Ich werde Google-frei

Update 20.01.2016: Zu diesem Beitrag gibt es eine Zwischenbilanz, die die Weiterentwicklung zu diesem Vorhaben beleuchtet.

Ja, ich will meine Online-Aktivitäten in Zukunft versuchen, weitgehend ohne den Suchmaschinen-Riesen zu leben. Das hat nichts mit meinem gescheiterten Experiment „Umstieg auf Android“ zu tun, sondern vielmehr damit, dass Google immer datenschutz- und privatsphärenfeindlicher wird. Jüngstes Beispiel, das bei mir das Fass zum Überlaufen brachte, war ein Vorfall aus der letzten August-Woche, bei dem Google eine App aus dem Play Store warf, die andere Apps daran hindert, Nutzer unbemerkt und ohne deren Zustimmung zu verfolgen.

Infolge dessen habe ich die letzte Woche damit verbracht, successive meine Daten und Dienste von Google weg zu Alternativen zu befördern. Besonders im Vorteil waren hier natürlich Dienste, die Datenschutz groß schreiben. Und ja, ich lasse mich das durchaus auch was kosten.

Suche

Der prominenteste Dienst ist natürlich die Suche. Die datenschutzfreundlichste Alternative ist hier definitiv DuckDuckGo. Die Zugänglichkeit der Suchergebnisse ist hervorragend, die Suchergebnisse selbst sind es inzwischen ebenfalls, und die Einbindung als Standard-Suchmaschine oben rechts im Firefox klappt auch problemlos. Das Team ist sehr hilfsbereit bei Problemen und antwortet, z. B. auf Twitter, sehr zügig. In iOS 8 und OS X Yosemite wird DuckDuckGo sogar eine weitere Suchmaschinen-Option für Safari sein.

Mail

Nächster prominenter Punkt ist ein Ersatz für den Gmail-Account. Nach einigen Experimenten bei meinem Webhoster DomainFactory, die aber alle nicht zufriedenstellend waren, bin ich letztendlich und auf wärmste Empfehlung mehrerer Bekannter bei FastMail gelandet.

Und was soll ich sagen? Außer: „Warum bin ich nicht schon längst bei denen gewesen!“? Der Service ist einfach klasse! Die Webseiten sind sehr gut zugänglich, es werden ausschließlich semantisch richtige Elemente für die Weboberfläche verwendet. Und wenn es klemmt, bekommt man schnell und kompetent Hilfe.

Neben Mails per – übrigens sehr schnellem – IMAP und SMTP und Zugriff über die Weboberfläche bietet FastMail auch lokale Kontakte, die man bisher allerdings noch nicht mit mobilen Geräten synchronisieren kann. Weiterhin gibt es einen Kalender, der mit dem CalDAV-Standard auch mit dem iPhone synchronisiert werden kann, und Webspeicherplatz für Dateien, bei dem der Zugriff per WebDAV erfolgt. Allerdings kann webDAV nicht jedes Betriebssystem von Haus aus, es muss also z. B. für Windows eine Software installiert werden, die diese Funktionalität in den Explorer nachreicht.

FastMail ist allerdings in keinem Fall kostenlos. Selbst der absolute Basistarif kostet etwas. Dafür ist der Dienst jedoch werbefrei. Ich selbst nutze eine der höheren Varianten, weil ich auch eigene Domains habe, die natürlich ihre Mails auch an FastMail geliefert bekommen sollen. Dank der einfachen DNS-Konfiguration war das Umstellen der MX-Einträge bei kein Problem, und inzwischen laufen alle vier Blog-Domains, die ich inzwischen habe, e-mail-mäßig über FastMail, und zwar in Empfangs- und Senderichtung. Denn selbstverständlich werden auch E-Mail-Aliase unterstützt. Auch Accounts für ganze Familien oder Firmen sind verfügbar, die noch mehr Einstellungsmöglichkeiten bieten als die Accounts für Einzelpersonen. Es gibt serverseitige Filterregeln, um Mails von Mailinglisten vorzusortieren und auf allen Geräten denselben Stand zu haben, und, und, und… Es gibt einen 60-tägigen Testzeitraum, also wenn ihr neugierig geworden seid, einfach mal selbst ausprobieren!

