Zugänglichkeit von LibreOffice und OpenOffice unter Windows

Wie ich letzte Woche schon andeutete, tut sich unter Windows bei LibreOffice und Apache OpenOffice in Puncto Zugänglichkeit etwas!

Etwas Geschichte

Lange Jahre bestand die einzige Möglichkeit der „Zugänglichkeit“ darin, eine Java Runtime und die zugehörige Java AccessBridge zu installieren und konfigurieren, damit es mehr schlecht als recht lief. Für LibreOffice 4.2 und Apache OpenOffice 4.1 wurde der von IBM gespendete Code einer Implementierung von IAccessible2 eingebaut. Die Spende erfolgte zwar schon vor einigen Jahren, basierte jedoch auf einer sehr alten Codebasis und musste erst angeglichen und in OpenOffice eingebaut werden. LibreOffice übernahm den Code und optimierte den Code für sein Produkt noch etwas.

IAccessible2 ist eine Weiterentwicklung von Microsofts alter Schnittstelle Microsoft Active Accessibility (MSAA). Diese Weiterentwicklung war notwendig, um Beschränkungen der Microsoft’schen Schnittstelle zu überwinden. IBM, Mozilla, das NVDA-Projekt und andere waren an dieser Entwicklung beteiligt. So ermöglichte z. B. MSAA nicht das zugänglich Machen von Dokumentinhalten. Microsoft Office konnte MSAA für den Dokumentbereich von Word selbst nie nutzen. Dank IAccessible2 ist es möglich, dass Screen Reader unter Windows Eingabefelder in Firefox und Thunderbird auch ohne klassische Screen-Reading-Techniken lesen können und das formatierte Dokumente per definiertem Standard zugänglich gemacht werden können.

Apache OpenOffice

Und letzteres ist nun endlich soweit, und ich möchte hier kurz aufzeigen, wie man die Zugänglichkeit in LibreOffice aktiviert. In Apache OpenOffice 4.1 wird, sofern es erscheint, die Unterstützung von IAccessible2 einfach funktionieren. Einfach mit laufendem NVDA, JAWS oder anderen Screen Readern starten, und los geht’s. Wer’s ganz eilig hat, kann sich eine Entwicklerversion von OpenOffice herunterladen und ausprobieren. Achtung: Das englische oder deutsche Build unter „Windows Packages“, nicht unter „Windows Snapshot Packages“ nehmen, die Snapshot Packages haben einige wichtige Bugfixes noch nicht enthalten.

LibreOffice

Unter LibreOffice 4.2, welches am 30.01.2014 erschien, ist die Unterstützung von IAccessible2 noch experimentell. Die Ankündigung der Document Foundation beschreibt dies so:

LibreOffice 4.2 is the first open source suite to ship a new Windows (IAccessible2 based) accessibility feature developed by IBM. This is considered experimental for this release, but will replace legacy Java based accessibility in the next major release.

Man braucht also für die erste Zugänglichkeit immer noch eine konfigurierte Java-Umgebung mit AccessBridge. Sobald man IAccessible eingeschaltet hat, kann man diese dann aber deinstallieren, wenn man sie nicht mehr braucht. Und so kommt man da hin:

  1. LibreOffice 4.2.0 herunterladen und installieren. Achtung: Sowohl das Hauptpaket als auch die deutsche Hilfe installieren, wenn die Hilfe offline genutzt werden soll.
    1. Eine benutzerdefinierte Installation durchführen.
    2. Auf der Seite der optionalen Komponenten können z. B. der Online-Updater deaktiviert werden und auch der Quick Starter. Dadurch hat man immer die volle Kontrolle darüber, mit welcher Version man läuft.
    3. Auf der Seite mit dem Schalter „Installieren“ unbedingt ein Häkchen bei „Unterstützung für Hilfstechnologien“ setzen!
  2. Nach der Installation LibreOffice starten. Es läuft nun die Java-Unterstützung.
  3. Extras/Optionen aufrufen und mit Pfeil Runter auf die Dialogseite „Erweitert“ navigieren.
  4. Auf dieser Seite das Kontrollfeld „Experimentelle Features“ aktivieren. Das ist in diesem Fall synonym als „IAccessible2-Support verwenden“ zu verstehen.
  5. Mit OK bestätigen und LibreOffice beenden und neu starten.

Wer keine Java RunTime und AccessBridge installiert hat und dies auch nicht tun möchte, was ich durchaus verstehen kann, der kann vielleicht eine freundliche sehende Person bitten, die Schritte innerhalb LibreOffice einmal durchzuführen. Zusätzlich muss die Person dann aber vor dem Klicken auf OK noch auf die Seite „Zugänglichkeit“ wechseln und dort das Kontrollfeld „Unterstützung für Hilfstechnologien“ aktivieren. Erst dann auf OK. Läuft der Screen Reader mit, ist in diesem Fall die Unterstützung für IAccessible2 sofort aktiv, und man muss LibreOffice nicht noch neu starten. Unter LibreOffice 4.3 werden diese ganzen Schritte nicht mehr nötig sein, da installiert man es, und los geht’s!

Es gibt einige bereits bekannte Probleme, die hoffentlich in 4.2.1 gepatcht werden. So werden Überschriften im Dokument nicht als solche markiert (Bug 74234). Auch wechselt der Fokus bei nicht als Standard formatierten Absätzen gern mal in die Format-Symbolleiste (Bug 74232). Beide Probleme sind in den ersten täglichen Builds von LibreOffice 4.3.0 schon gefixt, die Patches landen dann also hoffentlich bald im Zweig von LibreOffice 4.2.x.

