Zwischenbilanz zum Thema „Google-frei werden“

Im September 2014 startete ich ein Projekt, mich von Google zu trennen und alternative Dienste zu nutzen. Es ist nun mal Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen und zu gucken, wie konsequent ich diesen Vorsatz tatsächlich umsetzen konnte und wo es Hürden gab und gibt.

Die Suche

Während meine Euphorie über DuckDuckGo zunächst sehr groß war, zeigten sich im Alltag bei nicht ganz so gebräuchlichen Suchanfragen über die nächsten Monate sehr schnell Schwächen der noch jungen Suchmaschine. Gerade im deutschsprachigen Bereich fand ich mich sehr schnell auf Google-Suchseiten wieder, um die richtigen Ergebnisse zu finden. Diese waren oft so viel besser, dass ich gerade auf dem Handy irgendwann entnervt wieder auf Google zurückstellte. Das Experiment wird weiter geführt, auch mit weiteren alternativen Suchmaschinen wie Qwant und Yahoo!, und auch DuckDuckGo wird natürlich weiterhin geprüft, weil ich das Konzept eigentlich sehr lobens- und unterstützenswert finde. Es bleibt aber die Beobachtung, dass Google das Suchen vor allem auch wirklich relevanter Inhalte echt gut können. Ein Wechsel der Suchmaschine ist in diesem Fall tatsächlich mit erheblichen Qualitätseinbußen verknüpft, die im Alltag sehr schnell zu Hindernissen werden.

Mail, Kalender, Kontakte

Nach einigen Monaten der Nutzung von Fastmail entdeckte ich, dass, obwohl der Dienst in Australien ansässig ist, die Server, auf denen meine Daten lagerten, in New York City in den USA stehen. Und obwohl groß versichert wurde, dass die Server sicher seien usw., konnte die Frage nicht abschließend geklärt werden, welcher Gerichtsbarkeit und welchem Regierungszugriff die Server letztendlich tatsächlich unterstehen würden. Nennt mich einen Prinzipienreiter, aber das war mir einfach zu schwammig.

Ich schaute mich also nach einem neuen Anbieter um und landete schließlich beim Berliner Unternehmen mailbox.org. Dieses hat nicht nur den Firmensitz in Deutschland, sondern auch die Server, und untersteht somit deutschem Datenschutzrecht. Und bei aller sehr berechtigter Kritik an so katastrophalen Gesetzesvorhaben wie der Vorratsdatenspeicherung 2.0 haben wir immer noch eines der strengsten und Privatpersonen wohlgesonnendsten Datenschutzrechte der Welt.

Mailbox.org bietet eine auf dem Open-Source-Projekt Open-Xchange bzw. der OX App Suite basierende Komplettlösung mit E-Mail, Kalender, Kontakten, virtueller Festplatte und Dokumenten- und Tabellenbearbeitung an. Seit kurzem ist auch die PGP-Verschlüsselung integriert, was das Versenden und Empfangen verschlüsselter E-Mails über den Browser sehr komfortabel macht. Mehr hierzu aber in einem baldigen eigenen Artikel.

Sämtlicher Datenabgleich ist möglich: Kontakte und Kalender werden über die offenen Standards CardDAV bzw. CalDAV realisiert, es sind aber auch Fallbacks auf ActiveSync, also das Protokoll von Microsoft und Exchange-Servern, möglich. Dateien werden entweder über die eigenen Apps für Windows/Mac/iOS/Android oder direkt über den Standard webDAV verwaltet. Die Dokumente sind mit dem Microsoft OpenXML-Standard kompatibel, also DOCX, XLSX usw. und können somit von allen Programmen, die diese Formate lesen und schreiben können, bearbeitet, dann aber auch im Webbrowser weiterbearbeitet werden. Aber es können natürlich x-beliebige Dateien in der Cloud gespeichert werden.

Einziges, sich aber ständig verkleinerndes, Manko: Die Zugänglichkeit der Weboberfläche ist noch nicht vollständig gegeben. Vergleicht man diese Lösung mit den Google Apps wie Gmail, Docs und Sheets, hat Open-Xchange noch einige Dinge zu lernen. Ich kenne das Team aber, und dieses ist sehr engagiert und daran interessiert, dass sich die Zugänglichkeit ständig verbessert.

Da Open-Xchange aber so offen gestaltet ist, ist man eben nicht zwingend darauf angewiesen, die Weboberfläche zu nutzen. Sie bietet jedoch noch einige Zusatzfunktionen, die die Apps bisher vermissen lassen, wie das Teilen beliebiger Dateien mit anderen, sogar nicht bei mailbox.org angemeldeten/registrierten, Benutzern.