Mir persönlich tut es nicht weh, für einen vernünftigen und werbefreien E-Mail-Dienst auch was zu zahlen, der so viel bietet wie FastMail. Dass ich dafür nicht als Lieferant für Werbetreibende gebraucht werde, ist es mir wert!

Warum nicht Posteo?

Da ich dies auf mehreren Kanälen gefragt wurde, hier ein Update, warum meine Wahl nicht auf den Anbieter Posteo fiel, obwohl Posteo ja mit hoher Sicherheit und Datenschutz wirbt und ich dies auch durchaus unterstützenswert finde. Ausgehend von Posteos aktueller (September 2014) Leistungsbeschreibung sind dies folgende Punkte:

  • E-Mail-Aliase: Neben der Haupt-Adresse sind zwei weitere inklusive, jeder weitere Alias kostet monatlich eine Gebühr.
  • Domains: Aliase können nur auf Posteo-Domains lauten, man kann also keine E-Mail-Aliase mit eigenen Domains verwenden. Da ich mindestens eine meiner Domains auch rege als E-Mail-Domain nutze, müsste ich hierfür eine alternative Eingangsmöglichkeit schaffen, die mal mindestens eine Weiterleitung auf Posteo machte.
  • Speicherplatz: Es sind nur 2 GB inklusive, jedes weitere GB kostet €0,25, und es sind maximal 20 GB möglich. Mit allem zusammen wäre ich jetzt preislich schon bei dem, was mich FastMail monatlich nach Berücksichtigung des Umrechnungskurses von US$ in Euro kostet, ich hätte aber deutlich weniger Leistung.
  • Webmailer: Posteo nutzt Roundcube als Webmailer. Diesen kenne ich schon als einen von zweien Webmailern von DomainFactory, und er glänzt nicht gerade durch Screen-Reader-Freundlichkeit. FastMails Webmail-Interface ist eine eigene Entwicklung und sehr freundlich zu meinen Screen Readern. Außerdem ist dieser Webmailer unter Kontrolle des Dienstanbieters, so dass sie auch auf Bugreports reagieren und Verbesserungen direkt durchführen können.
  • Bezahlung: Ich mag Prepaid-Modelle nicht besonders. Man muss immer daran denken, eine Aufladung durchzuführen, also im Falle Posteos eine regelmäßige PayPal-Zahlung oder einen Dauerauftrag eingerichtet haben.

Dies sind also fünf für mich nicht ungewichtige Gründe, weswegen ich mich für FastMail entschieden habe.

Dateien in der Cloud

Hier bietet sich ein uneinheitliches Bild. Klar ist, dass ich meine Daten nicht länger in Google Drive haben werde. Allerdings ist mit der Zeit doch einiges zusammengekommen, was sich so auf diverse Dienste verteilt. Ich denke, ich werde sowohl FastMail’s WebDAV-Angebot nutzen als auch weiterhin meinen Dropbox-Account, gerade weil diesen Dienst so viele haben und die Freigaben so schön funktionieren. Eventuell wird auch Apple’s iCloud Drive interessant, wenn es jetzt im Herbst mit Erscheinen von iOS 8 und OS X Yosemite veröffentlicht und endlich zu einem vollwertigen Cloudspeicher wird. Ich habe hier wegen meines Office 365 Home Premium von Microsoft auch noch zig GB oder mehr OneDrive-Speicher zur Verfügung, nutze diesen aber eher weniger. Ob ich den im nächsten Jahr verlängere, weiß ich noch nicht. Ich nutze Word & Co. eigentlich gar nicht mehr, sondern schreibe viele Dinge in Markdown und publiziere sie dann als HTML oder epub.

