Experiment „Umstieg auf Android“ – Ein Jahr danach

Regelmäßige Blogleser mögen sich an mein Experiment erinnern, mein langjähriges iPhone durch ein Android-Smartphone ersetzen zu wollen. Nach Teilen 1, 2, 3 und 4 kam ich letztendlich zu dem Schluss, dass zu diesem zeitpunkt ein Umstieg auf Android für mich nicht in Frage kam. Selbst nach einem Ausflug in die custom ROMs und einigen weiteren Basteleien ergab sich nichts neues, und ich beendete das Experiment vorerst.

Nun bleibt ja aber auch bei Android die Entwicklung zum Glück nicht stehen, und es wäre unfair, einen solchen Test nicht ab und an in Frage zu stellen und zu überprüfen. Genau dies soll Ziel dieses Artikels sein.

Eine der Änderungen ist natürlich das Erscheinen von Android 4.4 „Kitkat“, das ja für die Nexus 4, 5 und 7 beider Generationen angeboten wird. Dieses brachte zusammen mit TalkBack 3.5 eine erheblich verbesserte Reaktion auf Gesten mit sich. Dies bemerkte ich schon im Laufe der Monate beim Benutzen von Firefox für Android, den ich ja beruflich auf seine Qualität für Barrierefreiheit hin teste. Auch Android L ist ja nicht mehr weit.

Apropos Talkback: nach einer achtmonatigen Entwicklungspause geht es mit einer neuen Betaversion weiter. Diese wird nun nicht mehr per APK-Download über deren Google-Code-Seite vertrieben, sondern ordentlich über den Play Store, indem man sich als Tester registriert und dann Betaversionen automatisch geliefert bekommt.

Mit einem Nexus 5, das ich aus o. g. beruflichen Gründen eh hier habe, habe ich nun also mal meine Kritikpunkte überprüft und bin zu folgenden Ergebnissen gekommen.

Die Tastatur

Einer der wesentlichen Kritikpunkte war, dass man auf der Google-Tastatur keine deutschen Umlaute schreiben konnte. Auch war es nicht einfach möglich herauszufinden, welche Sprache bei mehreren installierten Sprachen die nächste sein würde, die man anspringt. Dieses letztere Problem ist immer noch vorhanden, allerdings ist die ansage nach dem Umschalten deutlich besser.

Außerdem bekam die Google Tastatur kürzlich ein Update spendiert. Und eine der wesentlichen Neuerungen ist, dass man jetzt auch bei eingeschaltetem TalkBack einen Finger auf dem Grundbuchstaben für einen Umlaut verweilen lassen kann. Es poppt dann eine Mini-Tastatur auf, die Sonderzeichen für diesen Grundbuchstaben enthält. Für ein a z. B. also nicht nur ein ä, sondern auch ein a mit französischen Accent-Balken oder einer Ligatur bestehend aus a und e. Einzige Merkwürdigkeit ist, dass das ä als „A mit Threema“ gelesen wird. Klingt, wie ein Kommentator zu meinem englischen Beitrag hierzu vermutete, nach einem UTF-8-Konvertierungsproblem. Wenn man sich daran gewöhnt, kann man jetzt prima Umlaute eingeben. Einfach das gewünschte Sonderzeichen ansteuern, Finger anheben, fertig! Man muss lediglich am Anfang etwas Lernzeit einplanen, denn das Popup reagiert etwas empfindlich darauf, wenn man außerhalb berührt oder mit dem Finger hin rutscht, und schließt sich dann gern mal, und man muss es neu aufrufen. Mit ein bisschen Fingerübung komme ich inzwischen aber prima damit klar.

Was die Tastatur auch gut beherrscht, ist, beim Berühren der Leertaste und einiger Interpunktionszeichen anzusagen, wenn eine Autokorrektur vorgenommen wird und was diese sein wird. Man kann dann also, ohne den Finger anzuheben, oberhalb der Tastatur hin fahren und z. B. einen anderen Vorschlag oder den Originaltext finden und so eine Autokorrektur auch verhindern.

