Seit einigen Monaten verspüre ich immer stärker den Wunsch, bestimmten Aktivitäten in ungestörteren Formen nachzugehen. In Umgebungen, die von Ablenkungen befreit sind und ich mich auf eine Sache, und nur diese, konzentrieren kann. Und das hat zur Wiederentdeckung einiger blindenspezifischer Hilfsmittel geführt.

Ein wenig Geschichte

Blindenhilfsmittel gibt es schon sehr lange. In vergangenen Jahrzehnten waren diese oft die einzige Möglichkeit für unseren Personenkreis, bestimmte Aufgaben zu erledigen oder Zugang zu Informationen und Texten zu erlangen. Das reicht von Haushaltshilfen wie sprechenden oder taktilen Waagen über sprechende Thermometer bis hin zu Lesegeräten wie dem Optacon oder Braillezeilen. Mit fortschreitender Entwicklung der Technik erneuerten sich natürlich auch diese Geräte. Das Optacon wurde in den 1990ern von integrierten Vorlesesystemen oder Kombinationen aus Scannern (heute meist Kameras) und Texterkennungssoftware für den PC (oder Mac) ersetzt.

Auch in anderen Bereichen wurde die Zugänglichkeit immer mehr Mainstream. Ein Beispiel ist die Navigation per GPS. Ein anderes sind DAISY-Bücher, ein Hörbuchformat, das speziell für Blinde entwickelt wurde. Dieses gibt es über den Argon-Verlag inzwischen sogar kommerziell. Das populärste Beispiel sind wohl tatsächlich Hörbücher. Zunächst wurden diese nur für Blinde produziert. Sie wurden (und werden) von speziellen Blindenhörbüchereien verliehen. In früheren Jahrzehnten geschah dies in großen Boxen mit vielen Kassetten und in noch früherer Zeit auf Tonbandspulen. Später wurden neue Bücher im DAISY-Format produziert und auf CDs verschickt, und der Altbestand nach und nach ebenfalls digitalisiert. All diese Bücher werden von mehr oder weniger professionellen Sprechern, oft auf freiwilliger Basis, aufgelesen. Heutzutage erfreuen sich aber Dienste wie Audible großer Popularität bei Sehenden genauso wie Blinden, und kommerzielle Hörbücher haben einen solchen Markt, dass die Verlage sich leisten können, hochkarätige Sprecherinnen und Sprecher für das Auflesen der Hörbücher zu verpflichten.

Smartphones und Tablets wurden Mainstream

In den frühen 2000ern wurden die ersten Smartphones noch für Blinde zugänglich gemacht, indem für diese spezialisierte Software entwickelt und vertrieben wurde, ähnlich wie dies auch für Windows bis heute der Fall ist. Beispiele hierfür sind unter anderem Talks oder MobileSpeak für die Symbian-S60-Serie von Nokia-Handys. Alternativ gab es erste Geräte wie das PAC Mate, die eine Mischung aus einem Mainstream-Betriebssystem und spezialisierter Hardware und Screen Reader darstellten.

Mit dem Einzug von iPhone und Android-basierten Smartphones in den späten 2000ern änderte sich dies jedoch radikal. Zum ersten Mal gab es in Standard-Betriebssystemen für Mobilgeräte Screen Reader direkt an Bord. Man musste als Blinder keine spezielle Hard- oder Software mehr kaufen, um diese nutzen zu können. Das war, ohne Übertreibung, eine Revolution.

In den folgenden jahren wurden viele blindenspezifische Lösungen auf diese Plattformen portiert oder für diese ganz neu entwickelt. Um mal ein paar Beispiele zu nennen:

  • DAISY-Software mit der Möglichkeit der Online-Buchausleihe in Hörbüchereien, wie z. B. die Blibu-Apps.
  • Spezialisierte GPS-Navigationslösungen wie BlindSquare, Sendero oder die RNIB-Navigation.
  • Der KNFB Reader zum Scannen von gedrucktem Text mit Hilfe der im Smartphone vorhandenen Kamera
  • VoiceDream Reader zum Lesen von DAISY-, MP3-Hörbüchern, EPUB; Word, PDF und anderen Dokumentformaten.

