Experiment „Umstieg auf Android“ – Teil 3: Geht… geht nicht… geht… geht nicht…

Die erste Woche mit dem Nexus 4 ist vorbei, und die Eindrücke sind sehr gemischt. Vieles geht, diverses geht auch, aber sehr umständlich, und manches, das man von iOS als No-Brainer gewohnt ist, geht auch gar nicht. Dabei ist gerade das, was nur umständlicher geht, nicht mal unbedingt immer der Zugänglichkeit geschuldet, sondern häufig einfach allgemein der Benutzeroberfläche bestimmter Apps.

Ein paar Nachträge zu Teil 2

Zunächst möchte ich ein paar lose Fäden des letzten Teils noch einmal aufgreifen.

Zum einen schrieb ich über die Amazon-App, dass es in ihr im Gegensatz zur Android-Version keine Möglichkeit gäbe, nach Wunschzetteln anderer zu suchen. Dank der Findigkeit der Herzdame wurde diese Funktion letztendlich doch ausgegraben. Und hier zeigt sich das etwas umständlichere Handling mancher Apps zum ersten mal: Man geht ins Menü, das man wahlweise über einen Soft-Key auf seinem Androiden öffnet oder mit dem Button ganz unten rechts auf dem Nexus 4 und anderen Geräten, die keine Soft Keys haben. Dann wählt man Wunschzettel. Der aktuelle eigene Wunschzettel wird nun angezeigt. Jetzt tippt man unten links auf „Listen anzeigen“. Der unterste Eintrag in dieser Liste lautet „Wunschzettel von Freunden suchen“. Hier kann man nun Namen oder E-Mail-Adresse eingeben und bekommt dann bei Antippen des richtigen Namens die Wunschzettel derjenigen Person angezeigt. Im weiteren Verlauf zeigt sich, dass mit TalkBack der eigentlich schon in der Liste verfügbare Button „In den Warenkorb“ nicht immer zuverlässig funktioniert, sondern oft genug der Artikel selbst geöffnet wird. Auch nachdem man dann einen Artikel in den Warenkorb gelegt hat, wird man erst einmal mit einem Dialog konfrontiert, in dem man entweder zum Warenkorb gehen oder zum Artikel zurückkehren kann.

Zum Vergleich: Mit der iOS-App auf dem iPhone tippt man einfach unten auf den Reiter „Wunschzettel“, dann oben auf „Wunschzettel suchen“, gibt den Namen ein oder übernimmt einfach den zuletzt eingegebenen, und schon ist man in der Liste der Wunschzettel. Auch beim Legen in den Warenkorb besteht das Feedback lediglich aus einem kurzen Vibrieren und der Aktualisierung des Badges auf dem entsprechenden, immer sichtbaren, Reiter unten.

Weiterhin habe ich nach dem letzten Teil einige Entwickler auf ihre fehlenden contentDescription-Einträge für Image Buttons hingewiesen. Die Ausbeute an Antworten ist gemischt: myTaxi antworteten sofort und sagten mir, sie würden sich drum kümmern. Auch die Macher von Evernote antworteten zeitnah und werden dies in Kürze nachbessern. Für das gerade am 29.03. erschienene Sicherheitsupdate war die Zeit dann wohl aber doch zu knapp. 😉

Die Macher von Öffi, FahrInfo Hamburg, WhatsApp und Pakete haben sich hingegen noch gar nicht zurückgemeldet. Weitere Rückmeldungen gab es auch, die werden aber weiter unten in den entsprechenden Abschnitten erwähnt.

Push und Antwort

Etwas, das ich gleich am ersten Tag der Benutzung des Nexus 4 schmerzlich vermisste, war die Funktion, eine Push-Benachrichtigung direkt im Sperrbildschirm angezeigt zu bekommen und gleich darauf reagieren zu können. Auf dem iPhone ist dies eine sehr häufig von mir verwendete Arbeitsweise.

Glücklicherweise gibt es dafür eine App bzw. ein Widget namens Notification Lock Screen Widget. Die App ist kostenlos und erlaubt genau das, was ich brauche. Selbst die Apps, die in diesem Widget angezeigt werden, sind konfigurier- bzw. filterbar. Man kann ihm mitteilen, ob es bei Entsperren alle Einträge behalten oder löschen und auch während des entsperrten Zustands weitersammeln soll oder nicht. Als TalkBack-Anwender doppeltippt man eine Benachrichtigung und entsperrt das Telefon dann auf übliche Weise. Es wird danach die App geöffnet, so als hätte man die Benachrichtigung im entsprechenden Fenster angeklickt.