Diese neue Version der Tastatur wird standardmäßig nicht über den Play Store als Update angeboten. Man muss sie explizit suchen und dann aktualisieren, oder man nimmt den oben stehenden Link und lässt sich die Tastatur bequem vom Browser aus auf seine Geräte schicken. 😉

Zwei Punkte abgehakt und sogar noch dazugewonnen!

Editierfunktionen

Ein weiterer essenzieller Kritikpunkt war, dass es keine Unterstützung für Editierfunktionen gab und man auf eine externe Tastatur angewiesen war.

Auch dieser Punkt hat sich mit einem TalkBack-Update erledigt. Im lokalen Kontextmenü eines Textfeldes (in einer Bewegung nach oben und rechts wischen) gibt es jetzt einen Punkt „Cursorsteuerung“. In diesem Untermenü befinden sich nicht nur Punkte, um den Cursor an den Anfang oder das Ende zu bewegen und allen Text zu markieren, sondern auch ein Punkt namens „Textauswahl beginnen“. Wählt man diesen, vollführen die Wischgesten nach links und rechts Textmarkierung bzw. heben diese auch wieder auf. TalkBack ist hier nicht sehr gesprächig, man muss also ein bisschen aufpassen, was man schon markiert hat und was nicht. Eine Möglichkeit, den markierten Text vorlesen zu lassen, habe ich noch nicht gefunden.

Ruft man danach dieses Kontextmenü wieder auf, gibt es im Untermenü „Cursorsteuerung“ Punkte zum Ausschneiden oder Kopieren. Befindet sich Text in der Zwischenablage, gibt es auch einen Punkt zum Einfügen von Text.

Wieder einer weniger!

Kontinuierliches Scrollen in Listen

Ein weiterer Punkt, der mich extrem störte, war der, dass man in Listen nicht kontinuierlich scrollen konnte. Dies wurde in einem recht frühen TalkBack-Update nach meinem Blogbeitrag als Feature hinzugefügt. Jetzt wird bildschirmweise weitergescrollt, wenn man das letzte angezeigte element erreicht hat und weiter nach rechts wischt. Ggf. muss man dieses Verhalten einmal in den TalkBack-Einstellungen aktivieren.

Und noch einer weg! 🙂

Der DB Navigator

Ein weiteres Problem war, dass der DB Navigator der Deutschen Bahn, den man ja doch hin und wieder braucht, wenn man in Deutschland unterwegs ist, nicht zugänglich war. Vor allem konnte man die gewünschte Abfahrtszeit und das Datum nicht einstellen.

Diese App hat im Laufe des letzten Jahres ein Update bekommen. Dieses vereint nun DB Navigator und DB Tickets in einer App, und es wird ein zugängliches Datums- und Zeit-Auswahl-Widget zur Verfügung gestellt, mit dem man wunderbar alle Angaben machen kann. Zusammen mit einigen Verbesserungen bei den verwendeten Webansichten ist nun das Heraussuchen von Verbindungen, Buchen von Tickets und das Vorzeigen im Zug mit der Android-App genauso möglich wie mit der App für iOS. Yay! 🙂

eBooks

Während sich bei Google Play Books wenig getan hat, ist die Amazon Kindle App, dem Beispiel der iOS-App folgend, auch unter Android inzwischen voll zugänglich, und man kann damit seine eBooks genauso lesen wie unter iOS. Das ist auch deshalb nicht überraschend, weil zumindest die englische Version von FireOS 3.0, die Ende 2013 zusammen mit den Kindle-Fire-HDX-Modellen erschien, diese Unterstützung ebenfalls bietet. FireOS ist ein Ableger von Android.

