In den letzten Tagen habe ich die Chance gehabt, das ElBraille der Elita Group einem Test zu unterziehen. Hier ist mein Testbericht.

Was ist das ElBraille?

Das ElBraille ist ein PC. Seine Besonderheit ist, dass es nur mit einer passenden Braillezeile vollständig funktionsfähig wird. Diese Braillezeile ist entweder eine Focus 14 Blue oder eine Focus 40 Blue der 4. Generation von Freedom Scientific. Auf diesem PC läuft Windows 10 Home Edition in der 32-Bit-Variante. Als Screen Reader kommt, passend zur Focus-Zeile, JAWS zum Einsatz.

Die Hardwareausstattung ist eher dürftig: Ein Intel® Atom™ x5-Z8300, Quad-Core, 1.84 GHz-Prozessor, 2 GB RAM, 160 GB Flash-Speicher, der ungünstigerweise in zwei Teile gesplittet ist, nämlich einen fest verbauten 32-GB-Speicher und eine als entfernbar markierte SSD mit 128 GB. Letztere fungiert als Laufwerk D: und enthält standardmäßig den Benutzerordner. Aber Betriebssystem und alle Programme gehen in die geringen 32 GB des C:-Laufwerks.

Die Docking Station verfügt über einen Mini-HDMI-Anschluss, eine USB-3.0-Buchse und einen MicroSIM-Karten-Slot für das eingebaute LTE-Modem. Weiterhin befinden sich eingebaute Stereo-Lautsprecher, ein Mikrofon, ein SD-Karten-Slot für Karten bis zu 256 GB und eine 3,5-mm-Kopfhörerbuchse im Gerät.

Ich bekam zum Testen, passend zu der Focus 14 Blue, die ich seit 2013 besitze, eine Docking Station für die 14er Zeile. Im Gegensatz zur 40er, die fest mit dem Gerät verbunden werden muss, ist die 14er jederzeit abdockbar.

Allgemeines

Das mir von der IPD leihweise zur Verfügung gestellte Gerät kam bereits mit dem neuesten Update von JAWS 2018 vorinstalliert. Alles lief auf deutsch. Die Windows-Version war auf dem Stand des Juli 2016, also eine inzwischen recht alte Windows-10-Version, es gibt seitdem drei neuere größere Updates des Betriebssystems. Installiert waren neben Windows und JAWS auch Firefox, ElNotes (eine App für schriftliche und Sprachnotizen), sowie Miranda NG, ein zugänglicher Instant-Messaging-Client für diverse Protokolle.

Man braucht eine eigene JAWS-Lizenz oder muss sie mit dem Gerät zusammen erwerben, wenn man JAWS nutzen möchte. Eine Home-Lizenz sollte ausreichen, diese Angabe ist aber ohne Gewähr.

Das installierte Windows hat als Basis eine englische Version und ist mit einem sogenannten Language Experience Pack eingedeutscht worden. Das wurde in dem Moment wichtig, als ich versuchte, das Windows per USB-Stick auf die Version 1803 zu aktualisieren. Die deutsche Version, die ich zuerst installieren wollte, hätte mir fast alles geplättet, wenn ich nicht aufgepasst hätte. Mit der englischen Version lief es dann aber durch, und das Experience Pack wurde auch entsprechend aktualisiert. Man merkt die Eindeutschung auch fast gar nicht, lediglich einige Vorschläge von Cortana für so Dinge wie Systemsteuerungs-Abteilungen tauchen manchmal in englisch auf anstatt in deutsch. Der Grund, weswegen ich das Update über einen USB-Stick durchführte und nicht per Windows Update liegt in den 32 GB des C:-Laufwerks begründet. Windows Update hat schlicht und einfach nicht genug Platz, um das Update durchzuführen.

Laufverhalten

Trotz der schwachen Hardware lief das Gerät bei mir im Test zumeist ganz ordentlich. Wurden die Webseiten aber etwas komplexer, kamen JAWS und der verwendete Browser recht schnell ins Stocken. Dies betraf nicht nur Firefox, sondern auch den Internet Explorer und Microsoft Edge. Gerade so Seiten wie Twitter machen damit wahrlich keinen Spaß.

Auch dauert es ewig, bis Word o. ä. geöffnet werden. Sobald man sich aber in einer App befindet und nicht zu viel verlangt, läuft es zügig. Man sollte jedoch davon absehen, eine Sprachausgabe mit hoher Qualität nutzen zu wollen und sich lieber mit der Eloquence begnügen. Die Verzögerungen zwischen Tastendrücken und der Antwort der Sprachausgabe werden auf Dauer doch eher nervig.