All diese Apps erfüllen die speziellen Bedürfnisse blinder Menschen, die früher durch spezialisierte Hardware wie die Plextalk PTP oder PTN, Victor Reader Stream von Humanware, oder dedizierte GPS-Lösungen abgedeckt wurden, und scheinen diese überflüssig zu machen.

Ein anderer Punkt ist der Preis, der für diese speziellen Hilfsmittel aufgerufen wird. Dieser ist immer noch um ein vielfaches höher als die Kosten für mehrere der oben genannten Apps zusammengerechnet. Ein DAISY-Spieler und -Aufnahmegerät, ein Lesesystem oder ein dediziertes GPS wie der Trekker Breeze kosten zusammen durchaus vierstellige Euro-Beträge.

Ein Gerät, das bis heute aber keinen Ersatz gefunden hat, ist die Braillezeile. Wer Braille lesen möchte, kommt an ihr nicht vorbei. Also unterstützen auch Smartphones viele Braillezeilen, meistens drahtlos über Bluetooth. Hier gibt es also keinen Mainstream-Ersatz für die spezielle Hardware.

Schleichende Probleme

Also alles klar auf der Andreadoria? Nun ja, eine ganz lange Zeit habe ich das zumindest angenommen. Als ich 2009 mein erstes iPhone bekam und dann die ersten Apps auftauchten, die auch die Fähigkeiten der speziellen hardware übernahmen, verkaufte ich sogar einiges an Hilfsmitteln wie meinen Victor Reader Stream der ersten Generation. Ich glaubte halt, ich brauche die jetzt nicht mehr. Das können diese Apps im Prinzip auch. Allerdings zahle ich dafür einen Preis. Nicht auf einmal, und lange war er für mich auch nicht greifbar, aber über die Zeit hat er sich langsam angesammelt, bis er jetzt tatsächlich deutlich spürbar wird.

Der Preis ist nicht mal technischer Natur, sondern hat einfach mit der Tatsache zu tun, dass ich meine Inhalte oder Aufgaben auf einem Mainstream-Gerät konsumiere bzw. erledige. Viele dieser Probleme betreffen auch andere Nutzer wie z. B. Sehende, aber beeinträchtigen diese eventuell nicht so stark wie mich.

Ablenkung beim Lesen

Hier sitze ich und lasse mir von meinem Screen Reader ein Buch in meiner bevorzugten eBook-App vorlesen. Die Geschwindigkeit ist angenehm, und ich bin richtig ins Buch vertieft. Plötzlich kommt eine Benachrichtigung, z. B. von Twitter, rein. Der Benachrichtigungston dröhnt wie eine Kirchenglocke, und der Text der Benachrichtigung wird entweder an einer unpassenden Stelle in den Text des Hörbuchs gemischt oder unterbricht den Lesefluss zur Gänze. Wann was passiert, habe ich noch nicht herausgefunden, das ist anscheinend tagesformabhängig. In jedem Fall ist die Konzentration, das Abtauchen, dahin.

Klar, ich kann Nicht Stören so einstellen, dass es selbst bei entsperrtem Smartphone sämtliche Benachrichtigungen unterdrückt. Aber während Bitte Nicht Stören schnell ein- und ausgeschaltet ist, muss diese spezielle Einstellung in einer Einstellung irgendwo auf der dritten Einstellungsebene umgestellt werden. Und dann will ich das ja später vielleicht auch wieder nicht mehr, dass die Benachrichtigungen nicht mehr kommen, also muss ich wieder in die Tiefebenen der Einstellungen hinab klettern und es wieder umstellen. Das ist alles auf Dauer sehr fummelig und fängt irgendwann regelrecht zu nerven an.

Dieses Problem ist dabei nicht mal blindenspezifisch. Eine sehende Person, die ein eBook am handy liest, wird von einer per Banner eingeblendeten Benachrichtigung genauso abgelenkt.

