Ausgelöst durch die am 14.01.2014 erfolgte Ankündigung von Microsoft und GW Micro, den Screen Reader Window-Eyes in Zukunft für Office-Anwender kostenlos zur Verfügung zu stellen, habe ich mich mal umgeschaut, was es im Moment so an gängigen Office-Lösungen gibt und wie zugänglich diese für Blinde sind. Zugängliche Office-Anwendungen sind gerade im beruflichen Umfeld immer noch einer der wichtigsten Faktoren, die über einen Arbeitsplatz oder die Arbeitslosigkeit entscheiden können.

Microsoft Office

Der Branchenprimus ist ganz klar weiterhin Microsoft mit seinem Office-Paket. Dabei bin ich auf eine sehr spannende Entwicklung gestoßen, nämlich Microsofts Abonnement-Modell Office 365. Als Privatanwender bekommt man hier für 10 Euro im Monat oder 99 Euro pro Jahr ein Paket, das ein vollwertiges Office Professional für Windows und Mac enthält sowie Zugang zu den Office Web Apps, die in Microsoft SkyDrive integriert sind als auch zu ihren mobilen Anwendungen für iOS und Android. Man wird stets auf dem aktuellen Stand gehalten. Selbst wenn Microsoft im Abozeitraum also eine neue große Version herausbringt, hat man sofort Zugriff drauf, ohne extra etwas bezahlen zu müssen. Und das beste: man kann es einen Monat kostenlos testen! Wenn man sich also überlegt, dass allein die Home & Student 2013 Edition, die wesentlich weniger Apps enthält, schon 139 Euro kostet und ein vollwertiges Office Pro mit fast 550 Euro zu Buche schlägt, ist das ein echt attraktives Angebot. Und der Clue: man darf das Office auf bis zu fünf Rechnern im eigenen Haushalt installieren, und diese Rechner dürfen Windows-PCs oder Mac-Computer sein. Zusätzlich kann man die Office-Apps auf bis zu fünf mobilen Geräten an einen Account anmelden. Die Web-Anwendungen sind von überall her zugänglich. Selbst ein Office-Streaming-Angebot gibt es: Man streamt es auf einen Rechner, und sobald man die App zumacht, entfernt sie sich wieder, angeblich rückstandsfrei. Das ist aber, je nach Internetverbindung, eine Option, die mitunter recht viel Geduld erfordert. Ich halte Office 365 für die mit Abstand wirtschaftlichste Möglichkeit, ein Office zu nutzen, die es für MS Office heute gibt. (Hinweis: Microsoft bezahlt mich nicht für diese Schwärmerei, und auch sonst bekomme ich von niemandem Geld dafür. 😉 )

Und eben ein solches lokal installiertes Office berechtigt in Zukunft zur Nutzung von Window-Eyes, ohne dies extra erwerben zu müssen. Voraussetzung ist der auch auf deutsch verfügbare Download der Version von der oben verlinkten Webseite. Aber Window-Eyes ist nicht die einzige Lösung, die mit diesem Office läuft. Zur Zeit ist dies Version 2013. NVDA und JAWS machen hier eine ebenso gute Figur. Wer JAWS kennt, weiß, wie gut der Office-Support ist. Und NVDA hat im letzten Jahr verdammt viel dazugelernt, was die Unterstützung von Word & Co. angeht. Da NVDA kostenlos ist, lohnt sich definitiv ein Vergleich! Ich empfand das Arbeiten mit NVDA in Office durchaus als deutlich zuverlässiger und schneller als mit Window-Eyes. Besonders bei der Benutzung einer Braillezeile hinkt WE z. B. sehr, wenn man in Word nur zeilenweise auf und ab navigiert.