Einziger Haken: Die Installation als Widget für den Sperrbildschirm muss eine sehende Person bei ausgeschaltetem TalkBack machen.

Auch dieses Widget hat einige nicht beschriftete Image Buttons. Als ich den Autoren anschrieb und ihm kurz erklärte, wofür die contentDescription gut ist und ihn bat, dass er sie doch bitte hinzufügen möge, erhielt ich eine im positiven Sinne bemerkenswerte Antwort. Sinngemäß schrieb er: „Ich hatte ständig diese Warnungen über die fehlenden contentDescription-Einträge, habe sie aber immer ignoriert. Und TalkBack hielt ich immer für nutzlosen Krempel. Ich wusste ja gar nicht, dass das dafür da ist, dass Blinde Smartphones bedienen können! Die Buttons sind im nächsten Update beschriftet. Vielen Dank für den Hinweis! Gibt es solche Funktionen für Blinde auch bei anderen?“ Ich schrieb ihm daraufhin noch kurz über die Möglichkeiten, die iOS bietet und wo er für beide Plattformen weitere Hinweise findet. Das nenne ich mal eine tolle Reaktion! Ehrlich und absolut konstruktiv!

Ein Hinweis noch: Dieses Widget läuft erst ab Jelly Bean 4.2 richtig rund. Bei älteren Android-Versionen muss man ein paar Klimmzüge machen und Einschränkungen in kauf nehmen.

Mit der Bahn sicher ans Ziel

…dachte ich mir so und startete die App DB Navigator. Die beiden Eingabefelder zum Erfassen von Start und Ziel waren kein Problem. OK, die Buttons daneben waren unbeschriftet, aber das ist bei Android leider noch in vielen Fällen Standard. Dann kam ich zur Auswahl des Abfahrts- oder Ankunftszeitpunkts. Und hier gab es eine böse Überraschung. Man bekommt ein Dialogfeld angezeigt, dessen Fenstertitel dem aktuell eingestellten Datum und der Uhrzeit entspricht und zwei Buttons, nämlich „Abbrechen“ und „OK“. Dazwischen ist eine große, für TalkBack leere, Fläche. Tatsächlich befindet sich dort ein Einstellrad, das man durch hoch- und runterscrollen einstellt und somit den Wert des Fenstertitels ändert. Dass dies nicht kontrolliert möglich ist, dürfte jedem klar sein! 🙁 Hier gibt es also zur Zeit eine unüberwindbare Barriere. Ohne sehende Hilfe kommt man hier nicht weiter.

Dies ist unter iOS seit jeher ein No-Brainer. Die Datums- und Zeitauswahl funktioniert einfach, da es sich dort um Standard-Widgets handelt, Schieberegler, die mit VoiceOver problemlos bedienbar sind.

Als ich die Bahn auf Twitter darauf ansprach, kam innerhalb einer halben Stunde eine Antwort, dass man dies an die zuständige Entwicklungsabteilung weitergeleitet habe. Wie die Lösung letztendlich aussieht, weiß ich natürlich noch nicht. Ob man dieses Widget zugänglich macht oder bei eingeschaltetem Screen Reader vielleicht eine alternative Benutzeroberfläche in Form von individuellen Eingabefeldern anzeigt… Da ist einiges an kreativem Spielraum gegeben.

Da ich momentan keine tatsächliche Zugfahrt plane, konnte ich die App DB Tickets nur oberflächlich anschauen. Hier gibt es bisher keine unbeschrifteten Buttons, und die App sieht soweit zugänglich aus. Ob dies auch in der Ansicht des Reiseplans, der unter iOS wunderschön auch die Reservierung anzeigt, der Fall ist, muss sich im praktischen Einsatz zeigen, der sicher bald mal wieder kommen wird. Vielleicht kann ich ja bis dahin auch schon selbst den Abfahrtszeitpunkt bestimmen. 😉