BrailleIn und Bedienung des Geräts

Wer JAWS-Nutzer ist und sich mit BrailleIn vertraut gemacht hat, weil an einem anderen PC diese oder eine andere Focus-Zeile zum Einsatz kommt, ist hier klar im Vorteil. Als langjähriger NVDA-Nutzer habe ich erst einmal einiges lesen und einige Tastenkombinationen verinnerlichen müssen, um die wichtigsten Dinge per Brailletasten erledigen zu können. Selbst so etwas gängiges wie Alt+F4 ist hier erst einmal mit einem Lernfaktor verbunden. BrailleIn gibt es seit JAWS 12 oder 13, und beschreibt eine extensive Bedienung und Texteingabe per Braillezeile. Per Tastenfolgen werden alle möglichen Tastenkombinationen ermöglicht, die sonst nur auf normalen Tastaturen möglich sind. Etwas vergleichbares gibt es bei NVDA im Zusammenspiel mit der Focus nicht. Das einzige, was da ein paar Dinge nachrüstet, ist das Add-On Extended Braille.

Und hier kommen wir auch schon zum ganz großen Problem, nämlich der Texteingabe. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie kann das fast keiner im Deutschen gut. JAWS und NVDA verwenden Liblouis, und die Kurzschrifteingabe ist schlicht und einfach nicht zu gebrauchen. Einfache Wörter wie „du“, „Einfuhr“ und im Grunde jedes andere Wort, das Buchstaben enthält, die auch Einleitungs- oder Nachsilben sind, wird bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Jeder Buchstabe wird immer als Kürzung interpretiert, und man verbringt im Nachhinein Ewigkeiten damit, den Text zu korrigieren. Und in Computer-Braille Text einzugeben ist ebenso eine Zumutung, und ich bekomme nach kurzer Zeit Krämpfe in den Händen wegen der Notwendigkeit, Großbuchstaben mit dem kleinen Finger auf Punkt 7 erzeugen zu müssen.

In der deutschen Version von JAWS gibt es noch ein weiteres Kurzschriftmodul, das sogenannte regelbasierte Modul. Jenes ist standardmäßig allerdings nicht voreingestellt. Wenn man nicht weiß, dass es das gibt, denkt man schnell, dass das in der deutschen Kurzschrift einfach nichts taugt. Man muss zum Einschalten der regelbasierten Übersetzung in die Einstellungsverwaltung gehen und in den Experteneinstellungen die Übersetzungseinheit auf Regelbasiert umstellen. Dann kann man entweder durch die Eingabe von Punkten 1-2-4-5-7 Chord zweimal die Kurzschrift für Eingabe aktivieren, wenn man sich in einem Eingabefeld befindet, oder man stellt die Übersetzung einmal unter Braille/Allgemein ein. Achtung: Erst die Ausgabe von Computer-Braille auf Kurzschrift umstellen, erst dann kann man die Eingabe auch auf Kurzschrift einstellen. Wahlweise kann man hier dann noch das Anzeigen von Großbuchstaben unterdrücken. Das bezieht sich dann aber nur auf die Ausgabe. Wenn man Großbuchstaben schreiben will, muss man sie weiterhin mit den Punkten 4-6 ankündigen. Eine automatische Erkennung für Nomen oder Satzanfänge, bei denen einem diese Arbeit abgenommen würde, gibt es nicht. In einem Schnelltest erwies sich diese Kurzschriftübersetzung als robuster als die von Liblouis, wobei sie anscheinend mit einem nicht mehr ganz aktuellen Regelwerk der deutschen Blindenkurzschrift arbeitet.

Und mit der regelbasierten Übersetzung stellt sich ein weiteres Problem: Sie spricht nur deutsch. Dazu weiter unten noch mehr.

Es ist also nicht so, dass es im Deutschen keine gut funktionierende Alternative gäbe. Die Kurzschriftrückübersetzung von RTFC von Wolfgang Hubert z. B. funktioniert ziemlich bis sehr gut, und das sogar mehrsprachig. Aber anscheinend ist die deutschsprachige Braille-Gemeinde in eine Art erweiterten Winterschlaf gefallen oder so, jedenfalls gibt es, nach dem, was ich so höre, kein Auf-Die-Barrikaden-Gehen gegen diese Zumutung einer Kurzschriftrückübersetzung im teuersten Screen Reader auf dem Markt. Wenigstens die sinnvollere Einstellung der regelbasierten Übersetzung hätte ich im Deutschen schon erwartet und nicht, erst in die Tiefen der Einstellungsverwaltung hinabsteigen zu müssen.