Und noch etwas Nostalgie

Vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere: OpenOffice und LibreOffice haben ihren Ursprung in einem Office-Paket namens StarOffice von der deutschen Firma Star Division aus Hamburg. Diese wurde 1999 an Sun Microsystems verkauft. Wer sich die Geschichte genauer durchlesen möchte, kann dies im Wikipedia-Eintrag zu LibreOffice tun.

Als OpenOffice noch StarOffice war und es die Star Division noch gab, ergab es sich, dass ein junger Screen-Reader-Enthusiast und Auszubildender zum Informatikassistenten StarOffice nutzte und auch ganz intensiv JAWS-Skripte dafür schrieb. Im Verlauf des Versionszyklus der 4.0 ergab es sich, dass eine Umstellung auf eine neue grafische Bibliothek erfolgte, die Screen-reader-Nutzer auf einmal im Regen stehen ließ. Durch Newsgroups war ich mit Entwicklern in Kontakt gekommen, und es ergab sich die Möglichkeit einer persönlichen Vorführung in den Räumen der Star Division. Ich machte mich also mit einem Notebook mit 486 DX-50 Prozessor und JAWS 2.0 (wir waren immer noch unter Windows 3.11 unterwegs) und einer Handy Tech Modular 40 Braillezeile auf den Weg nach Hammerbrook. Als Sprachausgabe kam eine KeyNote PCMCIA-Karte zum Einsatz, eine der synthetischsten deutschen Sprachausgaben, die es gibt, kaum Verständlich für Laien.

Ich führte sowohl StarOffice 4.2, das ja noch funktionierte, als auch 4.3 vor, das nicht mehr funktionierte. Und ich brachte ins Gespräch, dass ich ja eventuell im Rahmen eines Praktikums, das ich für meine Ausbildung benötigte, an einer Entwicklung einer zugänglichen Lösung für das Problem mithelfen könnte.

Die Reaktionen reichten von bass erstaunt darüber, dass selbst mit 4.2 überhaupt was ging, über fasziniert bis hin zu realisierend, dass hier ein größeres Projekt bevorstehen könnte. Aus dem Praktikumsplatz wurde letztendlich nichts, bis zur rudimentären Zugänglichkeit mittels Java AccessBridge gingen fast 10 Jahre ins Land, und eine richtige Zugänglichkeit unter Windows wurde meiner Meinung nach tatsächlich erst jetzt, über 16 Jahre später, erreicht.

Ich will mir nicht auf die Fahnen schreiben, hier einen Grundstein gelegt zu haben, denn andere Faktoren wie die Section 508 aus den USA haben hier das eindeutig größere Gewicht, aber den einen oder anderen Denkanstoß könnte ich damals gegeben haben, und ich glaube ich habe definitiv dafür gesorgt, dass einige Entwickler zum ersten Mal in ihrem Leben einen Blinden einen Computer haben bedienen sehen und sich so später etwas drunter vorstellen können, wenn es um Accessibility ging. 🙂

Etwa 10 Jahre später, nicht all zu lang vor dem Kauf durch Oracle, kehrte ich nochmals in die Räume der ehemaligen Star Division, dann natürlich Sun Microsystems, zurück, und wir besprachen die Zugänglichkeit von Sunbird und Lightning, der auf Mozilla-Technologien basierenden Kalender-Anwendung und der Thunderbird-Erweiterung. Außerdem testete ich zum ersten Mal die Zugänglichkeit von OpenOffice.org mit VoiceOver auf OS X.

Ich weiß leider die Namen derjenigen nicht mehr, mit denen ich 1997/98 bei Star Division zusammentraf und ob von denen heute noch jemand in der Document Foundation oder der Apache Software Foundation tätig und an der Entwicklung von LibreOffice bzw. OpenOffice beteiligt ist. Mir fiel diese Episode aber wieder ein, als ich gestern den IAccessible2-Support von LibreOffice testete und meine ersten beiden Bugs für das Projekt einreichte. 🙂

Office für Blinde: Altbekanntes und neue Entwicklungen

Ausgelöst durch die am 14.01.2014 erfolgte Ankündigung von Microsoft und GW Micro, den Screen Reader Window-Eyes in Zukunft für Office-Anwender kostenlos zur Verfügung zu stellen, habe ich mich mal umgeschaut, was es im Moment so an gängigen Office-Lösungen gibt und wie zugänglich diese für Blinde sind. Zugängliche Office-Anwendungen sind gerade im beruflichen Umfeld immer noch einer der wichtigsten Faktoren, die über einen Arbeitsplatz oder die Arbeitslosigkeit entscheiden können.

