Als Reaktion auf meinen letzten Blogbeitrag bekam ich heute auf Twitter die Frage gestellt, ob Braille ausstirbt. Meine kurze Antwort: Ich hoffe doch inständig, nein!

Die Frage

Die Frage stellte mir Moritz Gießmann auf Twitter:

Dazu mal ne allgemeine Gucki-Frage: glaubst du Braille stirbt langsam aus, im Zeitalter von Sprachausgabe- und erkennung? Ersetzt das eine überhaupt das andere?

Die Frage allein löste einen Sturm von Gedanken in mir aus, der definitiv nicht in ein oder zweimal 280 Zeichen passt.

Lesen bildet

Das ist nicht nur eine Volksweisheit, sondern stimmt tatsächlich. Ich halte Braille für Geburtsblinde für unersetzlich im Erwerb einer grundlegenden Bildung. Genauso wie für sehende Kinder das Lesen und Schreiben unersetzlich ist zum Vermitteln von Wissen, Sprache und Kommunikationsmöglichkeiten abseits des Sprechens und der Gestik und Mimik, gilt das auch für blinde Kinder.

Lesen und Schreiben ist Spracherfahrung. Nach dem Sprechen ist dies die wichtigste Form der Sprachwahrnehmung und Ausdrucksweise. Das geschriebene Wort hilft, Ordnung in chaotische Gedanken zu bringen, Gedanken verständlich zu formulieren und mitzuteilen. Das Lesen ist eine Form der Wahrnehmung der Gedanken anderer, die ganz anders funktioniert als gesprochene Sprache, weil man sie in seinem eigenen Rhythmus aufnehmen und durch mehrmaliges Lesen immer wiederholen kann.

Lesen und Schreiben sind unerlässlich beim Erlernen der eigenen Sprache und von Fremdsprachen. Nur durch das Lesen und Schreiben kann man ein Verständnis dafür entwickeln, wie Sprache strukturiert ist, wie alles miteinander zusammen hängt und wie wir auch unsere gesprochene Sprache im Lauf des jungen Lebens verfestigen, so dass wir uns später verständlich und „gebildet“ ausdrücken können.

Sprachausgaben ersetzen nicht das Lernen von Lesen und Schreiben

Eine synthetische Sprachausgabe, wie wir sie heute in fast jedem Computer und Smartphone vorfinden, ist völlig ungeeignet, das Lesen und Schreiben zu erlernen. Das kann man sich ungefähr so vorstellen, wie wenn man das Lesen und Schreiben nur durch das Hören eines anderen Menschen erlernt. Man weiß zwar, welche Buchstaben es gibt, kann sie aber nur anhand des gesprochenen Wortes eines anderen Menschen in eine Form bringen, die zusammengesetzt wieder ungefähr denselben Klang ergibt.

Wir sehen dies bei vielen jüngeren Blinden aus Ländern, in denen Braille nicht sehr verbreitet ist oder die Finanzierung von Hilfsmitteln zum Lesen und Schreiben von Braille nicht vom Staat übernommen wird. Es gibt viele Blinde, die Anhand von Screen-Reader-Sprachausgaben „gelernt“ haben, wie man schreibt. Das Resultat ist oft, dass das, was der Screen Reader dann wieder vorliest, zwar klanglich irgendwie hin kommt, orthografisch aber nichts mit dem zu tun hat, was gemeint ist. Versucht man diese Texte zu lesen, bekommt man schnell den Eindruck, es mit einem völlig ungebildeten Menschen oder jemandem mit einer massiven Lese-/Rechtschreibschwäche zu tun zu haben. Ich bin schon am Lesen von Texten gescheitert, weil die Rechtschreibung so schlecht war, dass ich nicht entziffern konnte, was gemeint war.

Solche Menschen haben von der Schule an nur mit Screen Readern mit Sprachausgabe, aber ohne Brailleausgabe, gearbeitet. Sie haben mit dieser nicht vorhandenen Kenntnis von Rechtschreibung und Zeichensetzung kaum jemals Chancen, einen ordentlichen Job zu kriegen oder gar zu studieren. Denn je mehr man liest, desto besser wird die Rechtschreibung. Rechtschreibung kommt nicht nur durchs Pauken von Vokabeln bei einem Menschen an, sondern eben vor allem durch das unterbewusste Wahrnehmen beim Lesen. Und das gilt fürs Lesen mit den Fingern genau so wie fürs Lesen mit den Augen.

