Erstes Anfühlen der Apple Watch

Endlich ist es soweit! Die von vielen mit Spannung erwartete Apple Watch, die Computeruhr von Apple, kann seit dem 10.04.2015 in den Apple Retail Stores angeschaut und vor allem auch angefasst werden. Und auch meine Herzdame und ich ließen es uns nicht nehmen, uns in den Apple Store im Alstertal Einkaufszentrum (AEZ) in Hamburg zu begeben und einen vorher reservierten Termin zur Anprobe und dem Kennenlernen wahrzunehmen.

Im Vorfeld hatten mich schon zwei Artikel von David Woodbridge und Steven Aquino sehr neugierig gemacht und bestätigt, was schon die letzten Monate durch die Gerüchteküche waberte: Die Apple Watch hat diverse Bedienungshilfen gleich eingebaut wie Zoom, großen Text, Mono Audio und auch VoiceOver. Sie ist meines Wissens nach damit das erste Wearable, das für Blinde von vorn herein zugänglich ist. Die mir bekannte Android-Wear hat entweder keine Lautsprecher oder keine Bedienungshilfen, oder beides. Apple haben hier also mal wieder ganz deutlich die Nase vorn. Sebastian Müller hat sich dankenswerterweise die Mühe gemacht und den Artikel von David auf deutsch zusammengefasst.

Als wir nun gestern in den Apple Store kamen, wurden wir gleich freundlich empfangen und zu unserer Anprobe gebeten. Wir konnten sogar den Termin gleich beginnen, als wir eintrafen, etwa 20 Minuten vor der eigentlichen Zeit.

In diesem Apple Store waren die Apple Watch Sport, also die Uhr mit eloxiertem Aluminiumgehäuse, und die Apple Watch in Edelstahl zu bewundern. Die Edition-Variante aus 18-karatigem Gold ist hier nicht vorhanden, interessiert mich aber auch ehrlich gesagt nicht. Ich mag’s eher dezent. 😉 Auch waren sämtliche Armbänder vorhanden.

Die Uhr ist angenehm abgerundet geformt, eindeutig als Uhr erkennbar und sehr solide verarbeitet. Die beiden unterschiedlichen Größen (38 und 42 mm) sind durchaus gerechtfertigt. An meinem Handgelenk kam sich die 38-mm-Uhr sehr verloren vor, während die 42-mm-Uhr durchaus zu mir passte. Dennoch ist die Uhr nicht wuchtig oder klobig, sondern sehr anschmiegsam und fühlt sich nach einer runden Sache an.

Der Unterschied zwischen der Sport und der Edelstahl-Variante ist sehr deutlich spürbar, sobald man die Uhr am Arm trägt. Ja, obwohl es nur 25 Gramm sind, die den Unterschied ausmachen, ist die Apple Watch deutlich schwerer bei Handbewegungen als die Apple Watch Sport. Auch die verwendeten Armbänder machen hier einen deutlichen Unterschied aus. Die beiden Varianten in Leder und die Sportarmbänder sind deutlich leichter als das Milanaise- oder gar das Gliederarmband. Die Apple Watch mit Gliederarmband fühlte sich richtig schwer an.

Zu den Bedienungselementen: Die digitale Krone ist sehr angenehm leichtgängig zu bedienen, ohne dass man die Uhr vom Handgelenk nehmen muss oder es beim Drehen zu einem unangenehmen Hautkontakt kommt. Ich konnte sie problemlos mit einem Finger in beide Richtungen bewegen. Der darunter liegende Knopf zum Aufruf der Freundesliste ist ebenfalls mit einem angenehmen Druckpunkt ausgestattet und lässt sich bequem bedienen. Der Touch Screen schmeichelt sich geradezu an den Finger, wenn man darauf wischt oder tippt. Und dieses tut er sowohl bei der Edelstahl- als auch bei der Sport-Edition.

Zu den Gehäusen kann ich sagen, dass die Sport Edition am Rand leicht angeraut ist, während die Edelstahl-Edition sehr glatt ist. Die Sport-Edition wirkt dadurch jedoch keinesfalls unedler oder unsauber.