Kalender

In der ursprünglichen Fassung dieses Blogbeitrags schrieb ich im weiter unten stehenden Bereich der noch problematischen Dinge folgendes:

Zum einen ist dies der Kalender. Oh ja, auch der spricht inzwischen besser als damals, ich kann mit dem, was er mir erzählen möchte, aber nichts anfangen. Felder für Termine und Daten gehen munter durcheinander, und ich habe keine rechte Ahnung, was genau wohin gehört. Wenn hier jemand einen guten zugänglichen Ersatz kennt, bin ich für Hinweise immer dankbar!

Nach Veröffentlichung des englischsprachigen Posts hierzu erhielt ich auf der Eyes-Free-Mailingliste den Tipp, den Kalender in die Terminübersicht-Ansicht umzuschalten. Man aktiviert dafür oben links die Dropdown-Liste, deren Beschriftung „August 2014“ (oder welches Jahr und welchen Monat man eben gerade hat) lautet. Es öffnet sich ein Menü mit vier Optionen, und die unterste ist Terminübersicht. Diese ist in der Tat sehr zugänglich, und man kann problemlos erfassen, was an Terminen ansteht. Problem gelöst!

Andere Verbesserungen, die ich damals nicht als Problem erwähnte

Es gab in Android auch einige Verbesserungen, die in meinen ursprünglichen Posts keine Kritikpunkte waren, hier aber durchaus erwähnt werden sollten. So hat sich, wie oben bereits erwähnt, die Zugänglichkeit von WebViews in Android 4.4 merklich verbessert. Die GoogleMail-App liefert sogar so etwas mit, das stark nach ChromeVox klingt. Man muss lediglich zum Mailinhalt wischen, ihn nicht berühren, dann wird diese Unterstützung automatisch genutzt. Hiermit ist die Gmail-App inzwischen so gut zugänglich wie unter iOS seit einem Update im Frühjahr. Auch ist es nicht mehr nötig, in den Einstellungen für Bedienungshilfen die Skriptunterstützung für Webansichten einzuschalten, das passiert jetzt völlig automatisch.

Apps wie Google+ laufen unter Android sogar besser als unter iOS! Auch die Twitter- und Facebook-Apps haben erhebliche Verbesserungen bei der Zugänglichkeit erfahren, seit es in beiden Firmen Teams gibt, die für die Barrierefreiheit zuständig sind und die entsprechenden Ingenieure so schulen, dass diese die Zugänglichkeit bei neuen Features gleich mit beachten. Klappt sowohl unter iOS als auch Android noch nicht immer reibungslos, aber doch immer öfter! 🙂

Und eines sollte auch noch erwähnt werden: Chrome folgte dem Beispiel des Firefox und implementiert jetzt auch einen echten TalkBack-Support. Dieser steht seit Version 35 zur Verfügung. Somit ist Chrome keine selbst sprechende Anwendung mehr und integriert sich besser mit TalkBack und anderen alternativen Screen Readern.

Weitere Apps mit guten Alternativen

Etwas, das ich im Ausland viel nutze, ist eine App zur Geldschein-Erkennung. Unter iOS mache ich das immer mit dem LocTel Money Reader. Unter Android gibt es dafür inzwischen u. a. die App Blind-Droid Wallet, mit der ich gute Ergebnisse erzielt habe.

Auch für die Navigation scheint es inzwischen etwas vernünftigeres zu geben, u. a. die App DotWalker. Ich habe sie noch nicht testen können, bekam sie heute Vormittag erst empfohlen. Sie scheint nicht ganz den Funktionsumfang von BlindSquare zu beherrschen, aber auf einem guten Weg zu sein. Und wer weiß, vielleicht gibt es BlindSquare ja auch bald mal für Android! 🙂

Dinge, für die ich noch Alternativen suche

Von meiner Liste bleibt eigentlich nur ein Bereich übrig, für den ich bisher noch keinen adäquaten Ersatz bzw. eine Entsprechung gefunden habe.