Bessere Zukunft

Dieses Problem haben zum Glück auch viele Blindenverbände erkannt. Für manche leider zu spät, aber für viele hoffentlich noch rechtzeitig genug. Es gibt inzwischen in vielen Ländern Initiativen, das Wissen und Lehren von Braille wieder verstärkt durchzuführen und auch in Schulen, die nicht speziell für Blinde ausgelegt sind (Stichwort Inklusion), das Lesen und Schreiben durch Braille stärker zu fördern.

Und das muss ja nicht in Form von schränkeweise Büchern passieren, sondern kann genauso gut digital passieren, mit einer ordentlichen Ausstattung mit Braillezeilen und Computern. Und auch in einigen Hilfsmitteln gibt es hierzu Ansätze. JAWS bietet z. B. Einen Braille-Lern-Modus, die Braillenotizgeräte von Help Tech enthalten ein Programm zum Erlernen der Braillenotenschrift, ussw.

Still ein Buch lesen

Und noch etwas ist ganz wichtig. Eine starke Fixierung auf Sprachausgaben be- und überlastet die Ohren. Das merke ich an mir selbst immer wieder. Ich lasse mir in letzter Zeit viele Bücher per Kindle oder iBooks vorlesen, muss mich dabei aber immer auf eine Sprachausgabe konzentrieren, die ständig meine Ohren mit Informationen bombardiert. „Still ein Buch lesen“ ist so nicht.

Das geht aber mit Braille genauso wie mit einem Schmöker in Schwarzschrift (unsere Bezeichnung für normale Druck- und Schreibschrift). Entweder man packt sich ein ordentliches Buch auf den Schoß, oder man nutzt ein mobiles Braillelesegerät, das in dem Moment nichts anderes macht als einem einen Brailletext per elektronischer Blindenschrift zu präsentieren. Kennt noch jemand den Buchwurm von Handy Tech? Das war ein kleines, 8-stelliges Lesegerät, das vom PC aus mit Lesefutter bestückt wurde. Ich habe damit so manchen Flug, lange Zug- oder S-Bahn-Fahrten überstanden, einfach indem ich mich in ein Buch vertieft habe, die Ohren aber nicht durch eine Sprachausgabe belastet wurden.

In den letzten Jahren habe ich das ein bisschen verloren. Der Buchwurm hat irgendwann seinen Geist endgültig aufgegeben, und ich war dann einfach zu bequem, mir ein neues Braillelesegerät anzuschaffen. Oder es gab gerade nichts, was ich attraktiv fand.

Für mich gilt eine ans Smartphone gekoppelte Braillezeile nach längerer Erfahrung nicht als Ersatz. Denn egal ob iOS oder Android: Die Brailleausgabe ist eine Nachrüstung und die Produkte primär auf Sprachausgabe ausgerichtet. Man kann die Sprachausgabe zwar stummschalten, aber man merkt an allen Ecken und Enden, auch beim Lesen, dass Braille hier nur der Mitbewohner ist, kein Hauptmieter. Allein, dass die Kurzschriftübersetzung im Deutschen die Großschreibung nicht unterdrücken kann, macht das Lesen von Literatur unter iOS für mich zur Qual.

Ich merke in letzter Zeit deutlich, dass die Sehnsucht wieder steigt, mich einfach mal mit einem Buch in eine Ecke zu verkrümeln und nicht die Ohren benutzen zu müssen, um es lesen zu können.

Fazit

Nein, Braille stirbt hoffentlich nicht aus, und ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass das nicht passiert. Braille ist immens wichtig, wenn nicht sogar lebenswichtig für heutige und zukünftige Generationen blinder Menschen. Es ist das beste und seit 200 Jahren bewährte System, das wir haben, um schnell, effektiv und möglichst platzsparend an genau die gleichen Informationen zu kommen wie unsere sehenden Familienmitglieder, Freunde und Kollegen. Die digitale Welt bietet mit eBooks und dem Zugang zu allen möglichen Inhalten die besten Chancen dafür. Denn dank Computern mit ordentlicher Übersetzungssoftware sind wir nicht mehr darauf angewiesen, dass ein paar wenige Verlage 1% der am Markt befindlichen Bücher in Blindenschrift übersetzen und dann schränkeweise für teuer Geld zu verkaufen. Wir reden hier teilweise über das 5- bis 10-fache eines Preises eines normal gedruckten Buches.