Microsoft Office

Der Branchenprimus ist ganz klar weiterhin Microsoft mit seinem Office-Paket. Dabei bin ich auf eine sehr spannende Entwicklung gestoßen, nämlich Microsofts Abonnement-Modell Office 365. Als Privatanwender bekommt man hier für 10 Euro im Monat oder 99 Euro pro Jahr ein Paket, das ein vollwertiges Office Professional für Windows und Mac enthält sowie Zugang zu den Office Web Apps, die in Microsoft SkyDrive integriert sind als auch zu ihren mobilen Anwendungen für iOS und Android. Man wird stets auf dem aktuellen Stand gehalten. Selbst wenn Microsoft im Abozeitraum also eine neue große Version herausbringt, hat man sofort Zugriff drauf, ohne extra etwas bezahlen zu müssen. Und das beste: man kann es einen Monat kostenlos testen! Wenn man sich also überlegt, dass allein die Home & Student 2013 Edition, die wesentlich weniger Apps enthält, schon 139 Euro kostet und ein vollwertiges Office Pro mit fast 550 Euro zu Buche schlägt, ist das ein echt attraktives Angebot. Und der Clue: man darf das Office auf bis zu fünf Rechnern im eigenen Haushalt installieren, und diese Rechner dürfen Windows-PCs oder Mac-Computer sein. Zusätzlich kann man die Office-Apps auf bis zu fünf mobilen Geräten an einen Account anmelden. Die Web-Anwendungen sind von überall her zugänglich. Selbst ein Office-Streaming-Angebot gibt es: Man streamt es auf einen Rechner, und sobald man die App zumacht, entfernt sie sich wieder, angeblich rückstandsfrei. Das ist aber, je nach Internetverbindung, eine Option, die mitunter recht viel Geduld erfordert. Ich halte Office 365 für die mit Abstand wirtschaftlichste Möglichkeit, ein Office zu nutzen, die es für MS Office heute gibt. (Hinweis: Microsoft bezahlt mich nicht für diese Schwärmerei, und auch sonst bekomme ich von niemandem Geld dafür. 😉 )

Und eben ein solches lokal installiertes Office berechtigt in Zukunft zur Nutzung von Window-Eyes, ohne dies extra erwerben zu müssen. Voraussetzung ist der auch auf deutsch verfügbare Download der Version von der oben verlinkten Webseite. Aber Window-Eyes ist nicht die einzige Lösung, die mit diesem Office läuft. Zur Zeit ist dies Version 2013. NVDA und JAWS machen hier eine ebenso gute Figur. Wer JAWS kennt, weiß, wie gut der Office-Support ist. Und NVDA hat im letzten Jahr verdammt viel dazugelernt, was die Unterstützung von Word & Co. angeht. Da NVDA kostenlos ist, lohnt sich definitiv ein Vergleich! Ich empfand das Arbeiten mit NVDA in Office durchaus als deutlich zuverlässiger und schneller als mit Window-Eyes. Besonders bei der Benutzung einer Braillezeile hinkt WE z. B. sehr, wenn man in Word nur zeilenweise auf und ab navigiert.

Und weil ich in einem anderen Blogbeitrag speziell nach Narrator gefragt wurde: Narrator bietet keine wirklich ernstzunehmende Office-Unterstützung. Es sind keine Features wie das Lesen von Fußnoten, Rechtschreibfehlern im Dokument, Revisionen o. ä. verfügbar. Auch in Excel sieht man quasi gar nichts. Auch aus diesem Grund kommt man also mit einem RT-Tablet nicht weiter, sondern sollte für Windows 8.1 immer ein richtiges Intel-System nehmen, um einen besseren Screen Reader installieren zu können. Weitere Ausführungen finden sich im verlinkten Beitrag.

Unter OS X sieht die Situation leider nicht ganz so rosig aus. Die hier aktuelle Version Office für Mac 2011 hat zwar zugängliche Symbolleisten und Menüs, der eigentliche Dokumentbereich in Word ist mit VoiceOver aber z. B. gar nicht auslesbar. Ein Bearbeiten von Dokumenten ist hier de facto nicht möglich. Outlook geht so leidlich, aber hier muss Microsoft definitiv noch einmal nachbessern!

Die iOS und Android Apps für Office Mobile sind eher keine echten Produktivwerkzeuge für VoiceOver- bzw. TalkBack-Anwender. Unter iOS z. B. ist der Dokumentbereich nicht erfassbar, und Symbolleisten erscheinen und verschwinden quasi nach Belieben. Unter Android kommt man eventuell weiter, wenn man über die SkyDrive-App Word-Dokumente in Googles QuickOffice-App öffnet, da kann man wenigstens was lesen. Unter iOS kann Pages mit Word-Dokumenten umgehen. Mehr dazu weiter unten.

Und jetzt kommt die Überraschung schlechthin: Eigentlich hatte ich mich zuerst gar nicht mit der Webversion von Office beschäftigen wollen, nachdem sowohl Google Docs als auch iWork für iCloud eher sehr traurige Beispiele von Zugänglichkeit sind (siehe unten). Doch wie überrascht war ich, als ich dann doch ein Dokument über SkyDrive erstellte! Die Webversion von Word & Co. ist in sehr vielen Belangen als echt zugänglich zu bezeichnen! Ich testete dies mit Firefox und IE unter Windows 7 und 8.1, sowohl mit NVDA, JAWS und Window-Eyes. Man bekommt sowohl den Text auf der Braillezeile zu lesen, als auch grundlegende Formatierungsinformationen. Die Ribbon-Symbolleisten sind voll zugänglich und sprechen dank der ordentlichen Implementierung von WAI-ARIA mit NVDA zusammen vollständige Informationen, so dass man immer weiß, wo man ist. JAWS und Window-Eyes schwächeln hier etwas, da sie immer nur das im Focus befindliche Element sprechen, nicht aber eventuelle Informationen zur Zugehörigkeit eines Gruppenfeldes. So kann man mit NVDA wunderbar den Übergang von einer Schleife in die nächste mitbekommen, mit JAWS und WE hingegen nicht. JAWS war bei allen Tests mit NVDA fast gleich auf, Window-Eyes hinkte bei allem sehr hinterher. Trotz ausgeschaltetem Browse-Modus wurde vieler Text nicht gelesen oder auf der Zeile angezeigt, der Focus ging oft verloren usw. Der verwendete Browser war hierbei unerheblich. NVDA schwächelte im IE, das Navigieren in Dokumenten ist dort sehr langsam. Die beste Kombination von Screen Reader und Webbrowser für Office im Web sind Firefox und NVDA.

