Problem: Die Versuche, Narrator einzuschalten, scheiterten immer an der Fehlermeldung, dass man sein Phone auf Englisch (United Kingdom) einstellen sollte. Angeblich. Denn diese Fehlermeldung ist kompletter Blödsinn. Man muss auf Englisch (United States) einstellen, dann klappt’s.

Meine ersten Eindrücke direkt nach dem Start von Narrator habe ich in zwei AudioBoo-Teilen (Teil 1 und Teil 2) live mitgeschnitten. Beide Links öffnen in einem neuen Fenster.

Mein Fazit nach den ersten paar Tagen: Es geht schon einiges, und einiges geht auch noch gar nicht. Wie man in den Boos hört, funktionieren die Start-Kacheln, man kann schon die eine oder andere App in Teilen bedienen, man kann telefonieren und SMS lesen und schreiben, Kontakte einsehen und bearbeiten. Man kann sogar im Internet Explorer im Web browsen.

Natürlich gibt es auch Dinge, die noch gar nicht gehen, wie z. B. die Maps-App. Auch beherrscht Narrator noch nicht alle Gesten bzw. die Benutzeroberfläche hat noch einige Bugs. Da gibt es durchaus noch unbeschriftete Schalter, und es gibt zur Zeit keine Möglichkeit, Benachrichtigungen zu öffnen. Man kann sie zwar erfühlen, schön plaziert zwischen dem WLAN- und dem Batterie-Symbol, aber keine der Narrator-Gesten öffnet die Notifications bisher. Ein Sehender streicht von oben nach unten, aber das Äquivalent von Narrator funktioniert noch nicht. Ich habe Microsoft und Nokia, welche ja inzwischen dasselbe sind, darüber informiert.

Es erinnert vieles an die anfangszeiten von iOS. Auch hier gingen ja von Anbeginn nicht alle Features. Auch da waren die Karten lange Zeit nicht zugänglich, man konnte ganz zuerst kein Copy & Paste mit VoiceOver machen, und es gab z. B. eine ganz lange Zeit einen Bug, dass man in einer App kein Bild aus einem Fotoalbum auswählen und irgendwo anhängen konnte.

Auch das Tippen auf der Tastatur erinnerte mich sofort an iOS. Unter Windows Phone steht zur Zeit nur das Äquivalent zum 2-Finger-Eingabemodus von iOS zur Verfügung, also Buchstaben ansteuern und dann entweder mit einem Finger doppelt tippen, oder einen Finger auf dem Buchstaben lassen und mit einem zweiten irgendwo auf den Bildschirm tippen. Eine Möglichkeit, auf die Eingabe via Anheben des Fingers umzuschalten, gibt es auf Windows Phone noch nicht, während diese Funktion auf Tablets bereits zur Verfügung steht.

Auch funktionieren viele Apps noch nicht richtig mit Narrator. Skype, Twitter und Foursquare z. B. werfen einem gleich zu Beginn eine Webansicht vor die Füße, in der man sich einloggen soll. Da der Internet Explorer im Prinzip funktioniert, diese Webansicht aber nicht, vermute ich, dass es damit zu tun hat, dass diese Apps noch nicht für Windows Phone 8.1 optimiert sind und diese Geschichte zu funktionieren beginnt, sobald diese Apps das Software-Entwickler-Kit für Windows Phone 8.1 nutzen.

Eine App, die so leidlich funktioniert, ist die App für Facebook. Auch hierzu gibt es einen AudioBoo mit Erfahrungen mit der Facebook-App (öffnet in neuem Fenster). Statusmeldungen werden gelesen, es sind aber quasi alle Buttons unbeschriftet. Zum Glück gibt es auch bei Windows-Store-Apps einfache Möglichkeiten, solche Dinge zu beheben. Die Möglichkeiten sind ähnlich vielfältig wie bei iOS, so dass Entwickler gute Chancen haben, hier nachzubessern. Auch ist die Dokumentation sehr ordentlich.

Als Fazit kann man sagen, dass die Grundlage, die hier mit Windows Phone 8.1 geschaffen wurde, sehr vielversprechend aussieht. Das ganze macht da, wo es funktioniert, einen stabilen und soliden Eindruck. Die Gestensteuerung funktioniert zuverlässig, das Erforschen des Bildschirms macht keinen schwammigen Eindruck. Darauf lässt sich aufbauen, also hoffen wir mal, dass Narrator bald auch auf deutsch verfügbar ist. Auf Windows 8 Tablets ist es das, es hat also primär wohl mit einer aktualisierten Sprachausgabe und/oder der Verfügbarkeit von Cortana zu tun, dessen Angebot sich ja in den nächsten Monaten erst von den USA aus weiter verbreiten soll.