Aber JAWS steht mit dem Problem nicht allein da. Auch die Kurzschrifteingabe in iOS ist grottenschlecht, wie ich Apple seit Jahren begreiflich zu machen versuche. Die nutzen etwas proprietäres, aber mit ähnlichen Kinderkrankheiten. Selbst die Betas von iOS 12 zeigen bisher keine Besserung.

Laut Auskunft von Herrn Jaklin von IPD und auch Aleksander Pavkovic durch einen Kommentar weiter unten steckt RTFC in einigen oder allen Notizgeräten von HIMS, also dem Polaris und den älteren U2-Geräten. Auch nutzt HTCom von Help Tech (früher Handy Tech) für die Kurzschriftübersetzung den Motor von RTFC. Offenbar geht es also, RTFC für Hilfsmittel zu lizensieren. In Anbetracht der Mehrsprachigkeit wäre das im Deutschen für JAWS also grundsätzlich auch eine bessere Alternative.

Mehrsprachigkeit

Ich bin einer von denen, der mehrmals am Tag spontan zwischen dem Schreiben deutscher und englischer Texte umschalten muss. In JAWS ist der Weg dorthin sehr lang, und er funktioniert, wie oben bereits angedeutet, nur mit Liblouis, also der nicht zu gebrauchenden deutschen Kurzschrift. Man muss:

  • Das Einstellungs-Center öffnen.
  • Die Standardkonfiguration laden.
  • „übersetz“ ins Suchfeld eingeben.
  • Die Sprache von deutsch auf englisch oder umgekehrt umschalten.
  • Von Computer-Braille in Kurzschrift umschalten, und zwar Ausgabe zuerst, bevor man auch die Eingabe umschalten kann.
  • Das Dialogfeld schließen.

Klar, das kann man bestimmt irgendwie skripten. Aber seit ich nicht mehr bei Freedom Scientific arbeite, meine Krankheit in 2007 eingerechnet sind das inzwischen 11,5 Jahre, habe ich kein JAWS-Skript mehr angefasst und so ziemlich alles vergessen, so dass ich mir die Mühe nicht gemacht habe. Verkompliziert wird’s eben dadurch, dass man für sinnvolle deutsche Kurzschrift auch das ganze Übersetzungsmodul umschalten muss. Englisch einzugeben funktioniert mit Liblouis jedenfalls wesentlich besser als deutsch. Gerade wenn man Unified English Braille verwendet, klappt es wirklich sehr ordentlich.

Aber für mehrsprachige Benutzer wie mich sollte das ElBraille definitiv eine Schnellumschaltung bereitstellen, die man einmal konfiguriert (Erst- und Zweitsprache) und dann immer schnell umschalten kann. Aber das macht natürlich nur Sinn, wenn, wie in meinem Fall, auch beide Sprachen ordentlich funktionieren würden und diese Umschaltung auch die Umschaltung des ganzen Moduls ermöglichte. Jetzt, wo ich dieses Update schreibe, denke ich, dass dies für JAWS eh eine sinnvolle Erweiterung der Funktionalität wäre, denn die Brailleeingabe funktioniert ja mit jeder Focus-Zeile an jedem PC, nicht nur dem ElBraille.

Fazit

Die Idee des ElBraille an sich ist klasse. Ein kleiner und gar nicht zu schwerer Computer mit einem vollen Windows 10, Office, Skype und was man sonst noch so braucht, ohne störenden Bildschirm und mit einer Batterielaufzeit von vom Hersteller angegebenen bis 20 Stunden sind durchaus sehr attraktiv. Allerdings ist für den Preis die Hardware viel zu schwach. In Deutschland schlägt die Docking Station allein mit etwa 1800€ zu Buche. Dazu kommt die Braillezeile, wenn noch nicht vorhanden, und natürlich eine JAWS-Lizenz. Auf Wunsch kann man natürlich auch NVDA installieren, aber ohne selbst den Funktionsumfang noch erheblich zu erweitern, dürfte das nicht so viel Spaß machen.

Allerdings ist das Killer-Kriterium für mich wirklich die absolut unbrauchbare oder umständliche Eingabemöglichkeit in mehreren Sprachen gewesen, das mich das Gerät gestern hat zurückgeben lassen. So ein Gerät würde für mich wirklich nur Sinn machen, wenn diese grundsätzliche Funktion im Deutschen JAWS funktionieren würde.