Unter OS X kommt VoiceOver mit Safari mit den Web-Apps von Office nicht wirklich zurecht. Man sieht die erste Zeile oder den ersten Absatz eines bestehenden Dokuments, das Betätigen der Pfeiltasten bewirkt aber nur Schweigen. Nur wenn man selbst was neues hinzufügt, kann man dies eventuell kurzzeitig lesen. Auch VoiceOver spricht in den Symbolleisten nur das aktuelle Element, die Gruppeninformationen werden auch hier nicht gesprochen.

Auf dem iPad ist die Situation sehr ähnlich. Hier habe ich es nicht einmal geschafft, in den Bearbeitungsmodus zu kommen, um eventuell einem Dokument etwas hinzuzufügen. Die Symbolleisten wurden hingegen ähnlich gelesen wie auf dem Mac.

Unter Android wird dem Firefox leider nur eine Dokumentversion zum Lesen und ein Seitenzahlenanzeiger gegeben. Will man die Desktop-Version abrufen, bekommt man die Hauptseite von office.com zu sehen.

Apropos Dokumentenanzeige: Microsoft empfiehlt in seiner Anleitung zur Benutzung der Barrierefreiheitsfunktionen von Office im Web, ein Dokument als PDF zu exportieren und dieses mit dem Adobe Reader zu lesen. Und das ist eine prima Idee, denn Microsoft erzeugt hier standardmäßig ein PDF mit Tags für die Zugänglichkeit. Und die Umsetzung ist ziemlich gut!

Man kann hier also mit Fug und Recht behaupten, dass Microsoft vorbildliche Arbeit abgeliefert haben, was die Zugänglichkeit seiner Office-Lösung für den Webbrowser angeht. Die Tatsache, dass man mit Firefox und NVDA sehr gut klarkommt, heißt, dass andere Hersteller hier noch nachzuarbeiten haben. Wäre das Geschwindigkeitsproblem nicht, würde NVDA im Internet Explorer mit Sicherheit genauso gut mit Office zusammenarbeiten.

Und dass gerade Microsoft hier so gute Arbeit abgeliefert hat, erfüllt mich, der ich seit über sechs Jahren mithelfe, WAI-ARIA zu entwickeln und dabei besonders auf die Benutzung durch Endanwender achte, mit ziemlichem Stolz! Denn nachdem ich neulich über dieses Thema auf englisch bloggte, schrieb ein Kommentator, dass er ähnlich gute Ergebnisse auch mit Firefox und Orca unter Linux erzielen konnte. Nutzt Webstandards, und ihr könnt wahre Wunder bewirken! 🙂

Google Docs

Von diesem Zustand sind Google mit seiner verbreiteten Cloudlösung Docs noch weit entfernt. Auch Google Docs implementiert zwar WAI-ARIA, und die Menüs und Symbolleisten laufen inklusive Tastaturnavigation auch echt OK, das Bearbeiten von Dokumenten ist allerdings ein echtes Problem. Google haben sich dafür entschieden, alle gesprochenen Dinge als sogenannte Live-Region einfach in den Screen Reader zu kippen. Jede Cursorbewegung, jeder Zeilenwechsel und andere Informationen werden als flüchtige Nachricht einfach an die Sprachausgabe gesendet und verpuffen danach im Nirvana. Man kann weder mit der Braillezeile kontrollieren, was man geschrieben hat, geschweige denn mit Cursorrouting im Text navigieren, noch kann man die aktuelle Zeile nochmals vorlesen lassen. Auch das Abfragen von Formatierungsinformationen geht nur, indem man hübsch von Hand in die Symbolleisten wandert und sich die Infos dort zusammensucht oder eine Taste drückt, die ausgewählte Infos einmal an die Sprachausgabe schickt. Ja, man kommt damit vielleicht irgendwie klar, wenn man nur die Sprachausgabe nutzt und sich um Braille nicht schert. Ich finde aber: Schön geht anders!

Apple iWork

Apple haben im vergangenen Oktober bei einer großen Keynote angekündigt, die Office-Anwendungen Pages, Numbers und Keynote, auch unter dem Sammelbegriff iWork bekannt, in Zukunft mit jedem neuen Mac oder iOS-Gerät kostenlos abzugeben. Die Apps waren auch vorher schon nicht mehr teuer. Aber das war schon eine ziemliche Sensation. Gleichzeitig wurden von allen Programmen, die es sowohl für Mac OS X als auch für iOS gibt, neue Versionen veröffentlicht. Die für die Software-Branche lange Wartezeit von fast fünf Jahren seit dem letzten Update der Mac-Version hat sich gelohnt! iWork ist unter OS X Mavericks (unter früheren Versionen läuft diese neue Version nicht) die mit Abstand zugänglichste Office-Lösung. Alle Kritikpunkte, die es bis dahin von VoiceOver-Anwendern gab, wurden beseitigt. So kann man jetzt auch in Pages-Dokumenten Tabellen lesen und erstellen, und seit einem Update aus dem Januar 2014 auch Präsentationen in Keynote selbstständig ablaufen lassen, nicht nur bearbeiten.

