„Umstieg auf Android“ – 2. Akt: Es muss ja nicht immer Nexus sein

Nach meinem Experiment, auf Android umzusteigen, ging mein Beobachten der Entwicklung und meine Forschung wie angekündigt weiter. Zum einen erschien vor kurzem eine erste Beta von TalkBack 3.4, welche einen meiner großen Kritikpunkte beseitigt: Kontinuierliches Scrollen beim Wischen durch Listen! Zum anderen gibt es mehrere Punkte an der Hardware des Nexus 4 auszusetzen, die im laufe der Zeit zu echten Störfaktoren wurden. Da ist zum einen ein bisher nicht gefixter Bug mit WLAN-Verbindungen. Nach jeweils ein, zwei Tagen bricht die Übertragungsrate regelmäßig gnadenlos auf unter ISDN-Geschwindigkeit ein. (nein, es ist kein von der Telekom gebrandetes Nexus 4 mit eingebauter Drosselfunktion! 😉 ). Dieser Bug betrifft laut mehrerer Issues im Android-Projekt diverse Besitzer von Nexus-4-Geräten und ist auch in Android 4.2.2 nicht behoben. Zum anderen ist das Glas auf der Rückseite des Nexus 4 sehr rutschig. Das Handy schliddert gern mal über Tischplatten oder rutscht aus der Hand. Trotz der Polykarbonat-Ränder habe ich nicht das Gefühl, einen guten Grip zu haben. Und dann ist da der Lautsprecher-Schlitz, der, sobald man das Handy auf eben so eine Tischplatte legt, so zugedeckt ist, dass die Sprachausgabe kaum noch verständlich ist.

Auch ging mir das HTC One der Herzdame nicht aus dem Kopf. Da ist zum einen die sehr gut verarbeitete Hardware, die so dicht an von Apple verbaute Hardware-Qualität rankommt wie kein anderes mir bekanntes Android-Smartphone. Und da ist zum anderen Beats Audio, die Technologie, die aus den Lautsprechern dieses Smartphones einen Sound holt, der einen echt glauben lässt, man hätte einen mittelgroßen Ghetto-Blaster vor sich stehen. Und da ich gern mal unterwegs Musik höre, reizte es mich schon sehr.

Nun ja….Es wohnt jetzt ein zweites HTC One hier, im von der Herzdame bevorzugten Schwarz, nicht in Silber, und das silberne wanderte dann zu mir. Wenn alles gut geht, werde ich das Nexus 4 demnächst verkaufen.

Tun was alle tun: CyanogenMod draufspielen

Fast schon reflexartig wurde dann CyanogenMod 10.1 Nightly für das HTC One installiert. Ein Kurztest mit der ursprünglichen Version der HTC-Firmware hatte gezeigt, dass weder die Telefon-App, noch die Tastatur, noch diverse weitere Systemprogramme mit TalkBack zusammenarbeiteten. Also taten wir, was fast alle blinden Android-Nutzer tun, die kein Nexus-Smartphone direkt erwerben. CyanogenMod gibt, wenn man vom Launcher Trebuchet absieht, dem Benutzer fast ein Nexus-Android. Als Launcher installierten wir Apex. Dabei übernahm die Herzdame die Installation, weil der Teil des Flashens nicht mit Sprachausgabe zugänglich ist, und machte das Gerät auch sonst fit für mich. Sie hat damit zum Glück viel Erfahrung!

Es lief danach auch soweit alles ganz ordentlich. Trotz der Tatsache, dass es sich um eine Entwicklerversion handelte, war an der Stabilität nichts auszusetzen. Allerdings gab es ein großes Problem: Beats Audio war nicht enthalten. Die Lautsprecher klangen dünn und flach, so wie beim iPhone oder iPod, oder eben dem Nexus 4. Zwar Stereo, aber eben ohne wirklichen Druck. Eine Recherche förderte zu Tage, dass auch die angekündigte HTC One Nexus Experience zwar über Beats Audio verfügen, dies aber nicht abschaltbar sein wird. Auch sonst wird die Nexus-Experience einige Hardware-Features nicht unterstützen.

Da ich aber auf diese Features nicht verzichten wollte, gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Zurückspielen der originalen HTC Firmware oder das Verwenden eines dieser Firmware sehr nahe kommenden Custom ROMs.

Achtung! Die bereits und im folgenden beschriebenen Schritte können zu einem Verlust des Garantieanspruchs führen! Rooten, das Entsperren des Bootloaders und das Installieren von Custom ROMs werden oft nicht akzeptiert, selbst wenn eindeutig ein Hardwaredefekt, der definitiv von der Software unabhängig ist, vorliegt. Auch ist das, was ich im folgenden beschreibe, nicht von einem Blinden selbstständig durchführbar. Man braucht hierfür zwingend sehende Unterstützung. Es gibt keine Skripts zur Automatisierung und keine verlässlichen Abzählmuster, um diese Vorgänge in der Recovery im Blindflug durchzuführen.

TrickDroid to the Rescue!