In den USA und Kanada tritt Freedom Scientific als Haupthändler für diese Geräte auf. Jonathan Mosen hat dazu sogar eine eigene Episode des FSCast veröffentlicht und wird nicht müde, das ElBraille bei jeder Gelegenheit zu erwähnen. Freedom Scientific steht zumindest im englischen also ziemlich hinter diesem Gerät. Der Rest der Welt kauft direkt bei Elita Group, natürlich über entsprechende Hilfsmittelhändler wie z. B. Die IPD. Wenn Freedom Scientific auch international diese Art mobilen Computings unterstützen würde, müssten sie dafür sorgen, dass in anderen Sprachen die Brailleeingabe auch ordentlich funktioniert. Aber ein großes Interesse scheint hieran anscheinend nicht zu bestehen, sonst wären nicht inzwischen sieben JAWS-Versionen mit diesem Mangel für den deutschsprachigen Raum erschienen. Schade eigentlich.

Disclaimer

Ich habe von 1996 bis 2007 bei Freedom Scientific bzw. deren Vorläufer Omni PC gearbeitet und war stark an den Entwicklungen und Übersetzungen von JAWS 1.22 bis JAWS 8.0 beteiligt. Seit ich dort nicht mehr arbeite, bin ich lediglich zahlender Kunde mit einer Lizenz für meinen Arbeitsplatz und Anwender einer Focus-Braillezeile. BrailleIn und andere hier beschriebene Features entstanden lange nach meiner Zeit bei Freedom Scientific, und meine Kritik ist die eines zahlenden Kunden.

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13 thoughts on “Test des ElBraille

  1. Volle Zustimmung! Seit April 2017 nutze ich das ElBraille. Trotz der angesprochenen etwas ungünstig konfigurierten (Laufwerke C und D) und allzu sparsamen Hardware erledigt es das, was ich damit mache, ordentlich (Office, etwas Soundbearbeitung usw.) Echtes Windows mit Notetaker-Feeling ist genau das, was ich mir lange in dieser Form gewünscht habe. Trotz Bemühungen auch von unserer Seite vom Brailleschrift-Komitee (www.bskdl.org) bzw. einzelner Mitglieder tut sich leider immer noch nichts in Sachen brauchbarer Kurzschrift-Eingabe. Und ja: In den HIMS-Geräten werkelt, ebenso wie bei HTCom, die RTFC-Kurzschrift-Engine in beide Richtungen und tut einen sehr guten Dienst.

    • Hallo Aleksander, vielen Dank für Deine Ergänzungen und Anmerkungen!

      Ich wusste gar nicht, dass RTFC inzwischen auch im HTCom werkelt. Seit meine BrailleStar 40 vor einigen Jahren an Altersschwäche starb, habe ich keine Handy-Tech-Zeile – ähem – Help-Tech-Zeile mehr genutzt. Mich interessiert aber das ActiLino, ich glaube, ich werde morgen mal bei den Lüneburgern anrufen, das ist die nächst gelegene Filiale von Hamburg aus. 🙂

  2. Achja, Stichwort RTFC: Das wäre bei Kurzschrift-Power-usern noch eine Möglichkeit: RTFC erwerben, längere Texte schreiben (z. B. in einem Editor, Text in Kurzschrift eingeben) und diese dann rückübersetzen lassen; ist aber freilich sehr umständlich. Mein Workaround bei wirklich langen Texten oder Mitschriften, wo’s schnell gehen soll, ist eine kleine, feine, faltbare Bluetooth-Tastatur.

    • Hallo Aleksander! Ja, das wäre tatsächlich eine Möglichkeit, längere Texte tatsächlich per RTFC rückübersetzen zu lassen. Die Möglichkeit, per Direkttransfer Texte zu übermitteln, scheint mir auch sehr interessant, wie sie fürs ActiLino von Help Tech beschrieben wird. Mal sehen, ob ich da was finde. Ich möchte aber tatsächlich wieder mehr mit Braille machen und auch wieder in der Freizeit mehr Braille lesen. Ich war früher ein flammender Fan des Buchwurms von Handy Tech. Vielen waren die 8 Module zu klein, mir hat es ganz viele lange Zug- und S-Bahn-Fahrten zu meinem damaligen Studienplatz verschönert. 🙂