Und weil ich in einem anderen Blogbeitrag speziell nach Narrator gefragt wurde: Narrator bietet keine wirklich ernstzunehmende Office-Unterstützung. Es sind keine Features wie das Lesen von Fußnoten, Rechtschreibfehlern im Dokument, Revisionen o. ä. verfügbar. Auch in Excel sieht man quasi gar nichts. Auch aus diesem Grund kommt man also mit einem RT-Tablet nicht weiter, sondern sollte für Windows 8.1 immer ein richtiges Intel-System nehmen, um einen besseren Screen Reader installieren zu können. Weitere Ausführungen finden sich im verlinkten Beitrag.

Unter OS X sieht die Situation leider nicht ganz so rosig aus. Die hier aktuelle Version Office für Mac 2011 hat zwar zugängliche Symbolleisten und Menüs, der eigentliche Dokumentbereich in Word ist mit VoiceOver aber z. B. gar nicht auslesbar. Ein Bearbeiten von Dokumenten ist hier de facto nicht möglich. Outlook geht so leidlich, aber hier muss Microsoft definitiv noch einmal nachbessern!

Die iOS und Android Apps für Office Mobile sind eher keine echten Produktivwerkzeuge für VoiceOver- bzw. TalkBack-Anwender. Unter iOS z. B. ist der Dokumentbereich nicht erfassbar, und Symbolleisten erscheinen und verschwinden quasi nach Belieben. Unter Android kommt man eventuell weiter, wenn man über die SkyDrive-App Word-Dokumente in Googles QuickOffice-App öffnet, da kann man wenigstens was lesen. Unter iOS kann Pages mit Word-Dokumenten umgehen. Mehr dazu weiter unten.

Und jetzt kommt die Überraschung schlechthin: Eigentlich hatte ich mich zuerst gar nicht mit der Webversion von Office beschäftigen wollen, nachdem sowohl Google Docs als auch iWork für iCloud eher sehr traurige Beispiele von Zugänglichkeit sind (siehe unten). Doch wie überrascht war ich, als ich dann doch ein Dokument über SkyDrive erstellte! Die Webversion von Word & Co. ist in sehr vielen Belangen als echt zugänglich zu bezeichnen! Ich testete dies mit Firefox und IE unter Windows 7 und 8.1, sowohl mit NVDA, JAWS und Window-Eyes. Man bekommt sowohl den Text auf der Braillezeile zu lesen, als auch grundlegende Formatierungsinformationen. Die Ribbon-Symbolleisten sind voll zugänglich und sprechen dank der ordentlichen Implementierung von WAI-ARIA mit NVDA zusammen vollständige Informationen, so dass man immer weiß, wo man ist. JAWS und Window-Eyes schwächeln hier etwas, da sie immer nur das im Focus befindliche Element sprechen, nicht aber eventuelle Informationen zur Zugehörigkeit eines Gruppenfeldes. So kann man mit NVDA wunderbar den Übergang von einer Schleife in die nächste mitbekommen, mit JAWS und WE hingegen nicht. JAWS war bei allen Tests mit NVDA fast gleich auf, Window-Eyes hinkte bei allem sehr hinterher. Trotz ausgeschaltetem Browse-Modus wurde vieler Text nicht gelesen oder auf der Zeile angezeigt, der Focus ging oft verloren usw. Der verwendete Browser war hierbei unerheblich. NVDA schwächelte im IE, das Navigieren in Dokumenten ist dort sehr langsam. Die beste Kombination von Screen Reader und Webbrowser für Office im Web sind Firefox und NVDA.

Unter OS X kommt VoiceOver mit Safari mit den Web-Apps von Office nicht wirklich zurecht. Man sieht die erste Zeile oder den ersten Absatz eines bestehenden Dokuments, das Betätigen der Pfeiltasten bewirkt aber nur Schweigen. Nur wenn man selbst was neues hinzufügt, kann man dies eventuell kurzzeitig lesen. Auch VoiceOver spricht in den Symbolleisten nur das aktuelle Element, die Gruppeninformationen werden auch hier nicht gesprochen.

Auf dem iPad ist die Situation sehr ähnlich. Hier habe ich es nicht einmal geschafft, in den Bearbeitungsmodus zu kommen, um eventuell einem Dokument etwas hinzuzufügen. Die Symbolleisten wurden hingegen ähnlich gelesen wie auf dem Mac.