Da die Sense-Oberfläche nicht wirklich zugänglich ist, blieb als Antwort auf diese Frage nur Möglichkeit 2 übrig. Die Herzdame hatte sich das Custom ROM TrickDroid auch schon seit längerem auf ihr HTC One geflasht. TrickDroid ist eine HTC-Firmware mit Bugfixes und Tweaks. So kann man es anweisen, die Sense-Oberfläche zu deinstallieren (sog. De-Sensing), man kann einen eigenen Launcher installieren usw. Passenderweise bietet TrickDroid u.a. den Apex gleich als einen Ersatz-Launcher an. Auch ist Titanium Backup, die wohl mit Abstand beste Backup-Software für Android, bereits ins ROM integriert. Gerade ist Version 7.5, die internationale Version basierend auf Android 4.2.2, erschienen.

Also wurde nach einem Backup mit eben jenem Titanium Backup auch auf mein HTC One zunächst TrickDroid geflasht. Dabei wurde gleich das De-Sensing aktiviert, ein Adblocker installiert und auch OpenVPN-Support gleich mit eingeschaltet. Auch der Apex-Launcher wurde ausgewählt.

Nach erfolgreichem Neustart ging die Herzdame wieder ins Recovery, um weitere Tweaks vorzunehmen. So stellte sie ein, dass Custom GPS Config auf Europe stand. Sie aktivierte den AOSP Lock Screen und die Kamera und schob ein De-Sense an. Der Apex-Launcher und OpenVPN-Support wurden eingeschaltet. Keyboards außer German wurden deaktiviert.

Nach einem weiteren Start in den Recovery-Modus wurden Apps aktiviert und deaktiviert. Dies kann man nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen natürlich anders wählen als ich.

Nach dem Reboot und ersten Setup wurde schnell klar, dass die Tastatur nur teilweise zugänglich ist. Die Buchstaben funktionieren zwar, die Leertaste, Entfernen und Satzzeichen hingegen jedoch nicht. Die Lösung ist, sich die Tastatur aus dem Android Open Source Project (AOSP) zu installieren. Das geht aber nur mit Kniffen. In diesem Forums-Thread bei XDA-Developers haben wir uns die „Flashable“ ZIP-Datei dieser Tastatur heruntergeladen. Die Schritte, um sie tatsächlich zum Laufen zu bringen, sind wie folgt:

  1. Die Android-Tastatur aus dem CyanogenMod-Backup wiederherstellen.
  2. Diese dann von einer System- auf eine Benutzer-Komponente herunterstufen.
  3. Diese Tastatur dann unter Einstellungen/Sprache & Tastatur erst einmal deaktivieren.
  4. Die aus dem Forums-Thread heruntergeladene flashable Version per Recovery installieren.

Dies gibt uns endlich eine voll zugängliche Tastatur. Im nächsten Schritt muss dann über Einstellungen/Apps (Achtung! Nicht bei Sprache & Tastatur, sondern tatsächlich in den Apps!) die Komponente „HTC Sense Input“ deaktiviert werden. Nach einem weiteren Neustart des Handys ist die HTC-Tastatur nun vollständig verschwunden und kann nicht mehr dazwischenfunken.

Im nächsten Schritt werden per Titanium Backup die gewünschten Apps und deren Einstellungen wiederhergestellt. Dabei sollte man tunlichst darauf achten, CyanogenMod-spezifische Apps nicht wiederherzustellen. Zum einen sind viele für den täglichen Gebrauch nicht zwingend notwendig, zum anderen gibt es z. B. beim Musikabspieler bessere Alternativen als den Apollo. Und obendrein läuft man Gefahr, sich das System zu zerschießen.

Auf das Wiederherstellen der Benutzerkonten wie Google, Facebook usw. sowie der Systemeinstellungen muss man leider verzichten. CyanogenMod und TrickDroid sind hier nicht zueinander kompatibel, und ein Versuch, die Systemeinstellungen wiederherzustellen, führt zur Instabilität des Betriebssystems und vieler Apps. Beim Wiederherstellen von Apps und Daten werden jedoch auch einige Konten, die nicht unter den Konten in den Systemeinstellungen auftauchen, wiederhergestellt, so dass man nicht alle drölfzig Login-Vorgänge wiederholen muss, nur zwölfundzwanzig. 😉

Was geht nicht?

Ja, auch das gibt es hierbei zu beachten. Die Indikatoren für die WLAN-Signalstärke und die Mobilfunkverbindung werden von TalkBack nicht gesprochen. HTC bzw. TrickDroid verwenden eine andere Software-Komponente als das AOSP- bzw. Nexus-Android, und diese beiden Indikatoren sind nicht zugänglich. Während man für die Batterie, die zunächst auch nicht zugänglich ist, eine Einstellung vornehmen kann, dass der Füllstand in Prozent angezeigt wird, haben die Herzdame und ich für die WLAN- und Mobilfunk-Indikatoren bisher keine Lösung gefunden.

Fazit

Trotz dieser Einschränkung bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Das HTC One arbeitet flüssig, die Apps funktionieren, die Synchronisation von Musik und der tolle Klang der durch Beats Audio unterstützten Lautsprecher machen eine sehr gute Figur.

Und es zeigt sich, wie mächtig die offene Architektur von Android sein kann. Man kann selbst eine zunächst weitgehend unzugängliche Android-Variante durch Tweaks und einige Handarbeit auch für unseren Personenkreis zugänglich machen, ohne auf gerätespezifische Features wie in diesem Fall Beats Audio und das tolle Hardware-Erlebnis, verzichten zu müssen.

Meine Beobachtung und weiteren Tests, die mich vielleicht ja doch demnächst zu einem Umstieg führen können, werden jedenfalls jetzt mit diesem HTC One weitergehen!