Es ist heute also viel einfacher, Braille mit dem zu lernen und zu benutzen, was man wirklich selber lesen möchte als noch vor 20, 30 Jahren. Diese Chancen sollten wir nutzen und auch dabei helfen, dass andere dies tun. Sei es durch einfaches Weitergeben der Informationen, das Lehren von Braille, das Einstehen für Braille im Rahmen der eigenen Arbeit z. B. Beim Hilfsmittelhersteller, oder durch ehrenamtliche Tätigkeiten in den diversen Blindenselbsthilfeorganisationen.

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16 thoughts on “Stirbt Braille aus?

  1. zunächst mal, stimme ich dir zu, dass braille erhalten werden muss. Es ist einfach zu nützlich für alltagsbeschriftungen auf packungen oder an Bahnhöfen.
    Ich bin aber erstaunt, dass man nur durch sprachausgaben kein halbwegs vernünftiges schreiben lernen kann. Immerhin betont die sprachausgabe buchstabenkombinationen und wörter auf die immer gleiche weise und ohne dialekt wie bei menschen, spricht hörbar zeichensetzung und bei den aller meisten worten sogar falsche groß-kleinschreibung aus. Jemand, der das von klein auf lernt, müsste doch das richtige gefühl dafür entwickeln? Klar wird es dann ein paar typische fehler geben, die durch die aussprache des Screenreaders verursacht werden, aber dass es so schlecht geht, erstaunt mich.
    Andererseits bin ich sehr sprachausgabenfixiert und meine rechtschreibung ist eher so lonope und wenn es dazu erfahrungswerte gibt, wird das wohl so sein. Erstaunt mich trotzdem….
    Ich kann dir nicht zustimmen, dass Braille für sprachbildung in irgendeiner Weise wichtig ist. Ich habe 99% meiner bücher als hörbuch, über sprachausgabe oder vorgelesen aufgenommen und ziemlich viel sprachgefühl, behaupte ich hier jetzt einfach mal so ganz dreist. 😛

    Dein Blick auf Braille ist auch geprägt von den zeiten, als man zum lesen noch nicht viel anderes hatte. Mir würde es nie einfallen, größere Mengen Information darüber aufzunehmen. Dafür ist Sprachausgabe viel zu effektiv. Das läuft mehr auf den unterschied Print vs Ebooks hinaus, wie er auch bei sehenden gemacht wird. Ziemlicher grabenkrieg btw.
    Mich belastet daueraudio auch nicht, aber das ist ja von mensch zu mensch unterschiedlich.
    Insgesamt bin ich also deiner Meinung, aber aus anderen Gründen.^^ Braille weniger als hauptlese/sprachbildungsmittel, sondern mehr für kurzinformation, wo sprache unpraktisch ist und offenbar notwendig als mittel für Rechtschreib und Schriftverständnis.

  2. Hallo Marco,

    auch wenn ich Braille erst als erwachsener gelernt habe, weil ich es eben mußte , stimme ich Dir in vielem zu. Insbesondere das Lernen „en passent“, also durch die Geläufigkeit des Lesens, ist wichtig. Ich hatte das als sehendes Kind bzw. Jugendlicher und konnte daher vor der Erblindung eine gute Schreib- und Lesekompetenz entwickeln.

    Zugegeben: ich empfinde Braille als „mühselig“, mir hat sich ein Text in Braille nie so einfach erschlossen wie in „Schwarzschrift“, daher nutze ich es im täglichen Leben auch nur für Kurznotizen und Beschriftungen und verlasse mich sonst voll auf Sprachausgaben. Aber gerade das „stille Lesen“ kenne ich noch aus meiner „sehenden“ Jugend und kann dessen Faszination nur bestätigen. Insofern bedauere ich manchmal daß mir das durch die Späterblindung und meine Schwierigkeiten mit Braille als Vermittler von literarischen Texten verloren gegangen ist. Obwohl mir Sprachausgaben beim Bücherlesen durchaus auch über lange Zeiträume keine Probleme machen. Tipp an alle: nicht zu schnell einstellen , nehmt Euch Zeit für einen Text , auch beim Zuhören!