  3. Hallo Marco,
    ich finde es immer wieder toll, deine Testberichte zu lesen, egal, um welche Hard- oder Software es dabei geht. Nach meiner Meinung schreibst du trotz deiner subjektiven Meinung immer sehr neutral und sachlich. Ich möchte hier keine Namen nennen, aber da kenne ich ganz anders verfasste Testberichte und Artikel, die beinahe schon anmaßend im Tonfall sind.
    Wenn ich das Wort „Braille-Notizgerät“oder so höre oder lese, dann frage ich mich immer als Erstes, welchen Mehrwert mir so ein Gerät eigentlich bringen soll. Das ist beim ElBraille nach deinem Bericht sogar noch extremer. Für mich, der dieses Gerät noch nie unter den Fingern hatte, ist dies einfach nur ein hardwaremäßig sehr schwaches Notebook mit Windows 10 Home, JAWS und einer Focus 14/40 Blue. Leider hast du Nichts zum Preis geschrieben, evtl. weißt du auch Nichts darüber? Ich habe bei meiner kurzen Recherche leider auch Nichts dazu finden können. Aber wenn ich mir vorstelle, das zum Betrieb eine JAWS-Lizenz und eine Focus-Zeile zusätzlich notwendig sind und diese ja schon mehrere Tausend Euro allein kosten, dann ist der Spaß nicht wirklich günstig. Dann kann ich mir diese beiden Dinge doch auch durch die Krankenkasse finanzieren lassen und mir dazu ein Notebook mit Windows 10 zulegen. Dabei kann ich mir die Größe, die Ausstattung usw. selbst aussuchen und auch sämtliche Software nutzen, die ich möchte.
    OK, ein Braille-Notizberät ist bestimmt in seinen Abmessungen ein wenig kleiner als ein Notebook inklusive Braillezeile und vielleicht auch ein wenig leichter. Aber macht nicht das den Mehrnutzen wieder wett? Insbesondere bei der Texteingabe kann ich mir nicht wirklich vorstellen, dass man mit Braille-Eingabe, selbst wenn man die Kurzschrift sehr gut beherrscht, schneller ist als ein guter Schreiber im 10-Finger-System.
    Also was genau bringt ein Braille-Notizgerät deiner Meinung nach für Vorteile gegenüber einem handlichen Notebook mit 40er Braillezeile? Vielleicht überzeugt mich deine Antwort ja, mich mit derartigen Geräten auch mal ein wenig intensiver zu befassen.

    • Hallo Hauke!

      Vielen Dank für das Lob! Ich bemühe mich stets, bei Tests die Kritik so anzubringen, dass sie als konstruktiv empfunden wird. Denn nur bei sachlich vorgetragener Kritik hat man auch eine Chance, dass sich in Zukunft vielleicht was ändert und ein neuer Testbericht dann auch positiver ausfällt. Ich schreibe nämlich eigentlich gern positive Testberichte. 😉

      Zum ElBraille selbst schrieb ich oben durchaus, dass es mit etwa €1800 zu Buche schlägt. Die Zeile an sich und was eine JAWS-Lizenz zur Zeit kostet, entziehen sich meiner Kenntnis. Ich kaufte meine Focus 14 Blue vor 5,5 Jahren, da kostete sie mich 1535€. Ob der Preis heute noch stimmt, weiß ich nicht.

      Was mich hauptsächlich an so kleinen Geräten reizt, ist eben genau das, dass sie sehr klein sind. Selbst ein handliches Notebook mit 11 Zoll Bildschirmdiagonale, oder auch ein Tablet mit Tastatur, das vielleicht 9 oder 10 Zoll Diagonale hat (kleiner wird’s mit einer vernünftig passenden Tastatur schwierig), wird mit einer extra per Bluetooth oder USB angebundenen Zeile unterwegs schon ein unheimliches Gefrickel. Wenn man sich z. B. einen Ausklapptisch im ICE vorstellt, so passt ein Notebook oder Tablet im aufgestellten Zustand vielleicht prima drauf, aber für die Zeile ist dann kein Platz mehr. Selbiges gilt für Flugzeuge. Auch in Konferenzen will man als Blinder ja nicht ständig mit irgendwelchen mehreren Geräten hantieren, sondern sein kompaktes Gerät genauso schnell und unauffällig auf den Tisch stellen wie Sehende ihr Notebook oder manche auch einfach nur Papier und Stift.

      Ein Braillenotizgerät oder eben integrierter Computer wie das ElBraille hätte theoretisch die Chance, durch seine sehr platzsparende Bauweise, diesen Nachteil eines extra mitzuführenden Gerätes wieder wett zu machen. Aber dafür muss eben die Brailleeingabe ordentlich funktionieren, damit man eben tatsächlich einen Vorteil hat, keine normale Tastatur zu benutzen. Und genau das ist beim ElBraille und der Software darin zur Zeit leider im Deutschen nicht gegeben. Auf englisch funktioniert alles super, aber im Deutschen eben nicht.