Kalender, Kontakte

Da FastMail, wie oben erwähnt, zwar inzwischen das Synchronisieren von Kalendern per CalDAV unterstützt, die Synchronisierung von Kontakten per CardDAV bisher aber nicht zur Verfügung steht, ist hier noch ein anderer Dienst erforderlich. Nachdem ich zu Zeiten meines Experiments mit Android mit OwnCloud experimentiert habe, mir aber die Unstetigkeit des Webinterfaces bei Updates, was die Zugänglichkeit angeht, ganz gehörig auf die Nerven geht, werden Kontakte und Kalender vorerst über iCloud synchronisiert. Ich habe es zwar nicht geschafft, trotz zahlreicher Anleitungen die iCloud-Kontakte auch in Thunderbird einzubinden; da die sich aber eh nicht oft ändern, synchronisieren diese im Moment lediglich zwischen den i-Geräten und dem Mac, wenn er denn mal wieder läuft. 😉 Wenn denn mal ein Update in einem Kontakt erfolgt, trage ich diesen in Thunderbird von Hand nach.

Außerdem bietet iCloud ja noch weitere spannende Fähigkeiten für Besitzer von i-Geräten, auf die ich definitiv nicht verzichten möchte, gerade wenn es jetzt auf iOS 8 zugeht.

Fazit

Ein Leben ohne Google ist möglich und auch nicht sinnlos! 😉 Mit einigen wenigen Handgriffen kann man sich vieler Dienste des Suchmaschinen-Riesen entledigen und Alternativen finden, die mindestens genauso gut funktionieren. Andere, bisher nicht erwähnte, Dienste wie Maps nutze ich eh nicht, sondern das, was Apple Karten und BlindSquare benutzen, so dass hier schon von vornherein mit Ersatz gearbeitet wurde bzw. gar keiner gesucht werden musste. Zusammenarbeit bei Dokumenten brauche ich, wenn überhaupt, dann nur im beruflichen Umfeld, und da gibt es einen Google-Account, der ausschließlich dafür da ist und sonst nichts anderes tut. Aber für meinen privaten Gebrauch werde ich Google-Dienste in Zukunft nicht mehr nutzen. Klar wird die Mail-Adresse noch eine Weile bestehen bleiben, damit auflaufende Mail nicht zurückgeschickt wird, aber der Account wird früher oder später geschlossen, also aktualisiert lieber schnell eure Adressbücher! Meine neue E-Mail-Adresse gibt’s im Impressum.

13 Gedanken zu „Ich werde Google-frei“

  1. Danke für den Hinweis auf Fastmail. Das kannte ich bisher auch nicht. So jetzt warte ich noch auf die Kommentare, dass das alles nix bringt oder eh Wurst ist 😉

    1. Auf Google+ kam schon der Hinweis auf den Suchverlauf und dass man ja ganz genau einsehen könne, was Google über einen sammelt und verkauft. 😉

  2. Für Safari im aktuellen OS X: Nimm die Extension. Die ersetzt Google komplett. Also alles, was vom Safari auf Google geführt wird, inklusive der Suche in der Adresszeile, geht dann zu DuckDuckGo.

    Auf iOS verwendet ich das Launch Center Pro als Startpunkt für alle Suchen und die Websuche ruft dann einfach DuckDuckGo als Suchmaschine auf.

  3. Gute Entscheidung endlich von Google weg zu gehen :-).

    Viele Dinge, die du jetzt über externe Anbieter machst, erledige ich schon seit Jahren selbst. Dafür brauchts lediglich einen eigenen kleinen Server im Netz, damit geht dann Mail, Kalender, Kontaktverwaltung und wenn es sein muss auch eine zentrale Ablage für Dateien.

    Für Mail nehme ich die ganz normalen SMTP- und Imap-Geschichten, die es seit Jahren unter Linux gibt, also postfix, dovecot, spamasassin und amavisd-new.