Ein anderes Beispiel betrifft das Hören von Musik oder Podcasts. Selbst wenn der Bildschirm gesperrt ist, sorgen ankommende Benachrichtigungen dafür, dass der Screen Reader beim Sprechen standardmäßig die Lautstärke der Audiowiedergabe vorübergehend herunterregelt, um deutlich hörbar darüber hinweg sprechen zu können. Man muss dann entweder schnell die Geste zur Stummschaltung der Sprachausgabe ausführen oder die Wiedergabe pausieren und eventuell etwas zurück spulen, wenn man etwas gesprochenes dadurch verpasst hat. Und was ist, wenn man gerade die Bluetooth-Kopfhörer aufgesetzt hat und irgend etwas am anderen Ende des Raumes macht? Dann kann man das Smartphone nicht sofort erreichen und hat auf einmal zwei Sprachquellen, die einen volltexten. Ich für meinen Teil komme mit zwei gleichzeitigen Sprachquellen nicht klar. Ich verstehe dann höchstens von beiden noch die Hälfte, oder von einer gar nichts mehr und von der anderen auch nur drei Viertel.

eBooks in Blindenschrift lesen

Ich weiß ja nicht, wie es anderen blinden Lesern geht, aber irgendwie können die Hersteller von Screen Readern bzw. Smartphone-Betriebssystemen Braille alle nicht richtig. Ich habe über die Jahre diverse Kombinationen getestet und muss feststellen, dass jede von ihnen Fehler enthält, die ein flüssiges Lesen eines längeren Literaturtextes für mich zur Tortur machen. Entweder wird mir die Großschreibung in der deutschen Kurzschrift aufgezwungen, was zum Lesen von Literatur absolut unpassend ist, oder die Übersetzung ist so voller Kürzungsfehler, dass ein flüssiges Lesen unmöglich ist. Oder die Braillezeile navigiert nicht sauber durch längere Texte und springt bei Seitenübergängen oder manchmal auch völlig willkürlich nicht einfach einen Zeilenabschnitt weiter, sondern irgendwo anders hin und stört so den Lesefluss irreparabel.

Die Probleme mit der Braillenavigation kenne ich auch von Leuten, deren Muttersprache englisch ist. Englisches Braille kriegen die Screen Reader aber durchaus besser hin. Auch bei anderen nicht englischen Sprachen höre ich immer wieder Beschwerden über die schlechte Kurzschriftqualität in Screen Readern, wie z. B. im Französischen oder Spanischen.

Dass eine gute Kurzschriftübersetzung im Deutschen möglich ist, zeigen Programme wie RTFC oder auch das SBSBRL aus der Schweiz (gibt es das überhaupt noch?). Lediglich in den Screen Readern sind diese besseren Lösungen durchweg nicht enthalten, egal wohin man guckt. Für Statusmeldungen oder das Korrekturlesen von kürzeren Texten ist Computer-Braille ja OK. Ich weigere mich aber, ganze Romane damit zu lesen.

GPS-Navigation als Fußgänger

Es gibt inzwischen diverse spezialisierte GPS-Apps für die Smartphone-Betriebssysteme. Einige kosten einmalig was, andere gibt es im Abo. Keines von denen integriert sich jedoch mit dem auf dem jeweiligen Gerät vorhandenen Kartendienst, sondern nutzt immer irgend etwas eigenes. Und was sie alle nicht wirklich gut hinbekommen, ist nach meiner Erfahrung eine halbwegs akurate Standortbestimmung. Oft liegen sie um mehr als 10 m daneben, selbst wenn die Abdeckung an sich ganz prima ist.

Ich habe einmal einen kleinen Wettbewerb mit einem Freund veranstaltet, der einen Trekker Breeze von Humanware hat. Es ging zum einen um Situationen an üblichen Straßenkreuzungen und anderen Gegebenheiten und zum anderen um das Navigieren durch einen Park oder Wald anhand vordefinierter Landmarkierungen. Ich sag’s mal so, ich habe, obwohl ich mehrere Apps nacheinander in die Waagschale geworfen habe, auf allen Gebieten gnadenlos verloren. Der Breeze war so vorbildlich in Genauigkeit und Zuverlässigkeit, dass ich mich gefragt habe, wie Sehende mit dieser Ungenauigkeit zurecht kommen. Dann fiel mir aber wieder ein, dass die Standard-Apps wahrscheinlich für deren Anwendungsfälle genau genug sind und sie ja einen deutlich größeren Überblick über eine Szenerie haben als wir.

