Der Messenger Telegram war blinden handybenutzern bisher durch fehlende Barrierefreiheit verschlossen. Mit dem letzte Woche erschienenen Update ändert sich das nun.

Am 24.03.2019 hat Telegram ein großes Update veröffentlicht, in dem es einige neue Privatsphärefunktionen gibt. Für viele Lesende dieses Blogs wichtiger ist jedoch, dass dieses Update unter iOS jetzt VoiceOver unterstützt und unter Android die Kompatibilität mit TalkBack verbessert wurde. Zitat aus dem Blogbeitrag:

We’ve added support for accessibility features – VoiceOver on iOS and TalkBack on Android. These gesture-based technologies give you spoken feedback so that you can use Telegram without seeing the screen.

Diese allgemein gehaltene Angabe beschreibt nicht annähernd, welch großer Schritt hier vollzogen wurde. Die Apps sind von quasi nicht zugänglich zu einer fast vollständig zugänglichen Version weiterentwickelt worden. Ein sehr begrüßenswerter Fortschritt!

Telegram unterstützt neben Textnachrichten ebenfalls die bei Blinden ja sehr beliebten Sprachnachrichten, Videonachrichten und Sprachanrufe sowie das Versenden beliebiger Dateien. Das Aufzeichnen von Sprachnachrichten funktioniert wie bei WhatsApp: Schalter fokussieren, doppeltippen und halten, und entweder so lange festhalten, bis man fertig ist, oder nach oben wischen, um die Aufnahmetaste „einzurasten“ und dann separat unten rechts auf den Senden Button doppeltippen, um die Sprachnachricht abzuschließen und abzuschicken. Dies gilt für iOS und Android gleichermaßen.

Es sind noch nicht alle Bereiche zugänglich, so sind z. B. die Dateiauswahlen beim Anfügen von Medien an eine Nachricht noch mit vielen unbeschrifteten Buttons gepflastert. Das weiß das Telegram Team aber auch selbst und arbeitet an Verbesserungen, wie eine Antwort des deutschsprachigen Support-Teams an Balou auf Twitter zeigt.

Bei den offiziellen Desktop-Apps sieht es leider längst nicht so gut aus. Zumindest die Windows-Variante ist zur Zeit gar nicht zugänglich, wie ein Kurztest von mir heute ergab, und die Mac-Variante, die ich vor zwei Jahren mal probiert habe und die auf der gleichen Bibliothek visueller Komponenten aufbaut, teilt dieses Schicksal. Auf dem Desktop ist lediglich Telegram Web mit Abstrichen zu gebrauchen. Es sind nicht alle Buttons und Links beschriftet, und den Nachrichtenverläufen fehlt definitiv etwas vernünftige Struktur. Aber wenn man sich einmal eingefuchst hat, geht’s so einigermaßen.

Eine vielversprechende Entwicklung für Windows 10 gibt es beim Projekt Unigram, einer universellen Windows-App. Diese stammt aus der Community, nicht von den Machern von Telegram, baut aber auf deren offiziellen Programmierschnittstellen und Bibliotheken auf. Diese ist im Zuge der kürzlichen Veröffentlichungen ebenfalls zugänglicher gemacht worden und läuft mit einigen Abstrichen ganz ordentlich. Die Community scheint aber sehr aktiv zu sein, so dass hier sicher in Kürze noch weitere Verbesserungen zu erwarten sind. Die App also am besten über den Windows Store installieren und dadurch immer auf dem aktuellen Stand bleiben.

Es ist auf jeden Fall erfreulich, dass auf Handys neben dem Platzhirschen WhatsApp, Threema und Signal jetzt auch der durchaus verbreitete Messenger Telegram für Blinde und Sehbehinderte zugänglich gemacht ist. Er ermöglicht so eine bessere Teilhabe an sozialen Aktivitäten, und Telegram erfreut sich als WhatsApp-Alternative inzwischen recht großer Beliebtheit, weil es im Gegensatz zu allen drei anderen genannten Messengern auch vom Handy unabhängig auf dieselben Nachrichten, mit Ausnahme geheimer Chats, zugreifen kann. Lediglich die geheimen Chats, die ende-zu-ende-verschlüsselt sind, sind geräteabhängig, weil die dafür benötigten Schlüssel auf den Geräten der beiden beteiligten Nutzer generiert und sonst nirgendwo gespeichert werden.

Viel Spaß also beim Ausprobieren von Telegram! Mich findet man dort natürlich jetzt auch.

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