Das wird spannend, denn hier haben wir endlich mal wieder eine Alternative zu iOS, die vielversprechende Ansätze zeigt und von der Grundlage her meiner Meinung nach solider ist als das, was Android zu bieten hat. Ich werde weiter beobachten und berichten!

Ausgelöst durch die am 14.01.2014 erfolgte Ankündigung von Microsoft und GW Micro, den Screen Reader Window-Eyes in Zukunft für Office-Anwender kostenlos zur Verfügung zu stellen, habe ich mich mal umgeschaut, was es im Moment so an gängigen Office-Lösungen gibt und wie zugänglich diese für Blinde sind. Zugängliche Office-Anwendungen sind gerade im beruflichen Umfeld immer noch einer der wichtigsten Faktoren, die über einen Arbeitsplatz oder die Arbeitslosigkeit entscheiden können.

Microsoft Office

Der Branchenprimus ist ganz klar weiterhin Microsoft mit seinem Office-Paket. Dabei bin ich auf eine sehr spannende Entwicklung gestoßen, nämlich Microsofts Abonnement-Modell Office 365. Als Privatanwender bekommt man hier für 10 Euro im Monat oder 99 Euro pro Jahr ein Paket, das ein vollwertiges Office Professional für Windows und Mac enthält sowie Zugang zu den Office Web Apps, die in Microsoft SkyDrive integriert sind als auch zu ihren mobilen Anwendungen für iOS und Android. Man wird stets auf dem aktuellen Stand gehalten. Selbst wenn Microsoft im Abozeitraum also eine neue große Version herausbringt, hat man sofort Zugriff drauf, ohne extra etwas bezahlen zu müssen. Und das beste: man kann es einen Monat kostenlos testen! Wenn man sich also überlegt, dass allein die Home & Student 2013 Edition, die wesentlich weniger Apps enthält, schon 139 Euro kostet und ein vollwertiges Office Pro mit fast 550 Euro zu Buche schlägt, ist das ein echt attraktives Angebot. Und der Clue: man darf das Office auf bis zu fünf Rechnern im eigenen Haushalt installieren, und diese Rechner dürfen Windows-PCs oder Mac-Computer sein. Zusätzlich kann man die Office-Apps auf bis zu fünf mobilen Geräten an einen Account anmelden. Die Web-Anwendungen sind von überall her zugänglich. Selbst ein Office-Streaming-Angebot gibt es: Man streamt es auf einen Rechner, und sobald man die App zumacht, entfernt sie sich wieder, angeblich rückstandsfrei. Das ist aber, je nach Internetverbindung, eine Option, die mitunter recht viel Geduld erfordert. Ich halte Office 365 für die mit Abstand wirtschaftlichste Möglichkeit, ein Office zu nutzen, die es für MS Office heute gibt. (Hinweis: Microsoft bezahlt mich nicht für diese Schwärmerei, und auch sonst bekomme ich von niemandem Geld dafür. 😉 )

Und eben ein solches lokal installiertes Office berechtigt in Zukunft zur Nutzung von Window-Eyes, ohne dies extra erwerben zu müssen. Voraussetzung ist der auch auf deutsch verfügbare Download der Version von der oben verlinkten Webseite. Aber Window-Eyes ist nicht die einzige Lösung, die mit diesem Office läuft. Zur Zeit ist dies Version 2013. NVDA und JAWS machen hier eine ebenso gute Figur. Wer JAWS kennt, weiß, wie gut der Office-Support ist. Und NVDA hat im letzten Jahr verdammt viel dazugelernt, was die Unterstützung von Word & Co. angeht. Da NVDA kostenlos ist, lohnt sich definitiv ein Vergleich! Ich empfand das Arbeiten mit NVDA in Office durchaus als deutlich zuverlässiger und schneller als mit Window-Eyes. Besonders bei der Benutzung einer Braillezeile hinkt WE z. B. sehr, wenn man in Word nur zeilenweise auf und ab navigiert.

Und weil ich in einem anderen Blogbeitrag speziell nach Narrator gefragt wurde: Narrator bietet keine wirklich ernstzunehmende Office-Unterstützung. Es sind keine Features wie das Lesen von Fußnoten, Rechtschreibfehlern im Dokument, Revisionen o. ä. verfügbar. Auch in Excel sieht man quasi gar nichts. Auch aus diesem Grund kommt man also mit einem RT-Tablet nicht weiter, sondern sollte für Windows 8.1 immer ein richtiges Intel-System nehmen, um einen besseren Screen Reader installieren zu können. Weitere Ausführungen finden sich im verlinkten Beitrag.