Eine weitere Sache, die all diese Apps gemeinsam haben, ist, dass sie unglaublich geschwätzig sind und mich mit Informationen zugemüllt haben, die ich in dem jeweiligen Moment gar nicht gebraucht hätte. Ja, das kann man alles filtern, ich weiß, aber das auch zu tun erwies sich in den drei Apps, die ich getestet habe, in allen Fällen als recht schwierig, weil die Benutzerinterfaces sehr komplex sind. Mal eben schnell was ausschalten ging nicht, und ich war, obwohl ich mit den Apps vertraut war, viel langsamer als der Freund auf dem Breeze. Ach ja, und erwähnte ich das Problem mit den zwei Stimmen, die gleichzeitig auf mich einreden? Diese Apps sind fast alle in irgend einer Form selbst sprechend. Da aber ja mein Screen Reader auch immer mitlaufen muss, kam es oft dazu, dass mir beide Stimmen ins Ohr gesäuselt haben und ich eventuell vielleicht sogar wichtige oder interessante Infos nicht oder nur halb verstand.

Allgemeine Unstimmigkeiten und Unzugänglichkeiten

Wenn ich Mainstream-Geräte nutze, bin ich immer etwas angespannt, denn es gibt häufig Unstimmigkeiten im Verhalten des Screen Readers. Auch kann ein Update einer App eine bisher gegebene Zugänglichkeit jederzeit zunichte machen. Aktualisierungen von Betriebssystemen können das Screen-Reader-Verhalten signifikant verändern. Und wenn es um Webseiten geht, die ich zu einem bestimmten zweck aufrufen oder benutzen muss, so gibt es auch im jahr 2018 trotz aller Projekte zur Barrierefreiheit immer noch so viele unzugängliche Angebote, dass einem schlecht werden kann. Entweder muss ich dann alle möglichen Tricks im Screen Reader anwenden, um irgendwie ans Ziel zu kommen, oder ich komme tatsächlich nicht ans Ziel. Und ja, auch das kommt im Jahr 2018 immer noch viel häufiger vor als uns allen lieb sein kann.

Anpassen eigener Ansichten

Wie bereits erwähnt, manifestierten diese Probleme sich nicht alle auf einmal, wenn man mal von dem direkten Vergleich bei der GPS-Navigation absieht. Sie schlichen sich an, sammelten sich und wurden mit der Zeit zu echten Störfaktoren, je häufiger ich über sie stolpere, je häufiger Ablenkungen passieren und je länger die Situation andauert. Das geht soweit, dass sie manchmal zu einem echten Stressfaktor werden. Das Berichten von Fehlern in der Brailleübersetzung an die Entwickler diverser Betriebssysteme und Screen Reader hat über die Jahre kaum Besserung gebracht, selbst wenn die Berichte von mehreren Nutzern nachvollzogen und berichtet wurden. Andere Probleme können nicht ohne ein grundsätzliches Umdenken á la „Hey, der Anwender liest gerade ein Buch, vielleicht sollten wir ihn dabei nicht stören!“ gelöst werden.

Ich überlegte also, was ich tun könnte, um die Stresslevel zu reduzieren, ein Buch mal wieder vollends ohne Störungen zu lesen oder entspannt in meinem Lieblingspark spazieren zu gehen. Ich habe in letzter Zeit stark abgenommen und bin dadurch wieder physisch viel mobiler als in den letzten Jahren geworden. Diese Aktivität wird in nächster Zeit also noch einen viel höheren Stellenwert einnehmen. Und ich möchte ihr nachgehen können, ohne dass der Stress einer ungenauen navigation das Vergnügen daran gleich wieder zunichte macht. Je älter ich werde, desto weniger komme ich mit zu hohen Stressfaktoren klar. Ich war einmal in einem Burnout und will da nie wieder hin.

Dann passierten vor kurzem mehrere Dinge, die das Gedankenkarussell so richtig in Schwung gebracht haben. Zum einen sprach ich mit besagtem Freund, und er erzählte mir, dass sein Breeze so langsam auseinander fällt, nachdem er ihn sieben Jahre intensiv genutzt hat, und er nach was neuem sucht. Nach kurzer Suche fand ich auf Humanwares Website den Victor Reader Trek (englisch). Dieser ist die Kombination aus zwei Geräten. Zum einen enthält er die Fähigkeiten des populären Victor Reader Stream mit all seinen Möglichkeiten zur Wiedergabe von Hörbüchern, Musik, Podcasts, der Online-Ausleihe von Büchern usw. Und zum anderen enthält er die Fähigkeiten des Trekker Breeze, natürlich modernisiert.