Unter Android wird dem Firefox leider nur eine Dokumentversion zum Lesen und ein Seitenzahlenanzeiger gegeben. Will man die Desktop-Version abrufen, bekommt man die Hauptseite von office.com zu sehen.

Apropos Dokumentenanzeige: Microsoft empfiehlt in seiner Anleitung zur Benutzung der Barrierefreiheitsfunktionen von Office im Web, ein Dokument als PDF zu exportieren und dieses mit dem Adobe Reader zu lesen. Und das ist eine prima Idee, denn Microsoft erzeugt hier standardmäßig ein PDF mit Tags für die Zugänglichkeit. Und die Umsetzung ist ziemlich gut!

Man kann hier also mit Fug und Recht behaupten, dass Microsoft vorbildliche Arbeit abgeliefert haben, was die Zugänglichkeit seiner Office-Lösung für den Webbrowser angeht. Die Tatsache, dass man mit Firefox und NVDA sehr gut klarkommt, heißt, dass andere Hersteller hier noch nachzuarbeiten haben. Wäre das Geschwindigkeitsproblem nicht, würde NVDA im Internet Explorer mit Sicherheit genauso gut mit Office zusammenarbeiten.

Und dass gerade Microsoft hier so gute Arbeit abgeliefert hat, erfüllt mich, der ich seit über sechs Jahren mithelfe, WAI-ARIA zu entwickeln und dabei besonders auf die Benutzung durch Endanwender achte, mit ziemlichem Stolz! Denn nachdem ich neulich über dieses Thema auf englisch bloggte, schrieb ein Kommentator, dass er ähnlich gute Ergebnisse auch mit Firefox und Orca unter Linux erzielen konnte. Nutzt Webstandards, und ihr könnt wahre Wunder bewirken! 🙂

Google Docs

Von diesem Zustand sind Google mit seiner verbreiteten Cloudlösung Docs noch weit entfernt. Auch Google Docs implementiert zwar WAI-ARIA, und die Menüs und Symbolleisten laufen inklusive Tastaturnavigation auch echt OK, das Bearbeiten von Dokumenten ist allerdings ein echtes Problem. Google haben sich dafür entschieden, alle gesprochenen Dinge als sogenannte Live-Region einfach in den Screen Reader zu kippen. Jede Cursorbewegung, jeder Zeilenwechsel und andere Informationen werden als flüchtige Nachricht einfach an die Sprachausgabe gesendet und verpuffen danach im Nirvana. Man kann weder mit der Braillezeile kontrollieren, was man geschrieben hat, geschweige denn mit Cursorrouting im Text navigieren, noch kann man die aktuelle Zeile nochmals vorlesen lassen. Auch das Abfragen von Formatierungsinformationen geht nur, indem man hübsch von Hand in die Symbolleisten wandert und sich die Infos dort zusammensucht oder eine Taste drückt, die ausgewählte Infos einmal an die Sprachausgabe schickt. Ja, man kommt damit vielleicht irgendwie klar, wenn man nur die Sprachausgabe nutzt und sich um Braille nicht schert. Ich finde aber: Schön geht anders!

Apple iWork

Apple haben im vergangenen Oktober bei einer großen Keynote angekündigt, die Office-Anwendungen Pages, Numbers und Keynote, auch unter dem Sammelbegriff iWork bekannt, in Zukunft mit jedem neuen Mac oder iOS-Gerät kostenlos abzugeben. Die Apps waren auch vorher schon nicht mehr teuer. Aber das war schon eine ziemliche Sensation. Gleichzeitig wurden von allen Programmen, die es sowohl für Mac OS X als auch für iOS gibt, neue Versionen veröffentlicht. Die für die Software-Branche lange Wartezeit von fast fünf Jahren seit dem letzten Update der Mac-Version hat sich gelohnt! iWork ist unter OS X Mavericks (unter früheren Versionen läuft diese neue Version nicht) die mit Abstand zugänglichste Office-Lösung. Alle Kritikpunkte, die es bis dahin von VoiceOver-Anwendern gab, wurden beseitigt. So kann man jetzt auch in Pages-Dokumenten Tabellen lesen und erstellen, und seit einem Update aus dem Januar 2014 auch Präsentationen in Keynote selbstständig ablaufen lassen, nicht nur bearbeiten.