  3. Der Buchwurm… ja, echt ein nettes Gerät, durfte ich in der Schule mal testen. Edgar Alan Poes „Die Grube und das Pendl“ lag als Text vor, das weiß ich selbst nach über 20 Jahren noch. 🙂
    Allgemein war ich aber immer ein ziemlicher Lesemuffel und bin bis heute kein fließender Braille-Leser. Ich empfinde das Lesen von Braille, erst recht das Lesen von Kurzschrift wie eine Art Fremdsprache, die ich erst in für mich verwertbare Infos umwandeln muss. Wenn ich selbstgeschriebene oder Vorlagetexte in vernünftig klingende Audiobeiträge für Radiosendungen oder Podcasts umwandeln muss, geht das nur durch Einprägen und Aufsprechen einzelner Satzteile, was am Ende in eine gewaltige Schnittarbeit ausartet. Es ist nicht so, dass ich überhaupt nicht vorlesen könnte, es hört sich halt einfach nicht vorzeigbar an.
    Braille ist für mich zwar unerlässlich beim Korrigieren von Texten, ich konnte aber nie so wirklich die Freude am Selberlesen entwickeln. Deshalb bin ich für die Entwicklungen der letzten 20 Jahre äußerst dankbar und habe meine Begeisterung für Literatur überhaupt erst durch Hörbücher und Sprachausgaben bekommen. Geschadet hat es mir meines Erachtens nach nicht.
    Sonst bin ich aber ganz bei dir: Braille gehört nicht abgeschafft.

  4. nur midd der schbrachausgabe schraiben unt lesen zu lärnen schdelle ich mir zimlich schwirich for. der teksd hir klinkd zumindesd midd der elokwänds gands gud, hadd aber midd deudscher rächdschraibung wenig zu tun.

    Deshalb stimme ich Marco zu 100% zu, dass das Erlernen der Bildenschrift für die Alphabetisierung blinder Kinder unverzichtbar ist. Ich gehe sogar so weit, dass das am besten ganz klassisch mit Punktschriftmaschine und Papier erfolgen sollte. Nur so erhält man ein Gefühl für den Aufbau des Geschriebenen.

    Im Alltag wird es Braillefans aber nicht leicht gemacht. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, ein Blindenschriftbuch mit in die Bahn zu nehmen. Und wie Du ja selbst schreibst, sind die eigentlich vielversprechenden technischen Möglichkeiten mit Smartphone und Tablet im Zusammenspiel mit Braille längst nicht ausgereizt. Ich jedenfalls habe noch keine Kombination aus Hard- und Software gefunden, die so einfach wie ein Smartphone zu bedienen ist, aber den gleichen Lesekomfort eines Blindenschriftbuchs liefert.

    • Dein beispielsatz zur Aussprache zeigt schön, was ich meine. Das klingt nämlich total falsch und ich kann auch nur vom zuhören die meisten fehler finden. Sprachausgabe ist da extrem akkurat. Ich habe mir sogar angewöhnt, korektorat nur mittels Sprache zu machen, vermute da aber tatsächlich, dass das mit der Zeile besser geht, wenn man es ein bisschen übt.
      Und bitte quählt keine kinder mehr mit punktschriftmaschinen. niemand will das, niemand braucht das. Es ist super umständlich, isoliert einen noch mehr und nervt die ganze Klasse. Fast alle modernen zeilen haben eine brailletastatur und das ist schon nervig genug. Zum erlernen sicher sinnvoll und vielleicht erreicht man mit Kurzschrifteingabe einigermaßen die Geschwindigkeit von Tippen, aber das erlernen der normalen Laptoptastatur und von 10 Fingersystem halte ich auch für extrem wichtig.