Der Trek kann also mehrere Dinge richtig gut, nach denen ich zur Zeit suche. Zum einen wird er eine störungsfreie und auf die Benutzung durch Blinde angepasste Umgebung bieten, um Hörbücher verschiedener Coleur zu konsumieren, ohne vom Smartphone abgelenkt zu werden. Und zum anderen wird er das können, was ich mir von einer für Blinde angepassten navigationslösung erhoffe. Noch muss man sich allerdings gedulden, der Trek ist im deutschsprachigen Raum noch nicht erschienen. Ich scharre allerdings schon gespannt mit den Hufen. 😉

Das andere, was geschah, war, dass ich ein ElBraille zum Testen bekam. Wie in meinem kürzlich erschienenen Testbericht ausgeführt, ist es für mich nicht das passende Gerät. Der Test führte jedoch dazu, dass ich mich nach einigen anderen Lösungen im Braillebereich umsah, die losgelöst von einem Smartphone oder PC mit Brailledateien umgehen können. Und nach einiger Suche landete ich beim Actilino von Help Tech. Dies ist eine 16-stellige Braillezeile mit für Help Tech bzw. Handy Tech typischen Notiz- und Lesefunktionen. Ich war in den 1990er und 2000er Jahren großer Fan des Buchwurm, einem Lesegerät mit 8 Braillemodulen, das bequem in eine Hand passte. Mit dem konnte ich über Stunden hinweg ganz vertieft Braillebücher lesen. Ich werde in ein paar Wochen ein Actilino zum Testen bekommen und bin schon sehr gespannt, ob ich mich damit ebenso in einen Roman versenken kann, ohne dass mir das Gewicht eines solchen gleich die Rippen bricht. Wenn die Leseerfahrung auch nur annähernd der des Buchwurm ähnelt, werde ich vermutlich sehr verzückt sein.

Fazit

Über viele Jahre hinweg habe ich fast ausschließlich Geräte benutzt, die nicht blindenspezifisch waren, also dem mainstream angehören. Über die Zeit habe ich aber festgestellt, dass allein deren Reichhaltigkeit an Funktionen dazu führen kann, dass wegen der konstanten geistigen Forderung Aktivitäten, die zur Entspannung dienen, oder das einfache Ankommen an einem Ort, eine echte Herausforderung werden können. Dinge, die eigentlich entspannen sollen, werden so zu einer Aktivität mit Stressfaktor. Oder in anderen Fällen sind Dinge einfach viel umständlicher zu erledigen als es nötig wäre. Es wurde mir langsam klar, dass Blindenhilfsmittel in meinem Leben doch wieder einen größeren Stellenwert einnehmen können, um einfach den Stress aus bestimmten täglichen Aktivitäten etwas herauszunehmen. Diese Geräte bieten eine sehr spezifische kontrollierte Umgebung, und ich kann mir vorstellen, dass es auch sehr erholsam sein kann, öfter als bisher nicht mehr mit den Unstimmigkeiten eines Screen Readers, der Unzugänglichkeit einer Website, oder dem Blödsinn mancher Brailleübersetzungen konfrontiert zu werden.

Ich bin mir durchaus im klaren darüber, dass dies nicht für jeden eine Möglichkeit darstellt. Diese Hilfsmittel haben ihren höheren Preis und sind daher nicht für jeden erschwinglich. Im deutschsprachigen Raum haben wir zum Glück viele gute Finanzierungsmöglichkeiten für viele Hilfsmittel, aber es gibt ja durchaus Länder, in denen das nicht der Fall ist. Und die hohe Arbeitslosigkeit unter Blinden tut ihr übliches dazu. Dies sind alles lediglich meine Überlegungen, die aus persönlichen Erfahrungen der letzten Jahre resultieren. Gerade die immer noch hohen Preise für die Hilfsmittel in Kombination mit der weltweit hohen Arbeitslosigkeit unter blinden Menschen bestärken mich darin, auch weiter jeden Tag für die bessere Zugänglichkeit von Mainstream-Angeboten einzutreten.