      Ich war Mitte der 2000er übrigens ein großer Fan des PAC Mate mit an- und abdockbarer Braillezeile. Die Pocket-PC-basierten Geräte hatten ihre Schwächen, aber sie waren ultramobil, mit oder ohne Braillezeile nutzbar, und sehr flexibel. Ein solches PAC Mate hat mir damals über einen längeren Zeitraum sehr große Hilfe geleistet, weil ich es eben so autark überall mit hin nehmen konnte und immer nur ein Gerät und kein Gefriemel mit Kabeln o. ä. hatte.

  4. Hallo Marco,
    vielen Dank für deine schnelle Antwort. Ich hab den Preis für das ElBraille oben doch tatsächlich überlesen, tut mir Leid.
    Deine Erfahrung mit Arbeiten im Zug/ICE sind da sicherlich um Weiten höher als meine, zum Platzbedarf im Flugzeug kann ich gar Nichts sagen, ich bin im letzten Jahr ganze ein Mal und das auch noch innerdeutsch geflogen.
    OK, wie ich schon vermutete, ist der geringere Platzbedarf eines Braille-Notizgerätes klar ein wichtiger Punkt. Deine Ausführungen bzgl. Konferenzräumen verstehe ich nur zum Teil. Klar ist es schön, wenn man als blinder Mitarbeiter genauso schnell losschreiben kann, wie ein sehender Kollege. Für mich wäre dabei allerdings wieder nachteilhaft, dass ein solches Notizgerät keinen Monitor hat, der sehende Kollege oder die eventuell vorhandene Arbeitsplatzassistenz also nicht schnell einen Blick auf mein Gerät werfen kann, um mal zu schauen, ob ich etwas korrekt geschrieben oder sonst was richtig oder falsch gemacht habe. Und gerade bei Schulungen würde mich ein Notizgerät wahrscheinlich wieder nerven, weil ich dieses und mein Notebook mitnehmen müsste.
    Ich glaube einfach, dass die Entscheidung für oder wieder ein Braille-Notizgerät sehr individuell ist. Da es für mich kein Problem darstellt, mein Notebook auf den Tisch zu stellen und anschließend noch schnell meine Focus 40 Blue anzuschließen (die evtl. sogar per Bluetooth verbunden ist), sehe ich für mich keine schlagenden Vorteile. Für 1800 Euro kann ich mir beinahe ein für mich optimal ausgestattetes Lenovo ThinkPad zulegen, das meine Bedürfnisse stärker erfüllt. Gerade aber für Menschen, die schnell un unkompliziert und vielleicht sogar noch am liebsten in Braille mitschreiben wollen, ist ein Notizgerät wie das ElBraille sicher eine spannende Sache, die es sich lohnt mal genauer zu betrachten.

  5. Hallo zusammen, ich habe den Bereich über die Kurzschrift nochmals mit neuen Erkenntnissen überarbeitet. Die Kritik ist nicht weniger geworden, hat sich nur verlagert, und meine Entscheidung hat es ebenfalls nicht zum Positiven beeinflusst. Aber die Informationen richtig zu stellen, ist Ehrensache. 🙂

  6. Ein wirklich toller und objektiver Artikel, der Fakten und eigene persönliche Einschätzungen gut trennt. Ich habe noch einen Uralt-Pronto, der auch schon vor der Baum-Insolvenz nicht mehr up to Date war und für den sich eine Überholung auch nicht mehr gelohnt hätte. Irgendwie liebäugele ich deshalb schon seit einiger Zeit mit einer neuen, kleinen mobilen Lösung, um am Iphone komfortabler Schreiben aber auch unterwegs unabhängig lesen und notieren zu können. Von daher fand ich den Beitrag sehr interessant. Ich finde das Elbraille einerseits sehr faszinierend. Nahezu jede beliebige Software installieren zu können, eine lange Laufzeit und eine flexible Kombinationsmöglichkeit aus Zeile mit Elbraille oder Nutzung nur der Zeile alleine haben schon was für sich. Auch wirken klassische Notizgeräte mit Windows CE dann doch irgendwie recht altbacken und von gestern. Andererseits … macht das wirklich Spaß, mit nur 14 Zeichen in Windows unterwegs zu sein? Die Statusanzeige wird man sicher in JAWS abschalten aber dann gibt es ja immer noch vieles, was irgendwie raumgreifend angezeigt wird. Man wird also wohl nicht umhin kommen, dass Elbraille meistens mit Sprachausgabe und in Besprechungen mit Kopfhörer zu nutzen, vermute ich. Auch scheint mir der Lernbedarf doch recht enorm zu sein. Im Alltag nutzt man schließlich unendlich viele Tastenkombinationen, die einem auf der normalen Tastatur ohne überlegen zu müssen von der Hand gehen. Da sehe ich mich vor so einem Gerät doch des öfteren mal frustriert verzweifeln, weil ich eine auf einer Normaltastatur selbstverständliche Tastenkombination auf dem Elbraille erst einmal nicht hinbekomme. Auch holt man sich mit Windows 10 diese in der Regel zwei mal im Jahr auftauchenden umfassenden Update-Prozesse ins Haus, die ich schon bei normalen Notebooks und PCS nervig finde. Letztlich finde ich das Elbraille auch vom Gewicht her als Ersatz für ein Notebook zwar leicht, als mehr oder weniger ständigen Begleiter zum Notieren aber doch auch wieder schwer. Das Actilino ist zwar nicht sonderlich viel kleiner von den Abmessungen her, vom Gewicht her aber doch fast 45 Prozent leichter. Vorteilhaft sehe ich auch das automatische Weiterschalten der Zeile beim erreichen des Endes. Je kürzer die Zeile ist, um so sinnvoller ist das weil man um so mehr handbetätigte Weiterschaltungen spart, denke ich. Auch wegen der hier angesprochenen Kurzschrift Probleme tendiere ich persönlich derzeit auch mehr zum Actilino. Von daher bin ich auf den hier in einem anderen Beitrag angekündigten Testbericht sehr gespannt. Weisst du Marco schon, wann es den ungefähr geben wird?