Unter OS X sieht die Situation leider nicht ganz so rosig aus. Die hier aktuelle Version Office für Mac 2011 hat zwar zugängliche Symbolleisten und Menüs, der eigentliche Dokumentbereich in Word ist mit VoiceOver aber z. B. gar nicht auslesbar. Ein Bearbeiten von Dokumenten ist hier de facto nicht möglich. Outlook geht so leidlich, aber hier muss Microsoft definitiv noch einmal nachbessern!

Die iOS und Android Apps für Office Mobile sind eher keine echten Produktivwerkzeuge für VoiceOver- bzw. TalkBack-Anwender. Unter iOS z. B. ist der Dokumentbereich nicht erfassbar, und Symbolleisten erscheinen und verschwinden quasi nach Belieben. Unter Android kommt man eventuell weiter, wenn man über die SkyDrive-App Word-Dokumente in Googles QuickOffice-App öffnet, da kann man wenigstens was lesen. Unter iOS kann Pages mit Word-Dokumenten umgehen. Mehr dazu weiter unten.

Und jetzt kommt die Überraschung schlechthin: Eigentlich hatte ich mich zuerst gar nicht mit der Webversion von Office beschäftigen wollen, nachdem sowohl Google Docs als auch iWork für iCloud eher sehr traurige Beispiele von Zugänglichkeit sind (siehe unten). Doch wie überrascht war ich, als ich dann doch ein Dokument über SkyDrive erstellte! Die Webversion von Word & Co. ist in sehr vielen Belangen als echt zugänglich zu bezeichnen! Ich testete dies mit Firefox und IE unter Windows 7 und 8.1, sowohl mit NVDA, JAWS und Window-Eyes. Man bekommt sowohl den Text auf der Braillezeile zu lesen, als auch grundlegende Formatierungsinformationen. Die Ribbon-Symbolleisten sind voll zugänglich und sprechen dank der ordentlichen Implementierung von WAI-ARIA mit NVDA zusammen vollständige Informationen, so dass man immer weiß, wo man ist. JAWS und Window-Eyes schwächeln hier etwas, da sie immer nur das im Focus befindliche Element sprechen, nicht aber eventuelle Informationen zur Zugehörigkeit eines Gruppenfeldes. So kann man mit NVDA wunderbar den Übergang von einer Schleife in die nächste mitbekommen, mit JAWS und WE hingegen nicht. JAWS war bei allen Tests mit NVDA fast gleich auf, Window-Eyes hinkte bei allem sehr hinterher. Trotz ausgeschaltetem Browse-Modus wurde vieler Text nicht gelesen oder auf der Zeile angezeigt, der Focus ging oft verloren usw. Der verwendete Browser war hierbei unerheblich. NVDA schwächelte im IE, das Navigieren in Dokumenten ist dort sehr langsam. Die beste Kombination von Screen Reader und Webbrowser für Office im Web sind Firefox und NVDA.

Unter OS X kommt VoiceOver mit Safari mit den Web-Apps von Office nicht wirklich zurecht. Man sieht die erste Zeile oder den ersten Absatz eines bestehenden Dokuments, das Betätigen der Pfeiltasten bewirkt aber nur Schweigen. Nur wenn man selbst was neues hinzufügt, kann man dies eventuell kurzzeitig lesen. Auch VoiceOver spricht in den Symbolleisten nur das aktuelle Element, die Gruppeninformationen werden auch hier nicht gesprochen.

Auf dem iPad ist die Situation sehr ähnlich. Hier habe ich es nicht einmal geschafft, in den Bearbeitungsmodus zu kommen, um eventuell einem Dokument etwas hinzuzufügen. Die Symbolleisten wurden hingegen ähnlich gelesen wie auf dem Mac.

Unter Android wird dem Firefox leider nur eine Dokumentversion zum Lesen und ein Seitenzahlenanzeiger gegeben. Will man die Desktop-Version abrufen, bekommt man die Hauptseite von office.com zu sehen.

Apropos Dokumentenanzeige: Microsoft empfiehlt in seiner Anleitung zur Benutzung der Barrierefreiheitsfunktionen von Office im Web, ein Dokument als PDF zu exportieren und dieses mit dem Adobe Reader zu lesen. Und das ist eine prima Idee, denn Microsoft erzeugt hier standardmäßig ein PDF mit Tags für die Zugänglichkeit. Und die Umsetzung ist ziemlich gut!