Ich habe mit Mailbox.org inzwischen fast meine kompletten Anwendungs-Szenarien abgedeckt, für die ich früher ein Dropbox-Konto benötigte. Lediglich 1Password braucht zwingend einen Dropbox-Account, wenn man seine Tresore nicht nur zwischen Apple-Geräten nutzen möchte, sondern auch Windows und Android zur Infrastruktur gehören. Selbst Banking4i & Freunde können mit dem WebDAV von Mailbox.org problemlos einen Datentresor synchron halten.

Mailbox.org ist nicht kostenlos und hat im Gegensatz zu Fastmail sogar ein (von mir ja damals kritisch betrachtetes) Prepaid-Modell, die Vorteile überwiegen hier aber ganz eindeutig diesen Nachteil.

Googles Stärken

Dennoch gibt es meinen Gmail-Account immer noch, weil Google selbst es einem natürlich schwer macht, sich ganz von ihm zu trennen. Auch so manche Funktionen wie das automatische Erstellen von Kalendereinträgen bei Erhalt von Buchungsbestätigungen für Hotels und Flüge und das synchron Halten von Kontakten, wenn man diese auch mit Google+ verknüpft hat und diese ihre Details aktualisieren, sind Funktionen, die einen manchmal sehnsüchtig überlegen lassen, ob man nicht doch… OK, iOS bietet diese Lernfunktion für den Kalender inzwischen auch, so dass man dies auch mit einem Mailbox.org-Konto realisieren kann, aber es ist immer ein manueller Prozess, den man noch anstoßen muss, wenn man entsprechende Mails z. B. auf einem iPad öffnet. Diese vollständige Integration, wie Google sie bietet, ohne dass man sich weiter um Dinge kümmern muss, sind schon sehr verführerisch und benutzerfreundlich.

Auch gibt es nach meinen Tests zu urteilen kaum ein besseres Tool als Docs & Co. zum gemeinsamen Bearbeiten von Dokumenten. Vor allem wenn man auf Screen Reader angewiesen ist, sind alle anderen Systeme, obwohl sie es zumindest teilweise auch können, mit einigen mehr Klimmzügen verbunden. Und auch hier gibt es natürlich Präferenzen, wenn man sich z. B. die Integration von MS Office in OneDrive oder Dropbox anguckt. Einige der Funktionen habe zumindest ich mit Mailbox.org nicht so nahtlos zum Laufen bekommen.

Fazit

Ein Leben unabhängiger vom großen G ist nach wie vor ein erstrebenswertes Ziel für mich. Es zeigt sich aber auch immer wieder, dass man erst merkt, was man an Gmail & Co. hat, wenn man es bewusst vermeidet, weglässt oder sich andere Haken und Ösen einstellen, sei es nun speziell bei der Zugänglichkeit oder allgemein den Funktionen und Integration. Google können Suchen richtig gut, und das spielen sie eben auch in anderen Bereichen aus. Selbst ein mehrere GB großes Postfach ist irre schnell durchsucht, das nahtlose Hinzufügen von Terminen aus Buchungsbestätigungen heraus ist ein Produktivitätsgewinn, den man erst zu schätzen weiß, wenn man ihn einmal erlebt hat.

Man darf gespannt sein, wie das noch weiter geht! Ich bleibe jedenfalls am Ball und werde in unregelmäßigen Abständen weiter berichten.

5 Gedanken zu „Zwischenbilanz zum Thema „Google-frei werden““

  1. Fastmail hat doch – genau wie Mailbox.org – ein Prepaid-Modell, oder verwechsle ich da jetzt was? Ich habe auf jeden Fall meinen Account bei Fastmail im Voraus bezahlt (mit Rabatt).

    1. Man zahlt monatlich oder jährlich und mit Kreditkarte oder Paypal. Die buchen dann die Beträge automatisch ab. Bei Mailbox.org muss man sein Konto von Hand per Paypal oder Überweisung im Plus halten.

  2. Als Suchmaschine kann ich startpage empfehlen. Basiert auf dem großen G, anonymisiert die Suchanfrage aber vorher. Für mich bis jetzt die einzig wahre Alternative

  3. Streng genommen müsstest du dann aber auch auf Google+, Android, Maps, YouTube & Co. verzichten, sämtliche Hardware wie Handys, Tablets, TVs, Wearables usw. eingeschlossen. Geht das auch bzw. wird ddas in Zukunft überhaupt noch möglich sein?

    Und dann schreibst du, dass dir Mailbox.org auch aus Gründen des Datenschutzes (Server in Deutschland) besser gefällt. Aber hast du spaßenshalber auch mal den Datenverkehr getracert?

Was denkst Du darüber?