Und dieser betrifft die Kamera und Gallerie. Auch diese scheint besser geworden, zumindest was die Kamera angeht, die Gallerie ist aber genauso unzugänglich wie damals, und das betrifft auch Apps, die diese einbeziehen, wie der ABBYY TextGrabber. Ich weiß von Benutzern eines Samsung Galaxy S5, dass Samsung sowohl bei der Kamera als auch der Gallerie richtig was getan haben und sich das für sie fast wie auf einem iPhone anfühlt, mit Gesichtserkennung, Panoramaunterstützung und so weiter, bei Google-Nexus-Geräten ist dies jedoch leider absolut nicht der Fall. Hier wären also Alternativen echt spannend.

Fazit

Von der Menge an Punkten, die ich damals zu kritisieren hatte, ist tatsächlich nur einer übrig geblieben, und dieser könnte durchaus als Nice-To-Have durchgehen. 😉

Es ist also sehr erfreulich zu sehen, dass Android aufholt und sich kontinuierlich verbessert und es somit tatsächlich mal eine ernstzunehmende Alternative zu Apples iPhone gibt! Auswahlmöglichkeiten sind auch für unseren Personenkreis sehr wichtig! Android als Alternative ist für mich jedenfalls heute viel wahrscheinlicher als vor einem Jahr!

Und nun freue ich mich auf eure Kommentare!

Office für Blinde: Altbekanntes und neue Entwicklungen

Ausgelöst durch die am 14.01.2014 erfolgte Ankündigung von Microsoft und GW Micro, den Screen Reader Window-Eyes in Zukunft für Office-Anwender kostenlos zur Verfügung zu stellen, habe ich mich mal umgeschaut, was es im Moment so an gängigen Office-Lösungen gibt und wie zugänglich diese für Blinde sind. Zugängliche Office-Anwendungen sind gerade im beruflichen Umfeld immer noch einer der wichtigsten Faktoren, die über einen Arbeitsplatz oder die Arbeitslosigkeit entscheiden können.

Microsoft Office

Der Branchenprimus ist ganz klar weiterhin Microsoft mit seinem Office-Paket. Dabei bin ich auf eine sehr spannende Entwicklung gestoßen, nämlich Microsofts Abonnement-Modell Office 365. Als Privatanwender bekommt man hier für 10 Euro im Monat oder 99 Euro pro Jahr ein Paket, das ein vollwertiges Office Professional für Windows und Mac enthält sowie Zugang zu den Office Web Apps, die in Microsoft SkyDrive integriert sind als auch zu ihren mobilen Anwendungen für iOS und Android. Man wird stets auf dem aktuellen Stand gehalten. Selbst wenn Microsoft im Abozeitraum also eine neue große Version herausbringt, hat man sofort Zugriff drauf, ohne extra etwas bezahlen zu müssen. Und das beste: man kann es einen Monat kostenlos testen! Wenn man sich also überlegt, dass allein die Home & Student 2013 Edition, die wesentlich weniger Apps enthält, schon 139 Euro kostet und ein vollwertiges Office Pro mit fast 550 Euro zu Buche schlägt, ist das ein echt attraktives Angebot. Und der Clue: man darf das Office auf bis zu fünf Rechnern im eigenen Haushalt installieren, und diese Rechner dürfen Windows-PCs oder Mac-Computer sein. Zusätzlich kann man die Office-Apps auf bis zu fünf mobilen Geräten an einen Account anmelden. Die Web-Anwendungen sind von überall her zugänglich. Selbst ein Office-Streaming-Angebot gibt es: Man streamt es auf einen Rechner, und sobald man die App zumacht, entfernt sie sich wieder, angeblich rückstandsfrei. Das ist aber, je nach Internetverbindung, eine Option, die mitunter recht viel Geduld erfordert. Ich halte Office 365 für die mit Abstand wirtschaftlichste Möglichkeit, ein Office zu nutzen, die es für MS Office heute gibt. (Hinweis: Microsoft bezahlt mich nicht für diese Schwärmerei, und auch sonst bekomme ich von niemandem Geld dafür. 😉 )