Menschen sind jedoch unterschiedlich. Die Erfahrung hat gezeigt, dass nicht alle Blinden mit den inzwischen sehr weit verbreiteten Touchscreen-Gadgets umgehen können. Sie kriegen es einfach nicht hin, und deshalb ist es wichtig, dass es eben spezialisierte Hardware gibt, mit der auch sie weiterhin Zugang zu Informationen und Literatur haben. Die Aussage, dass für manche die spezialisierte Hardware die einzige Möglichkeit des Zugangs ist, ist heute also genauso richtig wie vor 10, 20 oder 30 Jahren.

Interessanterweise beobachte ich das Phänomen, dass für bestimmte Aktivitäten wieder mehr dedizierte Geräte benutzt werden, auch bei sehenden Menschen in meinem Umfeld. Meine Frau liest z. B. Bücher grundsätzlich nicht am Smartphone oder Tablet, sondern auf einem Kindle Oasis. Dieser kann sie nicht mit irgendwelchen Benachrichtigungen vom Lesen ablenken, und sie kann den Text so zoomen, wie es für ihre Augen bequem ist. Sie sagte mal: „Bücher kann man nicht zoomen, daher immer Kindle, wenn’s geht.“ Den Stress aus bestimmten Aktivitäten herauszunehmen oder gar nicht erst zuzulassen ist also ein weiter verbreitetes Thema als ich es hier für mich geschildert habe.

Die Zeit wird zeigen, ob diese Ideen sich für mich tatsächlich als richtig erweisen. Aber der Wunsch für die Vereinfachung bestimmter Aufgaben und das Verringern von Overhead definitiv stark in mir ist! 🙂

Disclaimer

Dies ist kein gesponserter Artikel, und ich bekomme von keiner der genannten Firmen Geld dafür, dass ich ihre Produkte hier erwähnt habe. Die Nennungen sind lediglich das Resultat einer extensiven Recherche, bei der ich mir viel mehr Produkte angeschaut habe, als hier erwähnt wurden. Die genannten Produkte sind die Ergebnisse der Recherche, diejenigen, bei denen ich mich entschieden habe, sie ausprobieren zu wollen.

10 thoughts on “Rückbesinnung auf Blindenhilfsmittel

  1. Genau aus diesem Grund liebe ich meinen Sandisk Sansa MP3-Player mit Rockbox. Der ist für die Wiedergabe von Audio-Dateien in den unterschiedlichen Formaten perfekt, ist aber ansonsten „dumm“. Allerdings ist der auch so klein, dass dessen Mitnahme buchstäblich nicht ins Gewicht fällt. Wie das mit den von Dir angesprochenen Hilfsmitteln aussieht, wäre interessant. Denn ich sehe gerade hier bei den Smartphones den größten Vorteil: Ich brauche unterwegs keine fünf Geräte mit womöglich fünf Ladekabeln und fünf Transporttaschen. Außerdem stresst mich eher die Tatsache, dass ich dann regelmäßig mehrere tausend € mit mir rumschleppe. Da ist das Herunterfallen des Handys für 400 € oder das Zerkratzen des MP3-Player-Displays viel eher zu verschmerzen. Ansonsten teile ich aber Deine Einschätzung bzgl. des Stresspotentials der Dauerbeschallung. Das fängt bei mir schon an, wenn das Telefon klingelt, während ich mit dem Langstock unterwegs bin.