Äääääääh, ööööööhm…

Ja, schön wär’s! Aber was eindeutig fehlt, sind Umlaute. Ja, sie sind auf der Android-Tastatur definitiv vorhanden, wenn man lange auf einen Buchstaben wie a, o oder u drückt. Aber nur, wenn man TalkBack nicht verwendet. Sobald TalkBack an ist, wird bei Heben eines Fingers von einer Taste sofort das Zeichen eingegeben. Man hat nicht, wie bei iOS üblich, die Möglichkeit, einen Buchstaben anzuvisieren, mit einem zweiten Finger irgendwo aufs Display zu tippen und die Tastatur so in einen speziellen Modus zu schalten, um dann zu doppeltippen und zu halten, um das Umlaute-Popup zu bedienen. Das alles funktioniert unter Android nicht. Weiterhin gibt es keine mit TalkBack kompatible Tastatur, die Umlaute gleich als Extra-Tasten mitliefert. Die Standard-Tastatur von Android kann es nicht, Swype, SwiftKey oder die „Deutsche Tastatur mit Umlauten“ aus dem Store sind nicht nutzbar. Die Fläche, wo sich die Tasten befinden, ist für TalkBack leer.

Im Moment bleibt einem also nur, sich auf die Autokorrektur zu verlassen und zu hoffen, dass sie die meisten Fälle abdeckt. Sonst schreiben wir wieder wie zu Zeiten der ersten amerikanischen IBM-Tastaturen mit oe, ae usw.

Klar, extern gekoppelte Bluetooth-Tastaturen gehen natürlich, aber die hat man ja nicht immer dabei.

Textauswahl, Copy & Paste

An alle Android-Enthusiasten, die gern darüber lästern, dass iOS bis zur Version 3.0 kein Copy & Paste konnte: TalkBack-User können dies bis heute nicht! Bzw. nur mit extern gekoppelter Tastatur. Eingebaut sind weder Textauswahl/-markierung noch Copy & Paste möglich. Selbst das Entmarkieren von gewähltem Text gestaltet sich schwierig, man muss erst mit einem schnellen Auf- und Abwärtsstreichen des Fingers die Cursorbewegung auf Wörter (nicht auf Zeichen!) umstellen und den Cursor dann bewegen, um vorher markierten Text loszuwerden. Auch sagt TalkBack einem nicht an, welcher Text markiert ist.

Dies ist also noch eine riesige Baustelle. Copy & Paste beherrscht VoiceOver seit iOS 3.1, also etwa 4-6 Wochen nach Erscheinen der Version von iOS 3.0, die Copy & Paste für alle eingeführt hat.

eBooks

eBooks sind seit drei Jahren, seit Erscheinen des ersten iPad, eine absolute Freude, wenn sie entweder aus dem iBook Store oder im ePub-Format auf iOS-Geräten gelesen werden. PDFs funktionieren längst nicht so gut, aber auch hier gibt es Fortschritte, sowohl in der Anzeige von iBooks als auch im Adobe Reader für iOS. Apple bietet für die Textdarstellung sogar ein eigenes Protokoll der UIAccessibility-Familie an, das Anwendungsentwickler implementieren können, um ihre Apps besser zugänglich zu machen.

Unter Android sieht die Realität leider viel weniger gut aus. Nicht nur, dass man im Google Play Book Store sogar gescannte PDFs, also solche, die nur aus reinen Bildern bestehen, kaufen kann, ohne vorher zu wissen, dass ein solches eBook hinter dem gewählten Produkt steckt, nein, sämtliche eBook-Reader gehen entweder gar nicht oder nur sehr sehr eingeschränkt. Selbst der Go Read von Bookshare, der als explizit zugänglicher eBook-Reader angepriesen wird, beschränkt sich lediglich darauf, zugängliche Buttons zur Navigation zu bieten. Die Darstellungsfläche des eBook selbst ist eine Blackbox für TalkBack, und sämtliche Textinhalte werden einfach direkt an die Sprachausgabe geschoben. Ähnlich wie bei von Menschen vorgelesenen Hörbüchern kann man hier also den Text konsumieren, sich aber z. B. Schreibweisen nicht näher angucken, keine Links verfolgen usw.

Im Gegensatz zu iOS steckt das Thema eBook unter Android also noch ganz tief in den Kinderschuhen. Es geht deutlich weniger als bei der allerersten Version von iBooks unter iOS 3.2.

Tweet, tweet, aber wie?