Und eben ein solches lokal installiertes Office berechtigt in Zukunft zur Nutzung von Window-Eyes, ohne dies extra erwerben zu müssen. Voraussetzung ist der auch auf deutsch verfügbare Download der Version von der oben verlinkten Webseite. Aber Window-Eyes ist nicht die einzige Lösung, die mit diesem Office läuft. Zur Zeit ist dies Version 2013. NVDA und JAWS machen hier eine ebenso gute Figur. Wer JAWS kennt, weiß, wie gut der Office-Support ist. Und NVDA hat im letzten Jahr verdammt viel dazugelernt, was die Unterstützung von Word & Co. angeht. Da NVDA kostenlos ist, lohnt sich definitiv ein Vergleich! Ich empfand das Arbeiten mit NVDA in Office durchaus als deutlich zuverlässiger und schneller als mit Window-Eyes. Besonders bei der Benutzung einer Braillezeile hinkt WE z. B. sehr, wenn man in Word nur zeilenweise auf und ab navigiert.

Und weil ich in einem anderen Blogbeitrag speziell nach Narrator gefragt wurde: Narrator bietet keine wirklich ernstzunehmende Office-Unterstützung. Es sind keine Features wie das Lesen von Fußnoten, Rechtschreibfehlern im Dokument, Revisionen o. ä. verfügbar. Auch in Excel sieht man quasi gar nichts. Auch aus diesem Grund kommt man also mit einem RT-Tablet nicht weiter, sondern sollte für Windows 8.1 immer ein richtiges Intel-System nehmen, um einen besseren Screen Reader installieren zu können. Weitere Ausführungen finden sich im verlinkten Beitrag.

Unter OS X sieht die Situation leider nicht ganz so rosig aus. Die hier aktuelle Version Office für Mac 2011 hat zwar zugängliche Symbolleisten und Menüs, der eigentliche Dokumentbereich in Word ist mit VoiceOver aber z. B. gar nicht auslesbar. Ein Bearbeiten von Dokumenten ist hier de facto nicht möglich. Outlook geht so leidlich, aber hier muss Microsoft definitiv noch einmal nachbessern!

Die iOS und Android Apps für Office Mobile sind eher keine echten Produktivwerkzeuge für VoiceOver- bzw. TalkBack-Anwender. Unter iOS z. B. ist der Dokumentbereich nicht erfassbar, und Symbolleisten erscheinen und verschwinden quasi nach Belieben. Unter Android kommt man eventuell weiter, wenn man über die SkyDrive-App Word-Dokumente in Googles QuickOffice-App öffnet, da kann man wenigstens was lesen. Unter iOS kann Pages mit Word-Dokumenten umgehen. Mehr dazu weiter unten.