  2. Ich würde diese Rückbesinnung gar nicht mal so sehr auf Blindenhilfsmittel beschränken. Seit ich ein Smartphone im modernen Sinn verwende, habe ich viele Apps ausprobiert, die auch richtig toll sind. AntennaPod für meine Podcasts, den Voice Dream Reader, Radio-Apps usw. Alle diese Apps fühlen sich richtig gut an, es macht Spaß mit ihnen zu arbeiten. Dennoch musste ich feststellen, dass ich diese Apps unbewusst sehr viel weniger nutze als die alt hergebrachten Programme oder sonstigen Standalone-Geräte. AntennaPod aktualisiert jeden Tag fleißig meine Podcasts, ohne dass ich damit je regelmäßig auch nur eine Episode hören würde. Stattdessen nutze ich meinen Rechner. RadioDroid hat ein riesiges Verzeichnis an Internet-Radiosendern für mich auf Abruf, stattdessen dudelt weiterhin mein UKW-Radio oder das WLAN-Gerät. Sogar mobil tendiere ich eher dazu, ein zusätzliches Gerät zum Lauschen von Radio oder SD-Karten mit mir rumzuschleppen.
    Vielleicht ist es tatsächlich die Tatsache der eierlegenden Wollmilchsau, die mich davon abhält mein Smartphone so vielfältig wie möglich zu nutzen, auch wenn es wirklich gute Apps gibt. Erst alles auf bitte nicht stören schalten zu müssen, nur um in Ruhe ein Hörbuch zu genießen, ist nicht wirklich das was ich mir unter Bequemlichkeit vorstelle. Im Moment beschränkt sich meine Smartphone-Nutzung eher auf reine Kommunikation, also Messenger-Dienste, E-Mail, ein bisschen Social Media und mit ganz viel gutem Willen natürlich das altmodische Telefonieren. 🙂 Für den Rest bestehe ich aber weiterhin auf Standalone-Geräte oder eben meinen großen Windows-Rechner, weil ich dort viel besser die Störungen oder Nicht-Störungen konfigurieren kann. Allerdings gibt es für viele Aufgaben häufig auch keine aktuelle Desktop-Software mehr. Mein Podcatcher (QCast) kommt mit vielen Feeds nicht mehr klar, einen Ersatz habe ich bis heute nicht gefunden.

  3. Sehr wichtige Aspekte, einiges geht mir in letzter Zeit in ähnlicher Weise durch den Kopf. Zum einen bleibt es dabei: Der Touchscreen ist inzwischen recht gut für uns (oder die meisten von uns) zu bändigen, das Optimum ist es jedoch naturgemäß nicht. Schließlich fehlt uns direktes haptisches, spürbares Feedback wie bei echten Tasten, wo sich’s ja wirklich blind schreiben lässt ohne akustische Rückmeldung. Zum anderen jedoch gilt nach wie vor: Erstens sind Smartphones Generalisten. Sie können alles recht gut, von Audioaufnahme und -bearbeitung über Navigation bis hin zu klassischen Blindenhilfsmittel-Aufgaben wie Produkt- oder Farberkennung sowie Vorlesen gedruckten Materials. Und wie das mit Generalisten immer so ist: Auf nichts sind sie so richtig gut spezialisiert. Zweitens aber, und gerade das hast du, lieber Marco, hier so schön herausgearbeitet: Smartphones neigen von ihrem Konzept her dazu, Konzentrationszerstäuber zu sein. Man könnte sogar so weit gehen und sagen: Ein ganzer Industriezweig lebt davon, sich ständig wichtig zu machen – soziale Netzwerke zum Beispiel.

  4. Und ja: SBSFORM gibt’s immer noch, z. B. als Bestandteil des Hagener Braille-Software-Systems (HBS); beruflich und privat habe ich damit täglich zu tun. Die Braille-Übersetzung ist in etwa so gut wie bei RTFC, HBS hat jedoch noch jede Menge mehr Tools für professionelles Layout in Verlagen und Druckereien an Bord.

  5. Marco, deine Gedanken sind gut nachvollziehbar. Es gibt auch praktische Gründe Standalone-Geräte zu verwenden, auch wenn man mehrere Netzteile braucht: Die meisten blindenspezifischen Hilfsmittel haben eine wesentlich länge Laufzeit als jedes iPhone, das ich bisher besessen habe. Bin ich irgendwo übers Wochenende weg und habe mein Netzteil fürs Handy vergessen … dann ist der Stress vorprogrammiert. Dann tauchen fragen auf, wo kriege ich eine Netzteil her, welche Funktionen kann ich oder muss ich jetzt noch unbedingt nutzen? Wenn ich z. B. das Netzteil meines Pronto! 18 oder LinoPocket vergessen habe, kann ich das für einige Tage ohne besondere Einbussen hinnehmen. Aber auch wenn ich Netzteile usw. mit habe, muss ich beim iPhone schon darüber nachdenken, wenn ich längere Zeit unterwegs bin, welche Apps mit wie lange unterstützen können, bis der Akku aufgibt.
    Berichte bitte sofort, wenn der Trek auch in Deutschland verfügbar ist.