Diese Frage stellte ich mir natürlich ziemlich gleich zu Anfang, und sie wurde mir auch von meinen blinden Followern auf Twitter gestellt. Zunächst einmal ist die hauseigene Twitter-App seit kurzem weitgehend zugänglich. Weitgehend deshalb, weil z. B. das Aktivieren von Links in Tweets nicht geht. Man kann aber schreiben, die Timeline lesen usw.

Für höhere Ansprüche probierte ich sowohl Seesmic, das wegen seiner diversen unbeschrifteten Buttons und einiger anderer UI-Probleme für mich nicht in Frage kam. Bei Tweetcaster konnte ich mich gar nicht erst anmelden.

In der Eyes-Free Google Group (englisch) erhielt ich dann den Tipp, es mit Plume for Twitter zu versuchen. Dieser funktioniert tatsächlich deutlich besser, aber auch er hat noch an vielen Stellen unbeschriftete Buttons. So brauchte ich im Fenster zum Erstellen eines Tweets drei Versuche, bis ich den richtigen Button zum Senden gefunden hatte. Der befindet sich nämlich nicht, wie bei fast allen Social Networking Clients üblich, oben rechts, sondern unterhalb des Eingabefeldes irgendwo in der Mitte, ähnlich eines OK-Buttons eines Dialogfeldes. Allein die Tatsache, dass dies von der Eyes-Free Community als zugänglichster Twitter-Client angesehen wird, zeigt mir, dass die Ansprüche anscheinend deutlich auseinanderklaffen. Man begnügt sich häufig mit relativ wenig, was geht.

Allerdings muss man fairerweise sagen, dass der Client schon viele schöne Features hat, u. a. auch das Stummschalten beherrscht, Listen verwalten kann und vieles mehr. Ich werde auch hier die Entwickler anschreiben und hoffen, dass sie die fehlenden contentDescriptions bald nachreichen. Dann wäre ich sogar bereit, für die 4,41€ teure Premium-Version zu bezahlen.

Braille

Ja, es gibt inzwischen auch eine Brailleunterstützung für Android. Diese nennt sich BrailleBack und stammt ebenfalls vom Eyes-Free Project wie auch TalkBack. BrailleBack ist eine separat zu installierende Komponente. Man aktiviert es ähnlich wie TalkBack im Dialogfeld Einstellungen/Bedienungshilfen. Danach verpartnert man über die Bluetooth-Einstellungen seine kompatible Zeile, und sie wird automatisch von BrailleBack erkannt.

Soweit die Theorie. Die Praxis sieht so aus, dass meine in einer Suche gefundene Focus 14 Blue noch nicht unterstützt wird. BrailleBack stützt sich auf die Unterstützung von BRLTTY, einer Unix-Braillesoftware, und die hat die Unterstützung erst in der nächsten Release-Version drin. Daher konnte ich auch bisher die Qualität der Brailleausgabe, der Kurzschrift usw. nicht testen. Da sich BrailleBack aber, ähnlich wie NVDA und Orca, auf die Dienste der Open-Source-Bibliothek Liblouis stützt, dürfte sie mit diesen vergleichbar sein.

Tune in!

Ja, TuneIn Radio ist eine App, die wirklich schön zu bedienen ist. Elemente sind beschriftet, Funktionen sind erreichbar, und die App läuft sehr flüssig. Ich empfehle allerdings die Pro-Version. Neulich wurde mir in der werbefinanzierten Version bei Aufruf meines Lieblingssenders glatt das Browser-Fenster mit einer Pornowerbung davorgeschoben. Fand ich nicht so prickelnd.

Fazit

Ein endgültiges Fazit kann es, denke ich, nach einer Woche noch nicht geben. Allerdings gibt es durchaus Tendenzen. Man merkt deutlich, dass die Zugänglichkeit von Android von einem viel akademischeren Standpunkt her kommt als die von Apple, die deutlich auf den Endanwender eingerichtet ist. Man gewinnt nach wie vor den Eindruck, bei Google geht es zunächst einmal darum: „Hauptsache es geht irgendwie.“ Jelly Bean hat viel dazugelernt, wenn man es mit Ice Cream Sandwich vergleicht, aber die API ist längst nicht so ausgereift und in vielen Details komplexer gestaltet als es die von Apple von Anfang an war. Gerade das Zugänglich machen von Custom Widgets wie dem Einstell-Rad im DB Navigator dürfte eine echte Herausforderung sein, im Gegensatz zu Apple, welches für den App-Entwickler viele Werkzeuge zur Verfügung stellt, um selbst so komplexe Anwendungen wie Karten oder die Kursverläufe in der Aktien-App zugänglich zu machen.