Die Armbänder sind verschieden bedienbar. Das An- und Abdocken von der Uhr selbst dürfte mit ein wenig Fingerübung bald schnell von der Hand gehen. Das Milanaise- und „Lederarmband mit Schlaufe“haben quasi stufenlos verstellbare Längen, indem man einen Teil des Armbands durch eine Schlaufe fädelt und dann per Magnet dort an das Armband klippt, wo man es braucht, so dass die Uhr gut sitzt. Das Sportarmband aus Fluorelastomer hat mehrere Löcher, in die man ein passendes Gegenstück einfach hineindrückt, das klassische Lederarmband hat einen Verschluss wie übliche Armbänder, und das Gliederarmband öffnet und schließt man durch einen Verschluss an der Unterseite. Man passt es der Dicke des Handgelenks an, indem Glieder aus dem Armband entfernt oder wieder hinzugefügt werden. Meine Herzdame erinnert der „Flügeltürmechanismus“ dieses Armbands übrigens an die Flügeltüren des Lamborghini aus den 1980er Jahren. 😉

Zu guter letzt sei noch die taktile Komponente auf der Unterseite der Uhr angesprochen, über die man z. B. durch sanftes Tippen Signale empfangen kann. Dieses ist kreisrund und nimmt fast die gesamte Unterseite der Uhr ein. Sie fühlt sich beim Tragen jedoch überhaupt nicht wie ein Fremdkörper an, sondern passt sehr angenehm zum Tragegefühl.

Die Modelle, die man zur Anprobe verwendet, sind entweder komplett ausgeschaltet oder laufen in einer fest programmierten Demo-Schleife. Sie dienen wirklich nur dazu, das Gefühl fürs Tragen und die Armbänder zu bekommen. Zum Testen der eigentlichen Funktionen waren mehrere Modelle auf einem anderen Ausstellungstisch auf besondere iPads gemountet. Leider befinden sich diese in einem DemoModus, in dem fast alle, aber eben nicht alle Funktionen zur Verfügung stehen. So sind sämtliche Bedienungshilfen in diesem Demo-Uhren nicht aktivierbar. Ich konnte also VoiceOver nicht selbst testen. Und da ich keinen Presseausweis oder ähnliches besitze, konnte ich auch keine privilegierte Vorführung mit einer voll funktionsfähigen Uhr bekommen. Es waren allerdings auch einige andere Funktionen nicht verfügbar, für die die Uhr definitiv ein gekoppeltes iPhone braucht.

Apropos: Um es nochmals deutlich zu sagen: Die Apple Watch benötigt ein iPhone 5 oder neuer als Partnergerät, um überhaupt in Betrieb genommen zu werden. Danach kann sie einige Funktionen selbstständig ausführen, für die allermeisten braucht sie aber das iPhone in der Nähe. So können auch einige Aspekte der Bedienungshilfen lediglich über die Apple-Watch-App auf dem iPhone richtig konfiguriert werden, wie David in seinem Artikel schreibt. Und auf dem iPhone wird mindestens iOS 8.2 vorausgesetzt, aber wer iOS 8 nutzt, sollte gerade als VoiceOver-Anwender eh auf die 8.3 aktualisieren, wegen einer riesigen Menge an Fehlerbehebungen.

Und noch ein Hinweis für Leserinnen und Leser, die selbst iOS-Apps mit Apple-Watch-Erweiterungen entwickeln: Da die Apple Watch ein voll funktionsfähiges VoiceOver enthält, müssen auch die Elemente der Benutzerführung wie unter iOS zugänglich gemacht werden. Rein grafische Elemente brauchen also genauso ein AccessibilityLabel wie die iOS App für ihre grafischen Buttons selbst. Ich habe meinen Artikel zur VoiceOver-Unterstützung für iOS um einen Abschnitt für die Apple Watch erweitert.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich schon sehr gespannt auf mein persönliches Modell bin! Meine Herzdame und ich haben ein ganz konkretes Anwendungsbeispiel, wofür uns die Apple Watch schon in ihrer Grundausstattung eine große Hilfe sein wird. Immer dann, wenn sie wegen einer Kataplexie nicht in der Lage ist, ein iPhone in die Hand zu nehmen und mich per Textnachricht zu Hilfe zu rufen, kann sie aber im Regelfall wenigstens ein Tap-Muster an mich senden, bei dem ich dann sofort bescheid weiß, was Sache ist. Die Apple Watch wird hier also zu einem Zweck zum Einsatz kommen, den Apple selbst so vielleicht noch gar nicht überlegt hat. Und sie ist eben nicht ein bloßes Gadget, sondern wird ein richtiges Hilfsmittel für uns sein, dass es so bisher noch nicht gab. Ich werde dann weiter berichten!