Unter iOS waren die Programme ebenfalls schon immer sehr gut, haben aber mit der neuen Version, die ab iOS 7.0 läuft, auch noch einmal richtig zugelegt. Auch hier ist das Erstellen von Tabellen und anderen weitreichenden Formatierungen auf dem iPad voll mit VoiceOver zugänglich, man bekommt in Keynote Infos über Präsentationseffekte o. ä. nicht nur angesagt, sondern kann sie auch bearbeiten, und auch mit dem iPad sind Präsentationen vollständig selbst vortragbar. Auch Numbers, die Tabellenkalkulation, ist wesentlich besser geworden. Alle Programme können mit Microsoft-Office-Dokumenten umgehen, so dass hier ein Austausch möglich ist. Dokumente werden standardmäßig in iCloud gespeichert und sind somit immer auf dem neuesten Stand. Andere Cloud-Dienste werden von der iOS-Version nicht unterstützt, die Mac-Version kann natürlich Dateien auch lokal speichern, z. B. in einem Dropbox-Ordner.

Der PDF-Export erzeugt keine getaggten PDF-Dokumente, und es gibt auch keine Option, dies einzustellen.

Die Webversion von iWork, genannt iWork für iCloud, lernt erst seit einem Update von Mitte Januar 2014 ein wenig Barrierefreiheit. Und auch hier ist das Problem, dass gesprochene Inhalte per Live Region einfach an den Screen Reader gesendet werden. Auch ist die Implementierung bisher sehr rudimentär, aber dass sich was tut, lässt hoffen, dass da noch mehr kommt. Produktiv einsetzbar ist das jedenfalls noch nicht.

OpenOffice und LibreOffice

Die Open-Source-Anwendung OpenOffice und der ebenfalls quelloffene Ableger LibreOffice bieten ein sehr uneinheitliches Bild, was die Barrierefreiheit angeht. Unter Linux mit Orca läuft es anscheinend sehr anständig. Ich hatte in der Kürze der Zeit kein aktuelles Linux zur Verfügung, höre aber eigentlich nur Gutes aus der Community.

Unter Windows ist OpenOffice und LibreOffice bis jetzt, d. h., einschließlich der Version 4.0, nur mit Hilfe der Java AccessBridge nutzbar. NVDA haben viel Zeit investiert, um es halbwegs zugänglich zu machen, andere Screen Reader laufen von Version zu Version mal schlecht, mal weniger gut. Das alles wird sich aber mit der Version 4.1, die sich in Entwicklung befindet, radikal ändern. OpenOffice, und damit vermutlich dann auch LibreOffice, erben nämlich die Implementierung der Zugänglichkeitsschnittstelle IAccessible2, welche eine Fortentwicklung von Microsoft Active Accessibility durch IBM, Mozilla, NVDA und anderen ist. IBM hatte seinerzeit als Referenzimplementierung seine auf einem älteren OpenOffice basierende Suite Lotus Symphony zugänglich gemacht und diesen Code dann später dem OpenOffice-Projekt gespendet. Lotus Symphony gibt es inzwischen nicht mehr bzw. es wird nicht weiterentwickelt, und der Code von damals ist nun endlich soweit aktualisiert und an das aktuelle OpenOffice angepasst, dass es in Version 4.1 zum Release kommt und die Java-Technologie ablöst. Ich habe einen Entwicklersnapshot mit NVDA getestet, und das Teil ging ab wie eine Rakete! Tolle Infos, sehr schnelle Reaktionszeiten, die Braillezeile läuft mit. Sobald das veröffentlicht ist, ist OpenOffice eine echte Alternative zu Microsoft Office unter Windows.

Unter OS X sieht die Situation für OpenOffice leider nicht ganz so gut aus. Die Implementierung für VoiceOver ist zwar vorhanden, aber man hat das Gefühl, dass sie in einer früheren bis mittleren Beta-Phase steckengeblieben ist und sich seit Jahren nichts mehr tut. Es ist relativ instabil, ich hatte bei meinen Versuchen mit mehreren Abstürzen bei einfachsten Aktionen zu kämpfen. Hier ist zu hoffen, dass sich da bald mal wieder ein paar Mac-Entwickler der Situation annehmen und den VoiceOver-Support zu Ende implementieren. Denn auch Pages & Co. tut eine Alternative nur gut! Es gibt unter OS X zwar noch weitere zugängliche Alternativen wie den Nisus Writer Pro. Diese sind aber reine Textverarbeitungen, keine Tabellenkalkulation oder Präsentationssoftware.

Auch OpenOffice und LibreOffice können getaggte PDFs erzeugen. Diese muss man allerdings zunächst in den Optionen zum PDF-Export aktivieren. Standardmäßig ist der PDF-Export also ohne Zugänglichkeit.

Fazit

Unter OS X und iOS kommt man zur Zeit an Apples eigenem Angebot nicht vorbei, wenn man Office-Anwendungen nutzen will oder muss. Voraussetzung ist aber der Einsatz von OS X 10.9 Mavericks und iOS 7.0 oder neuer. Ältere Betriebssystemversionen werden in beiden Fällen nicht unterstützt. Unter Windows ist am Horizont mit OpenOffice und hoffentlich LibreOffice eine echte Alternative zu Microsoft Office zu erkennen. Und im Web besticht ganz klar Microsoft mit seiner wirklich hervorragenden Implementierung von Zugänglichkeitsstandards, die es sogar unter Linux sehr zugänglich machen! Google und Apple haben hier definitiv noch ganz viel Luft nach oben!