  5. Hallo Marco,
    Braille, eine Sache, an der sich – wie an den paar Kommentaren hier ja bereits zu lesen ist – die Geister scheiden. Im Gegensatz zu dir und einigen Anderen, finde ich nicht, dass das Lesen von Braille auf einer wie auch immer gearteten Braillezeile und auf Papier dasselbe ist. Zumindest die Leute, die ich kenne und von denen ich weiß, dass sie auf Papier sehr gute bis hervorragende Braille-Leser sind, kommen auf einer Braillezeile nicht annähernd an das flüssige Lesen wie auf richtigem Papier heran. Und auch ich, der nicht mal halb so gut wie diese Bekannten Braille lesen kann, finde das Lesen auf einer Brailezeile viel mühsamer als auf Papier. Das liegt vor allem an meiner Lesetechnik. Während ich mit dem Zeigefinger der rechten Hand ungefähr das letzte Drittel einer Zeile lese, wandert meine linke Hand schon an den Anfang der nächsten Zeile und mein linker Zeigefinger beginnt diese Zeile bereits zu ertasten. Eine Braillezeile schaltet jedoch immer komplett auf den nächsten Abschnitt um. Eine Möglichkeit, auf einer Zeile wie auf Papier zu lesen, habe ich jedenfalls noch nicht gefunden.
    Ich finde auch, dass den Kindern in der Schule auf jeden Fall das Lesen und Schreiben in Braille intensiv beigebracht werden muss. Und zwar zu Anfang auf jeden Fall in Vollschrift, auch wenn das ansträngend ist. Denn nicht nur durch Sprachausgaben leidet die Rechtschreibung von blinden Schülern, sondern auch durch das zu baldige Einsetzen der Kurzschrift. Ein paar meiner guten Bekannten, die Braille sehr gut lesen können, haben insbesondere eine Groß-/Kleinschreibung, bei der es mir graust. Leider habe ich erfahren, dass insbesondere an Regelschulen, an denen blinde Schüler integrativ (von Inklusion spreche ich nur ungern) beschult werden, oftmals von den Lehrkräften verlangt wird, dass sogar auf Papier gedruckte Texte in Computerbraille mit doppeltem Zeilenabstand anzufertigen sind. Bei so etwas frage ich mich immer, wie diese Schüler jemals ein Buch, das für Personen jenseits der zwölf Jahre gedruckt wurde, lesen wollen. Um Kurzschrift kommt man dann ja einfach nicht mehr herum. Am besten lernt man Braille meiner Meinung nach ganz klassisch mit Punktschriftmaschine und -Papier. Ja, diese Maschinen machen Krach, aber das haben wir früher auch überlebt. Einem blinden Schüler zu sagen, er solle Braille ohne Maschine und stattdessen am Computer lernen, wäre so, als sagte man einem sehenden Schüler, dass er auf Füllfederhalter und Papier verzichten und stattdessen auch Alles am Computer schreiben soll. Das Gefühl für Braille bekommt man nicht mit einer Brailezeile und einem Textverarbeitungsprogramm.
    Tobias muss ich in sofern Recht geben, als das es Braille-Fans heutzutage wirklich nicht einfach gemacht wird. Aber – so scheint es mir – es interessiert sich auch Niemand dafür. Das fängt schon damit an, dass ein neues Buch meines Lieblings-Autors nicht zeitgleich mit der Schwarzschrift-Ausgabe in Braille erscheint, sondern – wenn es gut läuft – 1,5 Jahre später. Wie soll ich mich denn mit meinen Kollegen auf der Arbeit über das Buch austauschen? Wenn ich es 1,5 Jahre später zum ersten mal lese, sind meine Kollegen schon ganz wo anders und haben den Inhalt schon ziemlich stark vergessen. Weiterhin ist der Transport ein großes Problem. Die Post/DHL bringt mir die Buchkoffer zwar nach Hause – wenn ich denn da bin – aber wie bekomme ich diese wieder zurück? Mit zwei drei Koffern in der Hand bis zur nächsten Postfiliale laufen ist definitiv zu weit und ich möchte dafür nicht ein Taxi oder Ähnliches bemühen. Ich habe zwar eine DHL-Packstation direkt vor der Tür, aber von Bedienbarkeit oder gar Barrierefreiheit kann dabei absolut keine Rede sein. Doch auch hierfür scheint sich weder ein Verband noch die DZB zu interessieren.
    Für mich bleibt es also dabei: Ich würde gern mehr Braille lesen, wenn ich aktuelle Bücher bekäme und der Transport einfach und bequem funktionierte. Zumindest zuhause könnte ich mich dann mit einem interessanten oder spannenden Buch auf mein Sofa lümmeln und in fremde Welten „abtauchen“. Für unterwegs bleibe ich aber auf jeden Fall bei Hörbüchern, ein Smartphone mit Kopfhörern ist definitiv viel platzsparender als drei dicke Punktschriftbände.

  6. Punktschriftmaschinen machen Krach, das stimmt. Und an Regelschulen ist das sicher ein Problem, für das ich spontan auch keine Lösung habe. Ich bleibe aber dabei, dass das Zweidimensionale eines beschriebenen Blattes Papier vielfach durch nichts Gleichwertiges zu ersetzen ist. Ich denke z.B. an das Erlernen der schriftlichen Addition und Subtraktion in der Grundschule oder später an Ableitungen und ähnlich „nützliches“ Zeug. Für so etwas war die Möglichkeit ein Segen, mit der Punktschriftmaschine ohne viel Gefummel Zehner unter Zehner und Einer unter Einer schreiben zu können. Gerade bei so etwas reden wir auch über ein akzeptables Arbeitstempo. Mit Aussagen wie „niemand will das, niemand braucht das“ wäre ich jedenfalls vorsichtig. Aber vielleicht ist alles auch nur eine Sache der Übung, und man kann das schriftliche Rechnen auch mit einer Braillezeile oder gar nur mit Sprachausgabe erlernen.

