Warum ich Adblocker nutze

Seit Montag schwappen zwei gegenläufige Wellen der Empörung durchs Netz. Auslöser ist der Aufruf mehrerer im Print verursprungter Online-Präsenzen, doch auf Adblocker zu verzichten. Adblocker sind Erweiterungen für diverse Browser, die Werbeanzeigen ausblenden oder dafür sorgen, dass diese gar nicht erst mitgeladen werden.

Die Motivationen der zwei Wellen der Empörung sind klar: Die einen, zumeist Privatpersonen und Blogger, empören sich über den Aufruf. Die anderen empören sich über die Empörung. Da werden so Argumente ins Feld geworfen wie „wer kostenlose Inhalte will, muss eben mit Werbung leben“. Es wird also eine indirekte Finanzierung durch das bloße Anschauen der Seite gefordert.

Diese Argumentation empfinde ich als äußerst schwach. Man wird dazu aufgefordert, die Katze im Sack zu finanzieren. Wenn ich mir z. B. überlege, wie viele schlecht recherchierte, ja sogar Gruppen von Menschen verunglimpfende Artikel ich schon auf Spiegel Online lesen musste, bin ich sehr froh darüber, dass mein Adblocker dafür gesorgt hat, dass die diese Artikel begleitende Werbung mich nicht erreicht hat!

Aber mein Hauptgrund, Adblocker einzusetzen, ist ein ganz anderer. Online-Anzeigen sind in den allermeisten Fällen so im HTML-Code plaziert, dass sie das flüssige Lesen des eigentlichen Inhalts massiv behindern. Ich lese Artikel (und Webseiten allgemein) mit Hilfe eines Screen Readers, der die Inhalte in synthetisch erzeugte Sprache umsetzt und mir vorliest. Dank sich immer weiter durchsetzender semantischer Tags wie Überschriften ist es inzwischen weitgehend gut möglich, gezielt zum Artikel einer Seite zu gelangen. Sehende können dies in der Regel mit einem Blick, während Screen-Reader-Nutzer wie ich Seiten ja immer mehr oder weniger sequentiell durchackern müssen.

Habe ich einen Artikel erst einmal gefunden, will ich ihn dann bitteschön auch lesen und nicht den Lesefluss mehrmals unterbrechen müssen, weil Artikel mittendrin durch Werbung unterbrochen werden, die meistens aus Grafiken bestehen, deren Markup so schrottig ist, dass nur Hieroglyphen vorgelesen werden wie „ad_1437634571_anzeige Grafik“. Wäre die Werbung konsequent außerhalb des eigentlichen Artikelflusses plaziert, wäre dies weniger störend, es sei denn ich suche etwas anderes auf der Seite.

Ähnlich nervig sind übrigens auch mitten in den Textfluss eingestreute Blocks wie „Weitere Artikel zum Thema“. Aber das ist ein anderes Thema für einen anderen Blog Post. 😉

Inzwischen zum Glück eher am Aussterben, aber vor einigen Jahren sehr präsent sind auf Flash basierende Werbungen. Diese machten und machen einige Seiten fast unleserlich, weil diese Flash-Inhalte durch ihre ständige Aktualisierung, oder manchmal auch durch eingespielten Sound, ein Lesen des eigentlichen Inhalts quasi unmöglich machen.

Da ich als Blinder keine Printerzeugnisse konsumieren kann, denn auch trotz gut funktionierender Texterkennung ist das Lesen einer Tageszeitung schlicht unmöglich, und die meisten Tagesausgaben von Zeitungen aus grafischen und absolut unzugänglichen PDFs bestehen und somit für mich auch nicht zugänglich sind, bleibt mir nur der Zugriff auf Online-Inhalte von Zeitungen und Magazinen, um mich unabhängig zu informieren. Und um dies möglichst barrierearm zu tun, nehme ich mir heraus, alles zu tun, um mir dieses Lesen so leicht wie möglich zu machen. Und dazu gehört für mich auch, dass ich behindernde Elemente wie Werbung filtern lasse. Denn sie schränken meinen Zugriff auf diese Inhalte erheblich ein.

Heißt das aber im Umkehrschluss, dass ich die Inhalte grundsätzlich kostenlos will, dass ich mich auf den Seiten „durchschmarotzen“ will? Mitnichten! Ich nutze z. B. Flattr, um Artikel, die es mir Wert sind, zu honorieren. Leider bieten keine der an der Initiative beteiligten Online-Ausgaben der Printerzeugnisse diese Möglichkeit. Und die einzige, die halbwegs vernünftige iPad-Ausgaben ihrer Magazine anbietet, ist die Zeit. Aber auch da gibt’s immer noch ungelöste Barrierefreiheitsprobleme in der App, so dass ich bisher noch nicht bereit war, mir regelmäßig Zeit-Ausgaben zu kaufen.

Da kann ich also nur sagen: ich bin durchaus bereit, Artikel, die ich für gut befunden habe, zu honorieren, und zwar nach eigener Wahl. Qualität soll sich durchaus auszahlen! Wenn ihr mir aber keine Möglichkeit gebt, liebe Print-Medien im Online-Gewand, dann seid ihr selbst Schuld und solltet endlich mal anfangen, über vernünftige Geschäftsmodelle nachzudenken! Ich jedenfalls werde meine Adblocker nicht deaktivieren.