    Für meine zentrale Kontakt- und Kalenderverwaltung nehme ich Baikal, eine einfache, aber völlig ausreichende Cal- und Carddav Web-applikation: http://www.baikal-server.com

    Früher habe ich mich ebenfalls mit OwnCloud rumgeärgert, so schnell schaue ich mir das aber nicht wieder an :-).

    Und was die zentrale Wolke für Dateien angeht, wollte ich mir demnächst mal Bittorrent Sync ansehen, das soll unter iOS, Mac und auch Windows auch für uns ganz gut brauchbar sein.

    Klar, um alles selbst machen zu wollen, braucht es Zeit für die Einrichtung und Einarbeitung, aber wenn es mal läuft, ist man mehr oder weniger unabhängig und halt eben so flexibel, wie man es nur sein kann. Ausreichende VServer gibts schon für einige Euro im Monat, finanztechnisch fährt man mit der eigenen Lösung wahrscheinlich also am günstigsten.

    1. Hm, ich bin mit der Linux-Kommandozeile und vielen Bedienkonzepten nie warm geworden. Ich habe dieses und die anderen Blogs etwa 10 Monate lang bei Uberspace.de betrieben, die setzen auch sehr stark auf die Kommandozeile. Entweder bin ich langsam zu alt für sowas, oder die und ich passen einfach nicht zusammen, ich fand’s jedenfalls immer furchtbar umständlich, wenn ich mal was machen musste. Und irgendwelchen Verwaltungskram hat man mit Servern erfahrungsgemäß immer.
      Für mich gehört zu einem Wechsel eben auch dazu, nicht auf Komfort verzichten zu müssen. Und aus den oben genannten Gründen wäre ein virtueller Server, auf dem ich Linux und den ganzen Kram von Hand administrieren und hunderte Zeichen lange Kommandozeilen eintippen müsste, ein echter Komfortverlust. Nee, davon lasse ich die Finger und sorge lieber dafür, dass einige andere Leute irgendwo auf der Welt ein paar Brötchen damit verdienen, dass sie mir helfen, indem sie mir solche Arbeiten abnehmen. 🙂

  4. Hallo,

    Auch duckduckgo scheint daten zu speichern und an die US behörden weiterzuleiten.
    scheint sowieso schwierig zu sein komplett von diesem zeug wegzukommen.
    apple scheint ja auch nicht viel besser als google zu sein.

    BTSync läuft hier gut.
    Mail habe ich hier in österreich bei meinem provider gehostet.
    dazu hab ich noch selber einen linux server im dachboden stehen.
    owncloud 7 muss ich mir wieder mal anschauen.
    sah auf der demo seite ziemlich interessant aus:
    http://demo.owncloud.org/

    heutzutage scheint sowieso nix sicher zu sein. selber hosten ist vermutlich die einzige lösung.

    Gruß,
    Simon

  5. Ich habe mir auch mal Fastmail.fm bzw. jetzt fastmail.com angesehen: Das Angebot ist wirklich sehr umfangreich, die Dokumentation sehr gut und die Bedienung mit Screen-Reader sehr einfach. Aber: Meine Aussage zur Nutzbarkeit mit Sdcreen-Reader bezieht sich aber nur auf das „classic-interface“, das man beim Log-in mit einem einzigen Haken leicht auswählen kann. Bei der modernen Oberfläche bin ich nicht in die Account-Verwaltung gekommen, sondern habe nur die eigentliche Mailbox zu sehen bekommen.

    Die Tatsache, dass ein Interface nutzbar ist und ein anderes, neueres teilweise nicht, hinterläßt bei mir immer Bauchschmerzen. Denn was ist, wenn der Provider auf einmal das alte Interface abschaltet? Soll ja schon öfter vorgekommen sein, wie ich z.B. beim Online-Banking der Sparda-Bank am eigenen Leib erfahren durfte.
    Aber um das nochmal zu betonen: Das „Classic-interface“ ist im Vergleich zu Roundcube wirklich ein Traum. Deshalb denke ich auch ernsthaft über einen Umzug nach.

Was denkst Du darüber?