  7. Sprachausgabe allein ist fürs Korrektorat nur dann einsetzbar, wenn eine hohe schriftsprachliche Kompetenz bereits da ist. Oben genanntes Beispiel war gut mit der Eloquence als ‚verunstaltet‘ zu entlarven. Was ist aber – mein Lieblingsbeispiel -, wenn jemand „Hartz IV“ nie geschrieben vor sich hatte? Schreibt man es nicht vielleicht doch „Harz 4“? Wer ist so diszipliniert, wenn er nie eine echte Schrift erlernt hat, sich zum Zwecke der besseren Schriftkompetenz ständig etwas buchstabieren zu lassen, um die Rechtschreibung zu erlernen? Anderes Beispiel: In der Süddeutschen Zeitung war mal ein Artikel mit der schönen Überschrift: „Lasset uns beeten“. Nein, hier ging es nicht um Religion, sondern um Hobbygärtner. Wer hätte es mit Sprachausgabe sofort erkannt? Tja, solcherlei Beispiele gibt es zuhauf. Sprachausgaben sind eine wunderbare Erfindung: reaktionsschnelle und total transparente wie die Eloquence oder eSpeak oder hochgezüchtete wie die Acapela-Stimmen oder Vocalizer. Alle haben jeweils ihre Vorteile. Doch all das ist keine echte Schrift.

  8. „Einem blinden Schüler zu sagen, er solle Braille ohne Maschine und stattdessen am Computer lernen, wäre so, als sagte man einem sehenden Schüler, dass er auf Füllfederhalter und Papier verzichten und stattdessen auch Alles am Computer schreiben soll.“
    ja, bitte. Ich fände es toll, wenn sehenden menschen nicht von klein auf eingeprügelt würde, dass papier ja das aller tollste und beste sei und man sich nur so sachen merken und den überblick behalten könnte. Dann würden diese Leute nicht noch an der uni absurd viel auf Papier machen und ich hätte eine möglichkeit, mich in Gruppenarbeiten O.Ä. vernünftig zu beteiligen, weil selbstverständliches arbeitn mit dem Computer nicht erst mühsam gelernt werden müsste.
    Stattdessen erzählen einem sogar noch die Dozenten, man solle doch bitte auf Papier mitschreiben, weil das so toll sei. Sicher, überlebt man auch, aber die Technik entwickelt sich weiter und die Mentalität der Leute sollte das auch tun. Wäre für mich in meinem alltag jedenfalls toll.
    Ich gebe aber gerne zu, dass ich in dem Punkt ziemlich ideologisch bin.
    @hauke: meine Mutter hat irgend einen diel mit ihrem Postboten gemacht, der ihr bei lieferung neuer bücher die Alten koffer wider mitgenommen hat, glaube ich. Versuch das mal?
    @Tobias: schriftliche addition ist erstmal anschaulicher mit Papier, weil das hochskrollen leichter ist. andererseits habe ich ab der 6. klasse spätestens alles mathe an der Zeile gemacht. Mathematisches arbeiten mit Zeile ist möglich. Ich habe eine ganze Weile lang physik studiert, wo es um weit aus komplexere Sachen geht als Grundschulrechnungen und bin recht gut zurecht gekommen. Schwierigkeiten macht mir da weniger der räumliche Überblick, sondern mehr die enorme Länge von Sachen, weil die verwendete Matheschrift extrem unhandlich sein kann. Vielleicht hätte ich mich damit aber auch leichter getan, wenn man mir gleich arbeiten mit Zeile beigebracht hätte. Damals waren die technischen Geräte noch so grauslig, dass das vielleicht keine Alternative war (baum zeile von 1995) aber ich hoffe doch, dass das in heutiger Pädagogig gemacht wird.
    Klar, die alten lösungen klappen auch heute noch und sogar ich bin noch zum Teil davon geprägt, aber in zunehmend digitaler Welt halte ich das alles für nur noch sehr begrenzt sinnvoll.

    • Ja, die Sache mit Mathe/Physik kann ich nur bestätigen; Mitte bis Ende der 90er Jahre am Gymnasium, 40er Zeile, DOS-Rechner, keine Sprachausgabe; daheim Sprachausgabe und aufkommendes Windows und ich habe allen Ernstes versucht, Mathe mit Sprachausgabe zu machen, ich wollt’s halt einfach wissen; trainierte dazu den damaligen Screenreader entsprechend, mir alle math. Zeichen vorzulesen inkl. Bruchtherme usw. gemäß der am Gymnasium verwendeten Syntax, aber es war ein Graus und das Experiment gab ich schnell wieder auf. Eine ewig lange Deutsch- oder Englischlektüre habe ich zwecks schnellerer Kenntnisnahme dann schon mal mit Sprachausgabe ‚verschlungen‘, um jedoch Teile doch lieber gründlich und mit viel mehr Erkenntnisgewinn mit der Zeile zu lesen, damals leider meist 8-Punkt-Computerbraille, später habe ich mir Kurzschrift bei so langen Texten auch auf der zeile wieder angewöhnt.