Unter iOS waren die Programme ebenfalls schon immer sehr gut, haben aber mit der neuen Version, die ab iOS 7.0 läuft, auch noch einmal richtig zugelegt. Auch hier ist das Erstellen von Tabellen und anderen weitreichenden Formatierungen auf dem iPad voll mit VoiceOver zugänglich, man bekommt in Keynote Infos über Präsentationseffekte o. ä. nicht nur angesagt, sondern kann sie auch bearbeiten, und auch mit dem iPad sind Präsentationen vollständig selbst vortragbar. Auch Numbers, die Tabellenkalkulation, ist wesentlich besser geworden. Alle Programme können mit Microsoft-Office-Dokumenten umgehen, so dass hier ein Austausch möglich ist. Dokumente werden standardmäßig in iCloud gespeichert und sind somit immer auf dem neuesten Stand. Andere Cloud-Dienste werden von der iOS-Version nicht unterstützt, die Mac-Version kann natürlich Dateien auch lokal speichern, z. B. in einem Dropbox-Ordner.

Der PDF-Export erzeugt keine getaggten PDF-Dokumente, und es gibt auch keine Option, dies einzustellen.

Die Webversion von iWork, genannt iWork für iCloud, lernt erst seit einem Update von Mitte Januar 2014 ein wenig Barrierefreiheit. Und auch hier ist das Problem, dass gesprochene Inhalte per Live Region einfach an den Screen Reader gesendet werden. Auch ist die Implementierung bisher sehr rudimentär, aber dass sich was tut, lässt hoffen, dass da noch mehr kommt. Produktiv einsetzbar ist das jedenfalls noch nicht.

OpenOffice und LibreOffice

Die Open-Source-Anwendung OpenOffice und der ebenfalls quelloffene Ableger LibreOffice bieten ein sehr uneinheitliches Bild, was die Barrierefreiheit angeht. Unter Linux mit Orca läuft es anscheinend sehr anständig. Ich hatte in der Kürze der Zeit kein aktuelles Linux zur Verfügung, höre aber eigentlich nur Gutes aus der Community.

Unter Windows ist OpenOffice und LibreOffice bis jetzt, d. h., einschließlich der Version 4.0, nur mit Hilfe der Java AccessBridge nutzbar. NVDA haben viel Zeit investiert, um es halbwegs zugänglich zu machen, andere Screen Reader laufen von Version zu Version mal schlecht, mal weniger gut. Das alles wird sich aber mit der Version 4.1, die sich in Entwicklung befindet, radikal ändern. OpenOffice, und damit vermutlich dann auch LibreOffice, erben nämlich die Implementierung der Zugänglichkeitsschnittstelle IAccessible2, welche eine Fortentwicklung von Microsoft Active Accessibility durch IBM, Mozilla, NVDA und anderen ist. IBM hatte seinerzeit als Referenzimplementierung seine auf einem älteren OpenOffice basierende Suite Lotus Symphony zugänglich gemacht und diesen Code dann später dem OpenOffice-Projekt gespendet. Lotus Symphony gibt es inzwischen nicht mehr bzw. es wird nicht weiterentwickelt, und der Code von damals ist nun endlich soweit aktualisiert und an das aktuelle OpenOffice angepasst, dass es in Version 4.1 zum Release kommt und die Java-Technologie ablöst. Ich habe einen Entwicklersnapshot mit NVDA getestet, und das Teil ging ab wie eine Rakete! Tolle Infos, sehr schnelle Reaktionszeiten, die Braillezeile läuft mit. Sobald das veröffentlicht ist, ist OpenOffice eine echte Alternative zu Microsoft Office unter Windows.