Und jetzt kommt die Überraschung schlechthin: Eigentlich hatte ich mich zuerst gar nicht mit der Webversion von Office beschäftigen wollen, nachdem sowohl Google Docs als auch iWork für iCloud eher sehr traurige Beispiele von Zugänglichkeit sind (siehe unten). Doch wie überrascht war ich, als ich dann doch ein Dokument über SkyDrive erstellte! Die Webversion von Word & Co. ist in sehr vielen Belangen als echt zugänglich zu bezeichnen! Ich testete dies mit Firefox und IE unter Windows 7 und 8.1, sowohl mit NVDA, JAWS und Window-Eyes. Man bekommt sowohl den Text auf der Braillezeile zu lesen, als auch grundlegende Formatierungsinformationen. Die Ribbon-Symbolleisten sind voll zugänglich und sprechen dank der ordentlichen Implementierung von WAI-ARIA mit NVDA zusammen vollständige Informationen, so dass man immer weiß, wo man ist. JAWS und Window-Eyes schwächeln hier etwas, da sie immer nur das im Focus befindliche Element sprechen, nicht aber eventuelle Informationen zur Zugehörigkeit eines Gruppenfeldes. So kann man mit NVDA wunderbar den Übergang von einer Schleife in die nächste mitbekommen, mit JAWS und WE hingegen nicht. JAWS war bei allen Tests mit NVDA fast gleich auf, Window-Eyes hinkte bei allem sehr hinterher. Trotz ausgeschaltetem Browse-Modus wurde vieler Text nicht gelesen oder auf der Zeile angezeigt, der Focus ging oft verloren usw. Der verwendete Browser war hierbei unerheblich. NVDA schwächelte im IE, das Navigieren in Dokumenten ist dort sehr langsam. Die beste Kombination von Screen Reader und Webbrowser für Office im Web sind Firefox und NVDA.

Unter OS X kommt VoiceOver mit Safari mit den Web-Apps von Office nicht wirklich zurecht. Man sieht die erste Zeile oder den ersten Absatz eines bestehenden Dokuments, das Betätigen der Pfeiltasten bewirkt aber nur Schweigen. Nur wenn man selbst was neues hinzufügt, kann man dies eventuell kurzzeitig lesen. Auch VoiceOver spricht in den Symbolleisten nur das aktuelle Element, die Gruppeninformationen werden auch hier nicht gesprochen.

Auf dem iPad ist die Situation sehr ähnlich. Hier habe ich es nicht einmal geschafft, in den Bearbeitungsmodus zu kommen, um eventuell einem Dokument etwas hinzuzufügen. Die Symbolleisten wurden hingegen ähnlich gelesen wie auf dem Mac.

Unter Android wird dem Firefox leider nur eine Dokumentversion zum Lesen und ein Seitenzahlenanzeiger gegeben. Will man die Desktop-Version abrufen, bekommt man die Hauptseite von office.com zu sehen.

Apropos Dokumentenanzeige: Microsoft empfiehlt in seiner Anleitung zur Benutzung der Barrierefreiheitsfunktionen von Office im Web, ein Dokument als PDF zu exportieren und dieses mit dem Adobe Reader zu lesen. Und das ist eine prima Idee, denn Microsoft erzeugt hier standardmäßig ein PDF mit Tags für die Zugänglichkeit. Und die Umsetzung ist ziemlich gut!

Man kann hier also mit Fug und Recht behaupten, dass Microsoft vorbildliche Arbeit abgeliefert haben, was die Zugänglichkeit seiner Office-Lösung für den Webbrowser angeht. Die Tatsache, dass man mit Firefox und NVDA sehr gut klarkommt, heißt, dass andere Hersteller hier noch nachzuarbeiten haben. Wäre das Geschwindigkeitsproblem nicht, würde NVDA im Internet Explorer mit Sicherheit genauso gut mit Office zusammenarbeiten.

Und dass gerade Microsoft hier so gute Arbeit abgeliefert hat, erfüllt mich, der ich seit über sechs Jahren mithelfe, WAI-ARIA zu entwickeln und dabei besonders auf die Benutzung durch Endanwender achte, mit ziemlichem Stolz! Denn nachdem ich neulich über dieses Thema auf englisch bloggte, schrieb ein Kommentator, dass er ähnlich gute Ergebnisse auch mit Firefox und Orca unter Linux erzielen konnte. Nutzt Webstandards, und ihr könnt wahre Wunder bewirken! 🙂