Windows 8 für Blinde, oder: Touch oder nicht Touch, das ist hier die Frage!

Ich werde immer wieder gefragt, ob man sich als Blinder an Windows 8 bzw. 8.1 herantrauen kann und ob die Touch-Oberfläche eine besondere Barriere für unseren Personenkreis darstellt. Außerdem gibt es ja viele Möglichkeiten der Konfiguration, der Hardware-Anschaffung und eben ja auch die Notwendigkeit, ältere Desktop-Anwendungen weiter benutzen zu wollen.

In diesem Artikel werde ich mal einige Aspekte beleuchten, ein bisschen aufzeigen, was geht und was schwierig ist, und hoffentlich dabei die eine oder andere Frage beantworten können. Ich selbst besitze seit einem knappen Jahr ein Dell Latitude 10-Zoll-Tablet, mit dem ich schon das eine oder andere Experiment gemacht habe. Weiterhin habe ich Windows 8.1 in einer virtuellen Maschine auf dem MacBook laufen, kenne das Betriebssystem inzwischen also auch aus der Perspektive ohne Touch-Screen.

Surface RT oder was Richtiges?

Diese Frage stellen sich (und mir) viele: Reicht ein Tablet von Microsoft mit der Bezeichnung Surface RT oder Surface 2? Die ganz klare Antwort: Nein!

Surface RT und Windows RT basieren auf der Prozessorarchitektur von ARM. Das ist dieselbe Architektur, mit der quasi alle iOS-Geräte von Apple, fast alle Android-Smartphones und Tablets sowie auch die Nokia Lumia Smartphones von Microsoft laufen. Diese Prozessorarchitektur ist speziell auf den mobilen Einsatz optimiert, sehr stromsparend und benötigt eine im Vergleich zu Desktop-Betriebssystemen kleine Menge an Speicherplatz. Ein aktuelles iOS ist z. B. als Installationspaket zwischen 700 MB und 1,1 GB groß, ein OS X Mavericks schlägt mit über 5 GB zu Buche.

Auch Microsoft musste diesem Umstand bei der Entwicklung von Windows RT Rechnung tragen. Windows RT, also das Windows 8 bzw. 8.1 für ARM-Prozessoren, ist gegenüber dem herkömmlichen Windows deutlich abgespeckt. Es laufen ausschließlich Anwendungen für die Touch-Oberfläche, die aus dem Microsoft Store geladen werden. Sämtliche Anwendungen, die einen herkömmlichen Desktop, wie wir ihn von Windows 7 und früher her kennen, benötigen, laufen nicht auf einem Surface RT.

Und das beinhaltet die Wahl des Screen Readers. Für Windows RT gibt es nur den Narrator. Dieser hat für Windows 8 zwar eine Menge dazugelernt, man kann damit vor allem jetzt auch die Touch-Oberfläche navigieren und bedienen, aber es ist und bleibt ein Einstiegs-Screen-Reader mit einer begrenzten Anzahl an Möglichkeiten und unterstützten Apps. NVDA oder JAWS kann man auf einem Surface RT oder anderen RT-basierten Windows-Tablet nicht installieren. Auch die meisten für uns interessanten Apps wie WinAmp o. ä. gibt es nicht in Versionen explizit für Windows Touch, so dass auch diese auf einem RT-Tablet nicht laufen würden.

Die für uns einzige mögliche Wahl fällt also auf einen PC, ein Notebook oder eben ein Convertible oder Tablet mit Windows 8.1 oder Windows 8.1 Professional. Diese sind Intel-basiert, haben also dieselbe Prozessorarchitektur wie ältere PCs und sind daher im großen und ganzen bekanntes Terrain. Bei Microsoft heißen diese dann Surface Pro 2.

Apropos Screen Reader

Und wo wir gerade dabei sind: Es gibt bisher zwei Möglichkeiten der Nutzung eigener Screen Reader für alle anderen Windows-8-Tablets: NVDA, welcher die Touch-Oberfläche schon seit der Veröffentlichung von Windows 8 im Oktober 2012 unterstützt, und JAWS, welches mit der Version 15, die im Oktober 2013 erschien, nachzog. Alle anderen Anbieter unterstützen den Windows-8-Touch-Screen nicht, können aber, sofern sie Windows 8 überhaupt schon unterstützen, auf herkömmlichen PCs und Notebooks verwendet werden. Narrator wird auch auf Intel-basierten Windows-8-Systemen mitgeliefert.

Ein sprechendes Setup

Ja, das gibt es bei Windows 8 und 8.1 in bestimmten Situationen tatsächlich, und zwar auch auf deutsch! Auf den Surface-Tablets und z. B. auch auf dem erwähnten Dell drückt man bestimmte von Gerät zu Gerät leider etwas unterschiedliche Tastenkombinationen, die meistens entweder die Power- oder die Start-Taste und eine Lautstärke-Taste beinhalten, um Narrator beim Setup zu starten. Hat man eine externe Tastatur angeschlossen, hilft die einheitliche Tastenkombination Windows-Taste+Eingabetaste weiter.