Unter OS X sieht die Situation für OpenOffice leider nicht ganz so gut aus. Die Implementierung für VoiceOver ist zwar vorhanden, aber man hat das Gefühl, dass sie in einer früheren bis mittleren Beta-Phase steckengeblieben ist und sich seit Jahren nichts mehr tut. Es ist relativ instabil, ich hatte bei meinen Versuchen mit mehreren Abstürzen bei einfachsten Aktionen zu kämpfen. Hier ist zu hoffen, dass sich da bald mal wieder ein paar Mac-Entwickler der Situation annehmen und den VoiceOver-Support zu Ende implementieren. Denn auch Pages & Co. tut eine Alternative nur gut! Es gibt unter OS X zwar noch weitere zugängliche Alternativen wie den Nisus Writer Pro. Diese sind aber reine Textverarbeitungen, keine Tabellenkalkulation oder Präsentationssoftware.

Auch OpenOffice und LibreOffice können getaggte PDFs erzeugen. Diese muss man allerdings zunächst in den Optionen zum PDF-Export aktivieren. Standardmäßig ist der PDF-Export also ohne Zugänglichkeit.

Fazit

Unter OS X und iOS kommt man zur Zeit an Apples eigenem Angebot nicht vorbei, wenn man Office-Anwendungen nutzen will oder muss. Voraussetzung ist aber der Einsatz von OS X 10.9 Mavericks und iOS 7.0 oder neuer. Ältere Betriebssystemversionen werden in beiden Fällen nicht unterstützt. Unter Windows ist am Horizont mit OpenOffice und hoffentlich LibreOffice eine echte Alternative zu Microsoft Office zu erkennen. Und im Web besticht ganz klar Microsoft mit seiner wirklich hervorragenden Implementierung von Zugänglichkeitsstandards, die es sogar unter Linux sehr zugänglich machen! Google und Apple haben hier definitiv noch ganz viel Luft nach oben!

…und das Ergebnis ist, dass ich das HTC One, mit dem ich zuletzt experimentierte, verkauft habe und für mich kein Umstieg auf Android stattfinden wird.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Zum einen hat Android 4.3 deutlich nicht das an Fortschritt bei der Zugänglichkeit gebracht, das ich mir erhofft habe. Lediglich ein TalkBack-Update brachte die Fähigkeit mit, kontinuierlich durch Listen wischen zu können. Und selbst das haben sie vergeigt: Beim Scrollen landet man auf dem Element, das von ganz unten nach ganz oben wandert, zweimal, man muss also nicht nur auf das Fertigstellen des Scrollens warten, sondern auch dann noch ein weiteres Mal wischen, um auf das nächste Element zu kommen. Wer bei Google diese Dinge programmiert, hat von vernünftiger Usability jedenfalls keine Ahnung.

Weiterhin ist es mir doch egal, ob Android mich jedesmal zutextet, welcher Typ Tastatur erscheint. Das großspurig als „Verbesserung der Tastaturunterstützung“ zu deklarieren, ist Makulatur. Umlaute kann ich deswegen immer noch nicht schreiben.

Und auch bei den Apps, die mir wichtig sind, hat sich in den letzten Monaten nichts signifikantes getan. Fixes an Button-Labels in einem Update wurden mit dem Redesign des nächsten Updates gern auch mal wieder verloren.

Will man sich ein vernünftig zugängliches Android bauen, das kein Google Nexus Android ist, verliert man die Fähigkeit, over the air zu aktualisieren. Man braucht also fürs Flashen neuer Firmware-Updates immer wieder sehende Hilfe. Und Google Nexus Android ist ja nur auf einer limitierten Auswahl von Geräten verfügbar.