    • Hallo Chris!

      Vielen Dank füR DEINE Kommentare! Ich habe mein Actilino am Freitag bekommen und werde ihn jetzt ausführlich testen, um dann einen schönen, langen, Testbericht zu schreiben. Nur soviel sei schon verraten: Er wird viel genutzt. 😉

  7. Noch etwas, nur teils das ElBraille betreffend. Bestandteil ist bei den aktuellen ElBrailles ja die Focus 14 der 5. Generation. Für dieses Modell gibt es nun wohl eine vom ElBraille unabhängige Texteditor-Funktion Namens Scratchpad. Allerdings lässt sich auch hier wieder ablesen, wie stiefmütterlich und stümperhaft Braille von VFO umgesetzt wird. So kann man im Editor Notizen schreiben und diese auf der SD-Karte speichern. Allerdings kann man die Karte wohl nicht eben mal so als Wechseldatenträger nutzen und die Notizen unkompliziert auf den PC holen. Man muss dazu einen Exportvorgang bemühen. Es ist außerdem möglich, vom PC aus Dateien im BRL Format auf das Gerät zu importieren. Dort allerdings kann man die Datei nur öffnen und lesen. Editieren ist nicht möglich. Mal eben die Tagesordnung zu einer Besprechung auf die Focus schicken und dort dann seine Notizen einfügen oder die Tagesordnung gar als Struktur-Vorlage für ein Protokoll nehmen geht also nicht.
    Grund für diese zwei Beschränkungen ist wohl, dass in der Focus selbst keine Brailletabelle enthalten ist. Somit speichert sie zwar die Tastatureingaben aber übersetzt sie nicht in deutsche Buchstaben. Das passiert erst beim Exportvorgang auf den PC und ist abhängig vom installierten JAWS. Es wird auf die dortige Brailletabelle zurückgegriffen.
    Auch das ist finde ich ein schönes Beispiel, wie die Interessen von Punktschriftnutzern von VFO nicht wirklich gut bedacht werden. Immer eine Exportfunktion trotz SD-Karte bemühen zu müssen oder vorhandene übertragene Texte nicht ergänzen zu können ist umständlich und weltfremd. Auch braucht, wer die Notizfunktion nutzen möchte, offenbar immer irgend ein JAWS auf dem Rechner. Sonst gibt es zumindest keinen Import und Export von Texten. OK, auch für das Actilino gibt es eine Übertragungssoftware. Aber die ist kostenlos und man kann das Gerät wohl auch so einstellen, dass man Dateien direkt auf das Actilino legt. Auch kann man die Dateien bearbeiten und wenn man die Übertragungssoftware nutzt, kann man noch zwischen Voll- und Kurzschrift hin und her konvertieren. Irgendwie doch wesentlich Braille-freundlicher gedacht und gemacht, finde ich…