Man kann hier also mit Fug und Recht behaupten, dass Microsoft vorbildliche Arbeit abgeliefert haben, was die Zugänglichkeit seiner Office-Lösung für den Webbrowser angeht. Die Tatsache, dass man mit Firefox und NVDA sehr gut klarkommt, heißt, dass andere Hersteller hier noch nachzuarbeiten haben. Wäre das Geschwindigkeitsproblem nicht, würde NVDA im Internet Explorer mit Sicherheit genauso gut mit Office zusammenarbeiten.

Und dass gerade Microsoft hier so gute Arbeit abgeliefert hat, erfüllt mich, der ich seit über sechs Jahren mithelfe, WAI-ARIA zu entwickeln und dabei besonders auf die Benutzung durch Endanwender achte, mit ziemlichem Stolz! Denn nachdem ich neulich über dieses Thema auf englisch bloggte, schrieb ein Kommentator, dass er ähnlich gute Ergebnisse auch mit Firefox und Orca unter Linux erzielen konnte. Nutzt Webstandards, und ihr könnt wahre Wunder bewirken! 🙂

Google Docs

Von diesem Zustand sind Google mit seiner verbreiteten Cloudlösung Docs noch weit entfernt. Auch Google Docs implementiert zwar WAI-ARIA, und die Menüs und Symbolleisten laufen inklusive Tastaturnavigation auch echt OK, das Bearbeiten von Dokumenten ist allerdings ein echtes Problem. Google haben sich dafür entschieden, alle gesprochenen Dinge als sogenannte Live-Region einfach in den Screen Reader zu kippen. Jede Cursorbewegung, jeder Zeilenwechsel und andere Informationen werden als flüchtige Nachricht einfach an die Sprachausgabe gesendet und verpuffen danach im Nirvana. Man kann weder mit der Braillezeile kontrollieren, was man geschrieben hat, geschweige denn mit Cursorrouting im Text navigieren, noch kann man die aktuelle Zeile nochmals vorlesen lassen. Auch das Abfragen von Formatierungsinformationen geht nur, indem man hübsch von Hand in die Symbolleisten wandert und sich die Infos dort zusammensucht oder eine Taste drückt, die ausgewählte Infos einmal an die Sprachausgabe schickt. Ja, man kommt damit vielleicht irgendwie klar, wenn man nur die Sprachausgabe nutzt und sich um Braille nicht schert. Ich finde aber: Schön geht anders!

Apple iWork

Apple haben im vergangenen Oktober bei einer großen Keynote angekündigt, die Office-Anwendungen Pages, Numbers und Keynote, auch unter dem Sammelbegriff iWork bekannt, in Zukunft mit jedem neuen Mac oder iOS-Gerät kostenlos abzugeben. Die Apps waren auch vorher schon nicht mehr teuer. Aber das war schon eine ziemliche Sensation. Gleichzeitig wurden von allen Programmen, die es sowohl für Mac OS X als auch für iOS gibt, neue Versionen veröffentlicht. Die für die Software-Branche lange Wartezeit von fast fünf Jahren seit dem letzten Update der Mac-Version hat sich gelohnt! iWork ist unter OS X Mavericks (unter früheren Versionen läuft diese neue Version nicht) die mit Abstand zugänglichste Office-Lösung. Alle Kritikpunkte, die es bis dahin von VoiceOver-Anwendern gab, wurden beseitigt. So kann man jetzt auch in Pages-Dokumenten Tabellen lesen und erstellen, und seit einem Update aus dem Januar 2014 auch Präsentationen in Keynote selbstständig ablaufen lassen, nicht nur bearbeiten.

Unter iOS waren die Programme ebenfalls schon immer sehr gut, haben aber mit der neuen Version, die ab iOS 7.0 läuft, auch noch einmal richtig zugelegt. Auch hier ist das Erstellen von Tabellen und anderen weitreichenden Formatierungen auf dem iPad voll mit VoiceOver zugänglich, man bekommt in Keynote Infos über Präsentationseffekte o. ä. nicht nur angesagt, sondern kann sie auch bearbeiten, und auch mit dem iPad sind Präsentationen vollständig selbst vortragbar. Auch Numbers, die Tabellenkalkulation, ist wesentlich besser geworden. Alle Programme können mit Microsoft-Office-Dokumenten umgehen, so dass hier ein Austausch möglich ist. Dokumente werden standardmäßig in iCloud gespeichert und sind somit immer auf dem neuesten Stand. Andere Cloud-Dienste werden von der iOS-Version nicht unterstützt, die Mac-Version kann natürlich Dateien auch lokal speichern, z. B. in einem Dropbox-Ordner.