Google Docs

Von diesem Zustand sind Google mit seiner verbreiteten Cloudlösung Docs noch weit entfernt. Auch Google Docs implementiert zwar WAI-ARIA, und die Menüs und Symbolleisten laufen inklusive Tastaturnavigation auch echt OK, das Bearbeiten von Dokumenten ist allerdings ein echtes Problem. Google haben sich dafür entschieden, alle gesprochenen Dinge als sogenannte Live-Region einfach in den Screen Reader zu kippen. Jede Cursorbewegung, jeder Zeilenwechsel und andere Informationen werden als flüchtige Nachricht einfach an die Sprachausgabe gesendet und verpuffen danach im Nirvana. Man kann weder mit der Braillezeile kontrollieren, was man geschrieben hat, geschweige denn mit Cursorrouting im Text navigieren, noch kann man die aktuelle Zeile nochmals vorlesen lassen. Auch das Abfragen von Formatierungsinformationen geht nur, indem man hübsch von Hand in die Symbolleisten wandert und sich die Infos dort zusammensucht oder eine Taste drückt, die ausgewählte Infos einmal an die Sprachausgabe schickt. Ja, man kommt damit vielleicht irgendwie klar, wenn man nur die Sprachausgabe nutzt und sich um Braille nicht schert. Ich finde aber: Schön geht anders!

Apple iWork

Apple haben im vergangenen Oktober bei einer großen Keynote angekündigt, die Office-Anwendungen Pages, Numbers und Keynote, auch unter dem Sammelbegriff iWork bekannt, in Zukunft mit jedem neuen Mac oder iOS-Gerät kostenlos abzugeben. Die Apps waren auch vorher schon nicht mehr teuer. Aber das war schon eine ziemliche Sensation. Gleichzeitig wurden von allen Programmen, die es sowohl für Mac OS X als auch für iOS gibt, neue Versionen veröffentlicht. Die für die Software-Branche lange Wartezeit von fast fünf Jahren seit dem letzten Update der Mac-Version hat sich gelohnt! iWork ist unter OS X Mavericks (unter früheren Versionen läuft diese neue Version nicht) die mit Abstand zugänglichste Office-Lösung. Alle Kritikpunkte, die es bis dahin von VoiceOver-Anwendern gab, wurden beseitigt. So kann man jetzt auch in Pages-Dokumenten Tabellen lesen und erstellen, und seit einem Update aus dem Januar 2014 auch Präsentationen in Keynote selbstständig ablaufen lassen, nicht nur bearbeiten.

Unter iOS waren die Programme ebenfalls schon immer sehr gut, haben aber mit der neuen Version, die ab iOS 7.0 läuft, auch noch einmal richtig zugelegt. Auch hier ist das Erstellen von Tabellen und anderen weitreichenden Formatierungen auf dem iPad voll mit VoiceOver zugänglich, man bekommt in Keynote Infos über Präsentationseffekte o. ä. nicht nur angesagt, sondern kann sie auch bearbeiten, und auch mit dem iPad sind Präsentationen vollständig selbst vortragbar. Auch Numbers, die Tabellenkalkulation, ist wesentlich besser geworden. Alle Programme können mit Microsoft-Office-Dokumenten umgehen, so dass hier ein Austausch möglich ist. Dokumente werden standardmäßig in iCloud gespeichert und sind somit immer auf dem neuesten Stand. Andere Cloud-Dienste werden von der iOS-Version nicht unterstützt, die Mac-Version kann natürlich Dateien auch lokal speichern, z. B. in einem Dropbox-Ordner.

Der PDF-Export erzeugt keine getaggten PDF-Dokumente, und es gibt auch keine Option, dies einzustellen.

Die Webversion von iWork, genannt iWork für iCloud, lernt erst seit einem Update von Mitte Januar 2014 ein wenig Barrierefreiheit. Und auch hier ist das Problem, dass gesprochene Inhalte per Live Region einfach an den Screen Reader gesendet werden. Auch ist die Implementierung bisher sehr rudimentär, aber dass sich was tut, lässt hoffen, dass da noch mehr kommt. Produktiv einsetzbar ist das jedenfalls noch nicht.