Bei vorinstallierten Systemen klappt das in der Regel ganz prächtig. Der Setupvorgang läuft zuverlässig und man hat die volle Kontrolle. Die Touch-Screen-Bedienung ist wie heute auch auf Android und iOS üblich: Man tippt oder wischt zu einem bestimmten Element mit links/rechts, und man führt einen Doppeltipp zum Aktivieren aus. Das gilt standardmäßig auch für Tasten der Bildschirmtastatur. Wer iOS 3 noch kennt, kennt auch die Art dieser frühen Tasteneingabe. Später kann man Narrator anweisen, dass man Buchstaben durch Antippen, eventuell Korrigieren durch Ziehen des Fingers und anschließendes Anheben des Fingers eingeben möchte. JAWS und NVDA sind standardmäßig beide in so einem Modus, dass die Eingabe von Zeichen schnell von der Hand geht.

In manchen Setup-Situationen funktioniert die Sprachausgabe leider jedoch immer noch nicht. Ich habe die oben erwähnte virtuelle Maschine z. B. von Windows 7 auf 8 und später 8.1 aktualisiert. Es gibt hierbei Setup-Schritte, bei denen die Sprachausgabe noch nicht per  Tastenkombination zuschaltbar ist. Man braucht da i.d.r. auch immer noch sehende Hilfe, um diese Setupvorgänge zu durchlaufen.

Auch empfiehlt es sich, ein Smartphone, Tablet oder anderen Computer nebendran stehen zu haben. Wenn man sich nämlich mit einem Microsoft-Konto anmeldet, was unter Windows 8 zu empfehlen ist, weil es einiges erleichtert, fragt Microsoft nach einer Überprüfung und schickt dazu eine Mail an die mit dem Microsoft-Konto assoziierte E-Mail-Adresse. Den Code muss man dann im laufenden Setup eingeben, und man muss die Mails dazu natürlich auf einem anderen Gerät abrufen. Ein Microsoft-Konto ist übrigens alles, was man schon mal bei Microsoft-Diensten als Konto gehabt hat. Also eine Live-ID, ein MSN Messenger-Account o. ä. Ähnlich wie die Apple-ID ist dieser Microsoft-Account universell einsetzbar. Man kann Einstellungen synchronisieren, Apps herunterladen und kaufen, SkyDrive als Cloudspeicher verwenden und vieles mehr. So kann man mit ihm auch ein Microsoft-365-Abo abschließen und hat dadurch dann eine sehr leichte und überhaupt nicht umständliche Installation von Office.

Charms und andere Dinge, die es zu beachten gilt

Nach dem Setup und der erfolgreichen Installation des Lieblings-Screen-Readers gilt es nun, sich mit der Touch-Oberfläche vertraut zu machen. Die Zentrale ist hier die Startansicht, die sogenannten Kacheln, also das, was früher mal das Startmenü war. Hier werden die vom Benutzer konfigurierbaren die Lieblings-Apps verwaltet. Dies sind vorzugsweise Apps im modernen Design, also Touch-Apps, können aber auch herkömmliche Windows-Desktop-Apps sein.

Viele Gesten sind bei JAWS und NVDA ähnlich. Beide unterstützen zwei Modi, einen zum Bedienen des Touch Screens und einen zum detaillierten Interagieren mit Texten. Ich empfehle dringend das Studium der jeweiligen Dokumentation bzw. Befehlsreferenz. Ein Blick lohnt sich auch für Benutzer von PCs oder Notebooks ohne Touch-Screen, denn sowohl die Objektnavigation von NVDA als auch der neue in JAWS 15 eingeführte Touch Cursor eignen sich, für Touch optimierte Apps zu erforschen und auch Berührungsgesten zu simulieren.

Es gibt jedoch einige Gesten, die immer aktiv sind und die manchmal auch zu etwas Verwirrung führen können. Man kann von allen vier Rändern des Touch-Screens in Richtung der Mitte wischen und löst so immer eine bestimmte Aktion aus. Wischt man von rechts in die Mitte, kommt das sogenannte Charms-Menü. Das ist eine Leiste von Befehlen, in denen sich immer so Dinge finden wie die Option zum Teilen von Inhalten, oder auch das Aufrufen von Einstellungen. Touch-Apps verstecken ihre Einstellungen sämtlichst hier. Über das herkömmliche Menü findet man diese nicht mehr. Nur in Desktop-Apps ist hier alles beim Alten. Die Tastenkombination für das Charms-Menü ist Windows-Taste+C, die Einstellungen kriegt man direkt sogar mit Windows-Taste+I. Das Studium der Gesamtübersicht aller Tastenkombinationen empfiehlt sich dringend!

Weitere globale Gesten sind das Wischen vom oberen Rand zum Schließen einer App, welches auch weiterhin mit Alt+F4 geht, das Wischen vom unteren Rand (Windows-Taste+Z) zum Öffnen der Menüleiste einer Touch-Anwendung, und das Wischen vom linken Rand, um eine Liste aller laufenden Touch-Apps ohne Desktop-Apps aufzurufen. Was nun passieren kann, ist, dass man mit dem Finger vielleicht zu nah an den Rand gerät und zurück erforschen möchte, diese Geste jedoch als Wischgeste vom Rand interpretiert wird. Das ist in Windows 8.1 schon viel besser geworden als es in 8.0 war, ich empfehle also unbedingt ein kostenloses Upgrade auf 8.1 zu machen.