Der PDF-Export erzeugt keine getaggten PDF-Dokumente, und es gibt auch keine Option, dies einzustellen.

Die Webversion von iWork, genannt iWork für iCloud, lernt erst seit einem Update von Mitte Januar 2014 ein wenig Barrierefreiheit. Und auch hier ist das Problem, dass gesprochene Inhalte per Live Region einfach an den Screen Reader gesendet werden. Auch ist die Implementierung bisher sehr rudimentär, aber dass sich was tut, lässt hoffen, dass da noch mehr kommt. Produktiv einsetzbar ist das jedenfalls noch nicht.

OpenOffice und LibreOffice

Die Open-Source-Anwendung OpenOffice und der ebenfalls quelloffene Ableger LibreOffice bieten ein sehr uneinheitliches Bild, was die Barrierefreiheit angeht. Unter Linux mit Orca läuft es anscheinend sehr anständig. Ich hatte in der Kürze der Zeit kein aktuelles Linux zur Verfügung, höre aber eigentlich nur Gutes aus der Community.

Unter Windows ist OpenOffice und LibreOffice bis jetzt, d. h., einschließlich der Version 4.0, nur mit Hilfe der Java AccessBridge nutzbar. NVDA haben viel Zeit investiert, um es halbwegs zugänglich zu machen, andere Screen Reader laufen von Version zu Version mal schlecht, mal weniger gut. Das alles wird sich aber mit der Version 4.1, die sich in Entwicklung befindet, radikal ändern. OpenOffice, und damit vermutlich dann auch LibreOffice, erben nämlich die Implementierung der Zugänglichkeitsschnittstelle IAccessible2, welche eine Fortentwicklung von Microsoft Active Accessibility durch IBM, Mozilla, NVDA und anderen ist. IBM hatte seinerzeit als Referenzimplementierung seine auf einem älteren OpenOffice basierende Suite Lotus Symphony zugänglich gemacht und diesen Code dann später dem OpenOffice-Projekt gespendet. Lotus Symphony gibt es inzwischen nicht mehr bzw. es wird nicht weiterentwickelt, und der Code von damals ist nun endlich soweit aktualisiert und an das aktuelle OpenOffice angepasst, dass es in Version 4.1 zum Release kommt und die Java-Technologie ablöst. Ich habe einen Entwicklersnapshot mit NVDA getestet, und das Teil ging ab wie eine Rakete! Tolle Infos, sehr schnelle Reaktionszeiten, die Braillezeile läuft mit. Sobald das veröffentlicht ist, ist OpenOffice eine echte Alternative zu Microsoft Office unter Windows.

Unter OS X sieht die Situation für OpenOffice leider nicht ganz so gut aus. Die Implementierung für VoiceOver ist zwar vorhanden, aber man hat das Gefühl, dass sie in einer früheren bis mittleren Beta-Phase steckengeblieben ist und sich seit Jahren nichts mehr tut. Es ist relativ instabil, ich hatte bei meinen Versuchen mit mehreren Abstürzen bei einfachsten Aktionen zu kämpfen. Hier ist zu hoffen, dass sich da bald mal wieder ein paar Mac-Entwickler der Situation annehmen und den VoiceOver-Support zu Ende implementieren. Denn auch Pages & Co. tut eine Alternative nur gut! Es gibt unter OS X zwar noch weitere zugängliche Alternativen wie den Nisus Writer Pro. Diese sind aber reine Textverarbeitungen, keine Tabellenkalkulation oder Präsentationssoftware.

Auch OpenOffice und LibreOffice können getaggte PDFs erzeugen. Diese muss man allerdings zunächst in den Optionen zum PDF-Export aktivieren. Standardmäßig ist der PDF-Export also ohne Zugänglichkeit.

Fazit

Unter OS X und iOS kommt man zur Zeit an Apples eigenem Angebot nicht vorbei, wenn man Office-Anwendungen nutzen will oder muss. Voraussetzung ist aber der Einsatz von OS X 10.9 Mavericks und iOS 7.0 oder neuer. Ältere Betriebssystemversionen werden in beiden Fällen nicht unterstützt. Unter Windows ist am Horizont mit OpenOffice und hoffentlich LibreOffice eine echte Alternative zu Microsoft Office zu erkennen. Und im Web besticht ganz klar Microsoft mit seiner wirklich hervorragenden Implementierung von Zugänglichkeitsstandards, die es sogar unter Linux sehr zugänglich machen! Google und Apple haben hier definitiv noch ganz viel Luft nach oben!