    • @Atlan970: Ich ziehe den Hut vor Dir. Ich hätte das nicht gekonnt.

      Was das Schreiben im Grundschulalter angeht, so glaube ich schon, dass für Kinder das Erlernen einer Handschrift auch heute noch unverzichtbar ist. Meine Kinder jedenfalls sind sehr stolz auf das erste selbstgeschriebene „bite nicht störn“ an der „Zimr-Tür“ gewesen, ganz ohne Technik, nur mit Papier und Stift. Hat übrigens auch den Vorteil, dass man nicht so leicht abgelenkt wird, weil es keine „ALT-TAB“-Tastenkombination gibt, mit der man während des Schreibens mal schnell das Fenster wechseln kann. Gleiches gilt übrigens auch für das Lesen.

      Technik ist super, auch und gerade für uns Blinde. Dennoch sollten wir um den Fortbestand und die Weiterentwicklung unserer „Handschrift“ kämpfen, zumal das Zurückdrängen der Blindenschrift nach meinem Dafürhalten weniger aus Überzeugung passiert, sondern weil es für alle Beteiligten bequemer ist. Es braucht schließlich ausgebildetes Personal, um einen fundierten Umgang mit der Blindenschrift zu vermitteln. Spätestens beim Vermitteln der Kurz- oder Mathematikschrift dürfte hier das Ende der Fahnenstange erreicht sein.

  9. Hallo Marco, ich stimme dir voll zu. Ich kann auch ein paar Gegenargumente verstehen, aber obwohl ich selbst fast nur noch mit Sprachausgabe arbeite, stelle ich fest, dass ich mir hin und wieder bei der Frage, welche Worte zusammengeschrieben werden oder nicht, und ob hier oder da ein Komma hin gehört, nicht mehr ganz sicher bin. Im Niederländischen fällt mir das noch mehr auf. Ich spreche es, und ich höre es mir mit der sprachausgabe an, aber ich schreibe es grottenschlecht, weil ich es nie wirklich unter den Fingern hatte. Auch das mit Hartz 4, Hartz IV, Harz fier usw finde ich ein gutes Beispiel, wo die sprachausgabe nicht hilft. Ich glaube, dass Punktschrift unerlässlich ist, dass man aber mehrere arten des Schreibens, unbedingt auch am Computer, schon in der Schule lernen sollte. Und ich erkenne auch einen Unterschied zwischen gelesenen und gehörten Büchern. Vor drei Monaten habe ich mit Sprachausgabe ein sehr interessantes Sachbuch durchgearbeitet: Der Zerfall der Demokratie von Yascha Mounk. Gestern fiel mir der Titel nicht mehr ein, und nach dem Inhalt musste ich eine Weile suchen. Erst als ich die Literaturecke, die ich für Ohrfunk darüber gemacht habe, wieder hörte, kam die Erinnerung voll zurück. Ich glaube, dass es kaum etwas tiefer in die Gedanken und Erinnerungen schafft, als wenn es mit Punktschrift gelesen wurde.