OpenOffice und LibreOffice

Die Open-Source-Anwendung OpenOffice und der ebenfalls quelloffene Ableger LibreOffice bieten ein sehr uneinheitliches Bild, was die Barrierefreiheit angeht. Unter Linux mit Orca läuft es anscheinend sehr anständig. Ich hatte in der Kürze der Zeit kein aktuelles Linux zur Verfügung, höre aber eigentlich nur Gutes aus der Community.

Unter Windows ist OpenOffice und LibreOffice bis jetzt, d. h., einschließlich der Version 4.0, nur mit Hilfe der Java AccessBridge nutzbar. NVDA haben viel Zeit investiert, um es halbwegs zugänglich zu machen, andere Screen Reader laufen von Version zu Version mal schlecht, mal weniger gut. Das alles wird sich aber mit der Version 4.1, die sich in Entwicklung befindet, radikal ändern. OpenOffice, und damit vermutlich dann auch LibreOffice, erben nämlich die Implementierung der Zugänglichkeitsschnittstelle IAccessible2, welche eine Fortentwicklung von Microsoft Active Accessibility durch IBM, Mozilla, NVDA und anderen ist. IBM hatte seinerzeit als Referenzimplementierung seine auf einem älteren OpenOffice basierende Suite Lotus Symphony zugänglich gemacht und diesen Code dann später dem OpenOffice-Projekt gespendet. Lotus Symphony gibt es inzwischen nicht mehr bzw. es wird nicht weiterentwickelt, und der Code von damals ist nun endlich soweit aktualisiert und an das aktuelle OpenOffice angepasst, dass es in Version 4.1 zum Release kommt und die Java-Technologie ablöst. Ich habe einen Entwicklersnapshot mit NVDA getestet, und das Teil ging ab wie eine Rakete! Tolle Infos, sehr schnelle Reaktionszeiten, die Braillezeile läuft mit. Sobald das veröffentlicht ist, ist OpenOffice eine echte Alternative zu Microsoft Office unter Windows.

Unter OS X sieht die Situation für OpenOffice leider nicht ganz so gut aus. Die Implementierung für VoiceOver ist zwar vorhanden, aber man hat das Gefühl, dass sie in einer früheren bis mittleren Beta-Phase steckengeblieben ist und sich seit Jahren nichts mehr tut. Es ist relativ instabil, ich hatte bei meinen Versuchen mit mehreren Abstürzen bei einfachsten Aktionen zu kämpfen. Hier ist zu hoffen, dass sich da bald mal wieder ein paar Mac-Entwickler der Situation annehmen und den VoiceOver-Support zu Ende implementieren. Denn auch Pages & Co. tut eine Alternative nur gut! Es gibt unter OS X zwar noch weitere zugängliche Alternativen wie den Nisus Writer Pro. Diese sind aber reine Textverarbeitungen, keine Tabellenkalkulation oder Präsentationssoftware.

Auch OpenOffice und LibreOffice können getaggte PDFs erzeugen. Diese muss man allerdings zunächst in den Optionen zum PDF-Export aktivieren. Standardmäßig ist der PDF-Export also ohne Zugänglichkeit.

Fazit

Unter OS X und iOS kommt man zur Zeit an Apples eigenem Angebot nicht vorbei, wenn man Office-Anwendungen nutzen will oder muss. Voraussetzung ist aber der Einsatz von OS X 10.9 Mavericks und iOS 7.0 oder neuer. Ältere Betriebssystemversionen werden in beiden Fällen nicht unterstützt. Unter Windows ist am Horizont mit OpenOffice und hoffentlich LibreOffice eine echte Alternative zu Microsoft Office zu erkennen. Und im Web besticht ganz klar Microsoft mit seiner wirklich hervorragenden Implementierung von Zugänglichkeitsstandards, die es sogar unter Linux sehr zugänglich machen! Google und Apple haben hier definitiv noch ganz viel Luft nach oben!