Und ein wesentlicher weiterer Grund hat einen Ausschlag gegeben, der nichts mit Barrierefreiheit zu tun hat. In Android 4.3 macht Google es einem deutlich schwerer, seinen aktuellen Standort nicht mit ihnen zu teilen. Schaltet man die Funktion trotzdem aus, funktionieren auf einmal 3/4 der Apps nicht mehr oder nicht mehr richtig. Man ist also gezwungen, Googles Werbepartnern seinen Standort zu verraten, damit diese einem dann personalisierte und ortsbezogene Werbung aufdrängen können. Tut mir leid, aber da vertraue ich meine Daten dann doch viel eher einer Firma an, deren Agenda es ist, mir Hardware zu verkaufen, als einer, die mir Werbung verkaufen will.

Auch die Tatsache, dass man sich gegen heimliche Systemupdates nicht wehren kann, die quasi einer Installation eines Rootkit nahekommen, was anderswo als Malware gilt, trugen dazu bei, dass ich mein HTC One verkauft habe und mein neues Smartphone seit dem vergangenen Donnerstag ein iPhone 5s ist, das seine erste Feuerprobe am Wochenende bereits mit Bravur bestanden hat.

Ich werde Android in Zukunft nur noch dafür nutzen, den Firefox zu testen, und zwar auf von meinem Arbeitgeber zur Verfügung gestellten Geräten. Ansonsten ist das Experiment „Umstieg auf Android“ für mich beendet.

Nach meinem Experiment, auf Android umzusteigen, ging mein Beobachten der Entwicklung und meine Forschung wie angekündigt weiter. Zum einen erschien vor kurzem eine erste Beta von TalkBack 3.4, welche einen meiner großen Kritikpunkte beseitigt: Kontinuierliches Scrollen beim Wischen durch Listen! Zum anderen gibt es mehrere Punkte an der Hardware des Nexus 4 auszusetzen, die im laufe der Zeit zu echten Störfaktoren wurden. Da ist zum einen ein bisher nicht gefixter Bug mit WLAN-Verbindungen. Nach jeweils ein, zwei Tagen bricht die Übertragungsrate regelmäßig gnadenlos auf unter ISDN-Geschwindigkeit ein. (nein, es ist kein von der Telekom gebrandetes Nexus 4 mit eingebauter Drosselfunktion! 😉 ). Dieser Bug betrifft laut mehrerer Issues im Android-Projekt diverse Besitzer von Nexus-4-Geräten und ist auch in Android 4.2.2 nicht behoben. Zum anderen ist das Glas auf der Rückseite des Nexus 4 sehr rutschig. Das Handy schliddert gern mal über Tischplatten oder rutscht aus der Hand. Trotz der Polykarbonat-Ränder habe ich nicht das Gefühl, einen guten Grip zu haben. Und dann ist da der Lautsprecher-Schlitz, der, sobald man das Handy auf eben so eine Tischplatte legt, so zugedeckt ist, dass die Sprachausgabe kaum noch verständlich ist.

Auch ging mir das HTC One der Herzdame nicht aus dem Kopf. Da ist zum einen die sehr gut verarbeitete Hardware, die so dicht an von Apple verbaute Hardware-Qualität rankommt wie kein anderes mir bekanntes Android-Smartphone. Und da ist zum anderen Beats Audio, die Technologie, die aus den Lautsprechern dieses Smartphones einen Sound holt, der einen echt glauben lässt, man hätte einen mittelgroßen Ghetto-Blaster vor sich stehen. Und da ich gern mal unterwegs Musik höre, reizte es mich schon sehr.

Nun ja….Es wohnt jetzt ein zweites HTC One hier, im von der Herzdame bevorzugten Schwarz, nicht in Silber, und das silberne wanderte dann zu mir. Wenn alles gut geht, werde ich das Nexus 4 demnächst verkaufen.