  6. Hallo Marco und alle ,
    ich bin der, dessen „Breeze“ leider nicht mehr funktioniert und der ihn in diesem Sommer wirklich vermißt – und ich warte auch sehnsüchtig auf den Nachfolger.
    Streßfreies Hören oder Lesen: auch ich höre oft Bücher über den Mac, dort kann ich die Ausgabe der synthetischen Sprache über eine andere Soundkarte schicken als die Systemausgaben und so für „Ruhe“ sorgen. Hoffe, wenn Airplay 2 auf WLAN-Speakern verfügbar ist, daß damit Streaming z. B. vom Voicedream Reader unterbrerchungsfrei funktionieren wird.
    Zum Thema Gewicht: ein einziges dickeren Taschenbuch in Papier, wie es Sehende nutzen, wiegt mehr und beult die Tasche stärker aus als ein zusätzlicher Victor Reader oder PTP1 …

  7. Ich mache vieles über das iPhone. Dennoch genieße ich es auch mal meinen Einkauf mit dem Einkaufsfuchs zu sortieren oder Hörbücher mit dem Milestone zu hören, ohne das mich eine Mitteilung stört..

  8. Hallo Marco und alle, ein sehr interessanter Beitrag, muss ich sagen.
    Seit 2011 besitze ich ein iPhone und willl es garantiert nicht wieder hergeben! Ich hatte nie besonders viele Blindenhilfsmittel, keinen großen Daisyplayer mit CD, keinen Buchwurm und kein spezielles Navi. Um so glücklicher war ich, dass mit dem iPhone prinzipiell alles das möglich ist.
    Was das mit den Hörbüchern angeht Marco, so hast du zwar prinzipiell Recht damit, dass die Benachrichtigungn stören können, aber richtig genervt war ich davon nie. Man kann ja das Audioducking abschalten, was aber auch seine Nachteile mitsich bringt. Ich schätze es einfach, dass ich mit dem iPhone, ggf. vorbereitet durch meinen Mac, auf das vielfältigste Hörbuchangebot zugreifen kann, das uns zur Verfügung steht. Ich kann Hörbücher über verschiedene Apps direkt aufs iPhone runterladen, ich kann sie über den Mac im Internet kaufen und herunterladen, um sie dann aufs iPhone zu spielen …
    Ich hatte mir mal die Sonderedition vom Milestone zugelegt, habe aber für mich festgestellt, dass ich ihn sogut wie nie verwendet hatte, nachdem die erste Begeisterung vorbei war. Nicht nur, dass er 1 oder 2 mal kaputt war, auf Garantie, nein, außer UKW konnte er nichts, was mein iPhone nicht auch konnte. Zudem finde ich zwar auch, dass man, wenn das iPhone als Hilsfmittelersatz verwendet wird, Kompromisse eingehen muss, die du auch ganz schön herausgestellt hast, aber diese sind beim Konsumieren von Hörbüchern am Geringsten, sodass ich es für mich nicht einsehe, mehrere 100 € für ein Hilfsmittel auszugeben, was genauso transportiert, geladen und mit Inhalt befüllt werden will.
    Wo ich dir aber sehr recht gebe, ist die Navigation. Sicher, ich nutze sie auch gelegentlich, habe aber festgestellt, dass sie am Effektivsten ist, wenn man einfach nur eine Straße lang geht und einem gesagt wird, wann man am Ziel ist. Also ohne viele Abbiegungen und Überquehrungen. So fasziniert ich auch von iPhone und co bin, so kann ich der Navigation einfach manchmal nicht komplett trauen. Wüsste ich beispielsweise nicht genau, wo sich meine Wohnung in der Altstadt von Marburg befindet und würde ich mich nur auf Navi-Apps verlassen, würde ich ohne Hilfe von Passanten nicht wieder heimkommen.
    Um so gespannter bin ich auf den Trackr, möchte ihn aber, wenn möglich, vorher ausprobieren, um nicht viel Geld für ein Hilfsmittel zu zahlen, was dann nur in der Schublade liegt, so geschehen mit Pocketshopper oder Rivo.
    Trotz dass ich Jurastudent bin, war ich nie ein großer Brailleleser, muss aber auch sagen, dass die Zeile für das Korrekturlesen eigener Texte unerlässlich ist.
    Man sollte sich eben bei jedem Hilfsmittel versuchen, klar zu machen, brauche ich das wirklich? Wenn es nicht von der KK oder so bewilligt wird, ist es schnell gekauft.

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