  10. @atlan970: Ich verstehe deine Frustration bzgl. der Mitschriften von Kommilitonen an der Uni sehr gut, auch ich hatte zu Zeiten, an denen ich studierte, genau diese Probleme. Aber ich kann auch gut verstehen, weshalb sehende Studenten immer noch gerne auf Papier und Dozenten immer noch mit Kreide oder Stiften an die Tafel oder das Whiteboard schreiben. Auf einem Blatt oder einer Tafel hat man als Sehender maximale Gestaltungsfreiheit. Zum Beispiel kann man auf einem Blatt mit einem Stift zwei Textblöcke, die zueinander in irgendeiner Beziehung stehen, mit einem Pfeil, einer Klammer oder Ähnlichem verbinden. Man kann Formeln, Schaubilder, etc. einfach daneben malen und das sogar in Farbe. All dies ist mit einer Textverarbeitung nur ziemlich umständlich möglich. Zum Glück gab es an den beiden Hochschulen, die ich besuchte, keine Dozenten mehr, die ihre Kursunterlagen nicht in digitaler Form bereitstellten. So konnte ich zumindest die Folien, die an die Wand projiziert wurden, recht gut mitverfolgen.
    Bei meinem derzeitigen Arbeitgeber passiert glücklicherweise fast Alles mittlerweile papierlos. So liegen z.B. die Formulare für ein Mitarbeitergespräch nur noch als PDF vor, das von meinem Chef und mir am Rechner ausgefüllt wird. Anschließend unterschreiben wir beide dieses Dokument digital mit unseren jeweiligen Zertifikaten. Das ist für mich eine super Sache, weil ich meine eigenen Eintragungen in das Formular selbst vornehmen und das Ganze auch komplett eigenständig unterschreiben kann. Wenn ich von Bekannten dann höre, was in deren Unternehmen teilweise noch Alles handschriftlich gemacht wird… Aber vielleicht bin ich da auch kein Maßstab, weil ich in der IT-Branche arbeite. Doch daran sieht man, dass es funktionieren kann. Aber ich schweife vom Thema Braille ab.
    Was das Abholen von Büchern und Koffern durch den Postboten angeht: Da ich tagsüber arbeite, treffe ich den Boten so gut wie nie persönlich an. Darüber hinaus ist DHL in meiner Gegend auch leider weniger als unzuverlässig. Da werden Pakete gerne mal bei weit entfernten Nachbarn abgegeben oder es wird überhaupt nicht geklingelt und später behauptet, ich wäre nicht daheim gewesen. Dabei habe ich den ganzen Tag in meiner Bude gesessen und auf den Postboten gewartet.

  11. Ich bin da ein wenig gespalten. Einerseits erkenne ich den Wert von Braille durchaus an, andererseits ist es mir zu idiologisch verklärt, wenn davon die Rede ist, dass weniger als ein Prozent der Weltliteratur für Blinde zur Verfügung steht.

    Allein durch eBooks ist das schon völlig absurd. Nimmt man dann noch Hörbücher dazu, fehlen einem die Worte zu dem immer wieder wiederholtem Mantra. Auch äußerungen, dass etwas grundsätzlich nur auf eine bestimmte Art möglich sei, empfinde ich als zu engstirnig.

    Ich habe selbst Schwarzschrift in der Grundschule gelernt, wurde dann dazu genötigt Braille zu lernen mit dem entsprechenden „Erfolg“ und bin dann zu Sprachausgaben gekommen. Braille setze ich jetzt allerdings beruflich ein und lerne es autodidaktisch auf der Zeile weiter. Es funktioniert. Von Effektivität ist das allerdings weit entfernt, zumal ich bei der Sprachausgabe am iPhone die Anna selbst auf 100 Prozent für etwas zu langsam halte. Auf meinem Pixel 2 macht das Ganze bei 65 Prozent schon etwas mehr Spaß.

    Interessant fände ich es allerdings durchaus für unterwegs eine kompakte Zeile, gerne mit Android Gerät zu haben und die Leseskills wirklich bewusst zu trainieren.

    Zum Schluss bleibt zu sagen, dass Braille sicher nicht ausstirbt, aber heutzutage eben auch nicht mehr die Bedeutung hat, schon gar nicht Kofferweise auf Papier, wie vor 20 – 30 Jahren. Dennoch sollte jeder die Chance haben, Braille zu lernen und selbst entscheiden, wie er am effektivsten arbeiten kann.

  12. Guten Tag allerseits,
    Papier vs. Braille oder Schwarzschrift auf digitalen Medien: erinnert Ihr Euch noch an Eure Schulzeit? Ich als sehbehindertes Kind auf einer Regelschule: pro Tag einige Kilo auf dem Rücken oder in der Hand .. wenn erdkunde oder Geschichte angesagt waren ein Kilo mehr für die Atlanten ! Ersparen wir das bitte den Rücken heutiger Kinder , ein Tablet kann hundert Bücher transportieren und wird dadurch nicht schwerer. Von Braillebüchern und dem Gewicht einer Bogenmaschine bekäme ich sogar beim drüber Nachdenken Kreuzschmerzen. Papier war wirklich gestern, ich bin froh um jedes Graamm das ich weniger zu tragen habe. Kinder und Blinde oder Sehbehinderte Leute haben nämlich selten Autos mit Kofferräumen und müssen alles per Hand oder Rucksack tragen.
    P.S. Frage an die Eltern unter Euch: gibt es Schultaschen eigentlich in Trolley-Bauweise?

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