Tun was alle tun: CyanogenMod draufspielen

Fast schon reflexartig wurde dann CyanogenMod 10.1 Nightly für das HTC One installiert. Ein Kurztest mit der ursprünglichen Version der HTC-Firmware hatte gezeigt, dass weder die Telefon-App, noch die Tastatur, noch diverse weitere Systemprogramme mit TalkBack zusammenarbeiteten. Also taten wir, was fast alle blinden Android-Nutzer tun, die kein Nexus-Smartphone direkt erwerben. CyanogenMod gibt, wenn man vom Launcher Trebuchet absieht, dem Benutzer fast ein Nexus-Android. Als Launcher installierten wir Apex. Dabei übernahm die Herzdame die Installation, weil der Teil des Flashens nicht mit Sprachausgabe zugänglich ist, und machte das Gerät auch sonst fit für mich. Sie hat damit zum Glück viel Erfahrung!

Es lief danach auch soweit alles ganz ordentlich. Trotz der Tatsache, dass es sich um eine Entwicklerversion handelte, war an der Stabilität nichts auszusetzen. Allerdings gab es ein großes Problem: Beats Audio war nicht enthalten. Die Lautsprecher klangen dünn und flach, so wie beim iPhone oder iPod, oder eben dem Nexus 4. Zwar Stereo, aber eben ohne wirklichen Druck. Eine Recherche förderte zu Tage, dass auch die angekündigte HTC One Nexus Experience zwar über Beats Audio verfügen, dies aber nicht abschaltbar sein wird. Auch sonst wird die Nexus-Experience einige Hardware-Features nicht unterstützen.

Da ich aber auf diese Features nicht verzichten wollte, gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Zurückspielen der originalen HTC Firmware oder das Verwenden eines dieser Firmware sehr nahe kommenden Custom ROMs.

Achtung! Die bereits und im folgenden beschriebenen Schritte können zu einem Verlust des Garantieanspruchs führen! Rooten, das Entsperren des Bootloaders und das Installieren von Custom ROMs werden oft nicht akzeptiert, selbst wenn eindeutig ein Hardwaredefekt, der definitiv von der Software unabhängig ist, vorliegt. Auch ist das, was ich im folgenden beschreibe, nicht von einem Blinden selbstständig durchführbar. Man braucht hierfür zwingend sehende Unterstützung. Es gibt keine Skripts zur Automatisierung und keine verlässlichen Abzählmuster, um diese Vorgänge in der Recovery im Blindflug durchzuführen.

TrickDroid to the Rescue!

Da die Sense-Oberfläche nicht wirklich zugänglich ist, blieb als Antwort auf diese Frage nur Möglichkeit 2 übrig. Die Herzdame hatte sich das Custom ROM TrickDroid auch schon seit längerem auf ihr HTC One geflasht. TrickDroid ist eine HTC-Firmware mit Bugfixes und Tweaks. So kann man es anweisen, die Sense-Oberfläche zu deinstallieren (sog. De-Sensing), man kann einen eigenen Launcher installieren usw. Passenderweise bietet TrickDroid u.a. den Apex gleich als einen Ersatz-Launcher an. Auch ist Titanium Backup, die wohl mit Abstand beste Backup-Software für Android, bereits ins ROM integriert. Gerade ist Version 7.5, die internationale Version basierend auf Android 4.2.2, erschienen.

Also wurde nach einem Backup mit eben jenem Titanium Backup auch auf mein HTC One zunächst TrickDroid geflasht. Dabei wurde gleich das De-Sensing aktiviert, ein Adblocker installiert und auch OpenVPN-Support gleich mit eingeschaltet. Auch der Apex-Launcher wurde ausgewählt.

Nach erfolgreichem Neustart ging die Herzdame wieder ins Recovery, um weitere Tweaks vorzunehmen. So stellte sie ein, dass Custom GPS Config auf Europe stand. Sie aktivierte den AOSP Lock Screen und die Kamera und schob ein De-Sense an. Der Apex-Launcher und OpenVPN-Support wurden eingeschaltet. Keyboards außer German wurden deaktiviert.

Nach einem weiteren Start in den Recovery-Modus wurden Apps aktiviert und deaktiviert. Dies kann man nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen natürlich anders wählen als ich.