  8. Hallo Marco und alle,
    seit November 2017 besitze ich auch das El-braille, die Focus 14 habe ich schon länger. Vom Konzept dieses Gerätes war und bin ich sehr begeistert, auch heute noch. Ich hatte nie ein Notizgerät, wollte aber immer ein Pronto haben. Dann doch nicht mehr, weil das Gerät einfach zu proprietär ist. Da kam das El-Braille gerade richtig, weil es ein vollwertiges Windows 10, Office und Jaws beherbergt. Hinzu kommt bei mir noch, dass ich seit 2013 nur noch einen iMac und später noch ein MacBook habe, also gar kein Windows mehr, von einigen Versuchen mit einer VM mal abgesehen.
    Ich war also sehr neugierig auf Windows 10 und Jaws in der neuesten Version. Ich muss aber sagen, dass ich bei dem ElBraille mir manchmal überlege, ob ich es nicht zurückgeben soll. Dabei könnte ich den aufgeteilten Speicher als Sachmangel anbringen und theoretisch so vom Kaufvertrag zurücktreten, obwohl das meinem Hilfsmittelhändler gegenüber nicht ganz fair wäre. Ich habe halt ständig Probleme mit vollem Speicher und Updates, die nicht durchgeführt werden können. Den Tipp, meine ganzen Programme auf d:\ zu installieren, ist zwar gut, geht aber nur bedingt. Habt ihr mal versucht, ein Jaws 2018, google chrome oder Office 365 in einem anderen Speicherort zu installieren? Wenn euch das gelingt, wäre ich euch für einen Tipp dankbar, ich schaffe es nämlich nicht.
    Ein weiterer Punkt, den ich ansprechen will, ist die Akkulaufzeit. Marco, da hast du jetzt gar nichts darüber verloren, aber hast du mal ungefähr gemessen, wie lange dein Gerät durchgehalten hat? Ich habe mal abends ein längeres Hörbuch damit gehört, was man aber, nebenbei gesagt, lieber am Smartphone und co. macht. Weil ich natürlich eingeschlafen bin, lief das Gerät von 22:00 bis 5:00 mit einer Akkuladung durch. Das heißt, 7 Stunden. Kein schlechter Wert, schafft mein 12-Zoll-MacBook aber fast auch, naja, vielleicht 6 Stunden. Aber das hat einen Bildschirm, der mit Strom versorgt werden muss. Mit anderen Worten, die Akkulaufzeit ist bei mir viel geringer als angegeben, wobei das Gerät ja keinen Standby-Modus hat. Man kann es nur hoch- oder runterfahren. Obwohl das schon recht schnell geht, ist das doch recht lästig, wenn man von einer Vorlesung zur Nächsten geht. Mein MacBook kann ich zuklappen und es ist nach einigen Sekunden, nachdem es von der Apple Watch entsperrt wurde, einsatzbereit. Gut, da habe ich manchmal Verbindungsprobleme mit den Airpods, wenn diese nicht zuerst in den Ohren stecken, aber das ist ein anderes Thema.
    Wenn man das El-Braille wärend dem Transport einfach laufen lässt, heizt es sich in der Tasche auf und verbrät seinen Akku. Zudem finde ich den Lüfter, der bei mir wärend dem Laden kontinuierlich zu hören ist, auf die Dauer recht nervtötend. Erst glaubte ich, das Aufladen selber würde diese Geräusche erzeugen, bis mir der leichte Luftzug auffiel. Gott sei Dank ist wärend dem Akkubetrieb nichts davon zu hören.
    Ich bin und war kein großer Kurzschriftschreiber, weil man ja dazu alle Kürzungen kennen muss und die habe ich schon fast alle wieder verlernt. Aber es stimmt, dass ich einen Krampf in die Hände bekomme, wenn ich schnell etwas mit notiere. Beim Macbook kann ich teilweise fast so schnell schreiben, wie der Dozent spricht, was hier nicht geht. Aber dafür hat man beim El-Braille eine Braillezeile gleich dabei und eine so kleine Grundfläche, das findet man bei keinem Notebook auf dem Markt.
    Angesichts der Tatsache, dass es das einzig verbleibende Windows-Gerät bei mir ist, behalte ich es, aber sonst würde es vielleicht auch anders aussehen. Aber ich finde eben die Idee und das Konzept so toll und unterstützenswert. Dummerweise hat bei mir eines der vergangenen Jaws-Updates dazu geführt, dass ich Windows mit Narator reparieren musste und jetzt lassen sich die speziellen Dienstprogramme von Elita nicht mehr installieren, die Datei öffnet sich einfach nicht. Mein Hilfsmittelhändler hatte auch keine Idee und ist den ganzen August weg. Naja, was nicht ist, kann ja noch werden.
    Weil das Gerät ja auch über LTE und wohl auch über GPS verfügt, habe ich mir überlegt, ob man mit der Karten-App von Windows nicht sogar damit navigieren könnte. Mein Hilfsmittelhändler oder halt der Chef meinte sogar, dass das in den USA sogar gemacht wird.

Mentions

  • Rückbesinnung auf Blindenhilfsmittel › Marco Zehe EDV-Beratung

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