Viele der mitgelieferten Apps wie Mail, Kalender o. ä. sind inzwischen Apps im modernen Design, selbst wenn man keinen PC mit Touch Screen hat. Man merkt dies ganz schnell daran, dass sich mit Alt keine Menüleiste oder keine Ribbon-Symbolleiste öffnet. Dann also einfach Windows-Taste+Z versuchen.

Und hier kommen wir zu einem wesentlichen Punkt, den man sich klar machen muss: Microsoft verheiratet in Windows jetzt zwei unterschiedliche Systeme: Die Windows-8-Anwendungen und herkömmliche Anwendungen, wie man sie von Windows 7 und früher her kennt. Man weiß nicht immer, in was für einer Anwendung man landet, und Microsoft wird mit Sicherheit noch mehr alte Apps durch neue Pendants austauschen, so dass diese Art Apps eher mehr als weniger werden. Eine vollständige Vereinheitlichung wird es aber vermutlich erst geben, wenn Microsoft irgendwann keine altherkömmlichen Desktop-Apps mehr erlauben sollte. Aber dass das in naher Zukunft geschieht, ist eher unwahrscheinlich, denn selbst Office oder die Programmierumgebung Visual Studio sind herkömmliche Desktop-Apps, mit Ausnahme des Office für RT-basierte Windows-Tablets, welches eine Sonderstellung einnimmt. Manche Anwendungen sind auch gewahr dessen, von wo sie aufgerufen werden. So kann sich der Internet Explorer sowohl als moderne Touch-App als auch als herkömmlicher Windows-7-ähnlicher Browser öffnen, je nachdem von wo aus er aufgerufen wurde. Der virtuelle Cursor ist jedoch in beiden Situationen uneingeschränkt verfügbar.

Ach ja, zum Windows-7-Desktop kommt man übrigens durch Drücken von Escape von dem Startbildschirm aus oder durch Auswahl des Menüeintrags Desktop unten links in der ersten Spalte.

Und noch etwas: Gerade die Windows-Tablets mit Intel Atom-Prozessoren können recht träge sein. Die Hardware ist der von inzwischen fast ausgestorbenen Netbooks ähnlich, also eher etwas schwächlich. Trotz verbautem Solid-State-Speicher als Festplattenersatz, welchen die Tablets heute alle haben, kommen sie aber beim Starten von Programmen oder auch bei Abläufen eher gemütlich daher. Tablets oder Convertibles mit Intel Core I5-Prozessoren oder sogar noch besser bringen hier natürlich auch eindeutig mehr Leistung, brauchen dann aber eventuell auch eine aktive Kühlung.

Was sowohl NVDA als auch JAWS sehr gut hinbekommen, ist eine gute Zuverlässigkeit und schnelle Reaktionszeit bei Berührungen des Touch Screens. Mit beiden kann man sowohl moderne Apps erforschen als auch Desktop-Anwendungen. Bei letzteren ist aber zu beachten, dass sie nicht auf die Bedienung durch Finger optimiert sind, die einzelnen Elemente daher sehr klein werden können. Ein Mauszeiger ist deutlich dünner als der schlankste Finger. 😉 Es empfiehlt sich, in beiden Screen Readern die Tastaturhilfe zu starten und die Gesten zu üben.

Fazit

Ohne Tastatur geht es auch unter Windows 8.1 nicht. Ich habe festgestellt, dass zwar vieles mit dem Touch Screen geht, dass man aber immer wieder an Punkte kommt, an denen man nur mit der Tastatur weiter kommt. Dem trägt auch Microsoft Rechnung und bietet seine Surface-Pro-Tablets mit Tastaturen an. Auch andere Hersteller von Windows-Tablets haben Tastaturen in der Regel als zubuchbares Angebot dabei oder manche auch im Lieferumfang enthalten. Während man z. B. ein iPad problemlos auch ohne Tastatur vollständig bedienen kann, ist die Hybrid-Situation bei Windows Grund genug, nie ohne eine Tastatur aus dem Haus zu gehen. 🙂

Ansonsten empfehle ich dringend ein Upgrade auf Windows 8.1. Dieses läuft soweit rund und hat die Kinderkrankheiten von Windows 8 zumeist beseitigt. Microsoft löst seine Kern-Apps außerdem aus den Windows Updates heraus und bietet sie als Updates über den Store an, so dass z. B. mail o. ä. laufend aktualisiert werden können, selbst wenn Windows an sich gerade kein großes System-Update plant. Microsoft gibt sich dadurch eine größere Flexibilität, auf Marktentwicklungen zu reagieren, wie z. B. das Einstellen des Exchange-Protokolls bei GoogleMail, das lediglich ein update der Mail- und Kalender-Apps notwendig machte, nicht aber gleich ein ganzes Systemupdate erforderte.

Ich denke also, dass man sich mit Windows 8.1 durchaus anfreunden kann. Voraussetzung ist, wie eigentlich üblich, dass man seinen Screen Reader beherrscht und sich einige neue Tastenkombinationen merkt, um mit den  Eigenheiten der modernen Apps klarzukommen. Und dieses Studium empfiehlt sich in der Tat unbedingt, da diese Apps in Zukunft auch von Drittanbietern immer mehr werden werden. Die Welt wird mobiler und löst sich immer weiter von stationären Desktop-PCs, und dem tragen diese touch-optimierten Apps Rechnung. Auch als Blinder profitiert man davon, hat man über einen Touch-Screen Apps doch noch viel besser im Griff als nur per Tastatur.

Also: keine Angst vor Windows mit Touch!