Nach dem Reboot und ersten Setup wurde schnell klar, dass die Tastatur nur teilweise zugänglich ist. Die Buchstaben funktionieren zwar, die Leertaste, Entfernen und Satzzeichen hingegen jedoch nicht. Die Lösung ist, sich die Tastatur aus dem Android Open Source Project (AOSP) zu installieren. Das geht aber nur mit Kniffen. In diesem Forums-Thread bei XDA-Developers haben wir uns die „Flashable“ ZIP-Datei dieser Tastatur heruntergeladen. Die Schritte, um sie tatsächlich zum Laufen zu bringen, sind wie folgt:

  1. Die Android-Tastatur aus dem CyanogenMod-Backup wiederherstellen.
  2. Diese dann von einer System- auf eine Benutzer-Komponente herunterstufen.
  3. Diese Tastatur dann unter Einstellungen/Sprache & Tastatur erst einmal deaktivieren.
  4. Die aus dem Forums-Thread heruntergeladene flashable Version per Recovery installieren.

Dies gibt uns endlich eine voll zugängliche Tastatur. Im nächsten Schritt muss dann über Einstellungen/Apps (Achtung! Nicht bei Sprache & Tastatur, sondern tatsächlich in den Apps!) die Komponente „HTC Sense Input“ deaktiviert werden. Nach einem weiteren Neustart des Handys ist die HTC-Tastatur nun vollständig verschwunden und kann nicht mehr dazwischenfunken.

Im nächsten Schritt werden per Titanium Backup die gewünschten Apps und deren Einstellungen wiederhergestellt. Dabei sollte man tunlichst darauf achten, CyanogenMod-spezifische Apps nicht wiederherzustellen. Zum einen sind viele für den täglichen Gebrauch nicht zwingend notwendig, zum anderen gibt es z. B. beim Musikabspieler bessere Alternativen als den Apollo. Und obendrein läuft man Gefahr, sich das System zu zerschießen.

Auf das Wiederherstellen der Benutzerkonten wie Google, Facebook usw. sowie der Systemeinstellungen muss man leider verzichten. CyanogenMod und TrickDroid sind hier nicht zueinander kompatibel, und ein Versuch, die Systemeinstellungen wiederherzustellen, führt zur Instabilität des Betriebssystems und vieler Apps. Beim Wiederherstellen von Apps und Daten werden jedoch auch einige Konten, die nicht unter den Konten in den Systemeinstellungen auftauchen, wiederhergestellt, so dass man nicht alle drölfzig Login-Vorgänge wiederholen muss, nur zwölfundzwanzig. 😉

Was geht nicht?

Ja, auch das gibt es hierbei zu beachten. Die Indikatoren für die WLAN-Signalstärke und die Mobilfunkverbindung werden von TalkBack nicht gesprochen. HTC bzw. TrickDroid verwenden eine andere Software-Komponente als das AOSP- bzw. Nexus-Android, und diese beiden Indikatoren sind nicht zugänglich. Während man für die Batterie, die zunächst auch nicht zugänglich ist, eine Einstellung vornehmen kann, dass der Füllstand in Prozent angezeigt wird, haben die Herzdame und ich für die WLAN- und Mobilfunk-Indikatoren bisher keine Lösung gefunden.

Fazit

Trotz dieser Einschränkung bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Das HTC One arbeitet flüssig, die Apps funktionieren, die Synchronisation von Musik und der tolle Klang der durch Beats Audio unterstützten Lautsprecher machen eine sehr gute Figur.

Und es zeigt sich, wie mächtig die offene Architektur von Android sein kann. Man kann selbst eine zunächst weitgehend unzugängliche Android-Variante durch Tweaks und einige Handarbeit auch für unseren Personenkreis zugänglich machen, ohne auf gerätespezifische Features wie in diesem Fall Beats Audio und das tolle Hardware-Erlebnis, verzichten zu müssen.

Meine Beobachtung und weiteren Tests, die mich vielleicht ja doch demnächst zu einem Umstieg führen können, werden jedenfalls jetzt mit diesem HTC One weitergehen!