Ich werde das Nexus 4 noch mindestens eine weitere Woche testen. Es gibt noch einige Bereiche und Apps, die ich bisher noch nicht testen konnte, und die zu vergleichen mir definitiv noch wichtig ist. Stay tuned!

Experiment „Umstieg auf Android“ – Teil 2: Das NEXUS 4 ist da

Am 23. März, also einen Tag bevor ich diesen Blogbeitrag schreibe, kam das Google NEXUS 4 bei mir an. Es ist ein wirklich schön verarbeitetes Smartphone. Es fühlt sich solide an, auch bei leichtem Druck der Finger. Nicht so wie das Galaxy Nexus, dessen Polykarbonat-Gehäuse doch gern mal etwas quietscht und sich matschig anfühlt, gerade im Bereich der Akkuklappe. Das Glas schmiegt sich wie Samt in die Hand, die Breite passt wunderbar zu meinen nicht ganz so großen Händen. Die Bedienelemente sind sehr typisch angeordnet: Auf der rechten Seite der Ein-/Ausschalter, auf der linken oben ein etwas längerer Kippschalter für die Lautstärke. Darunter befindet sich das Fach für die Micro-SIM. Ein Werkzeug zum Herausdrücken des Trays wird mitgeliefert, das vom iPhone funktioniert aber auch wunderbar. Die Micro-SIM wird auf genau dieselbe Weise auf den Schlitten gelegt wie beim iPhone, ich musste also nichts neu lernen.

An der Unterseite befindet sich die Buchse für den Mikro-USB-Anschluss, wie ich ihn von Android-Geräten her nur kenne. Das Kabel sitzt nach dem Einstecken sehr solide und rutschfest in der Buchse. Die Buchse des NEXUS 7 z. B. neigt dazu, gern mal Stecker auszuspucken. Auf der Oberseite links befindet sich die 3,5-mm-Klinkenbuchse für ein Headset. Einzige haptische Merkmale auf den Glasflächen sind die Kamera auf der Rückseite oben rechts und der Lautsprecherschlitz unten links, sowie der Lautsprecherschlitz oben quer auf der Vorderseite.

Auspacken, einschalten, geht nicht

Nun ja, das NEXUS 4 an sich ging schon, aber die Geste zum Einschalten von TalkBack auf dem Willkommensbildschirm funktionierte nicht. Weder bei mir, noch bei der Herzdame. Auch nicht mit verschieden breit voneinander entfernt liegenden zwei Fingern. Eigentlich soll man für einige Sekunden zwei Finger aufs Display legen, auf die Ansage der Sprachausgabe warten und die Finger zwei weitere Sekunden liegen lassen, um TalkBack zu starten.

Ich wurde also um die Ersteinrichtung betrogen, die die Herzdame für mich vornehmen musste. Sie schaltete mir dann auch TalkBack zu, das danach anstandslos lief.

Dieser erste Eindruck war, gerade weil es auf dem NEXUS 7 im letzten Jahr so gut geklappt hatte, doch erstmal sehr enttäuschend.

Später habe ich dann eingestellt, dass TalkBack durch die Kombination von Ein-/Ausschalter und nachfolgendem Auflegen zweier Finger auf das Display eingeschaltet werden können soll. Dies funktionierte dann auch zuverlässig. Ich vermute daher, dass es sich bei den Startschwierigkeiten um einen Bug in dieser Android-Version handelt.

Eine vernünftige Sprachausgabe

Da ich die von Google mitgelieferte Sprachausgabe sehr anstrengend finde und sie von der Soundqualität her auch sehr zu Wünschen übrig lässt, habe ich im Play Store erst einmal nach Alternativen gesucht. Zu meiner Freude stellte ich fest, dass es die im Deutschen inzwischen sehr gut klingenden Á Capella TTS Voices, die früher unter dem Namen Infovox bekannt waren, für Android gibt. Die Basis-App ist kostenlos und bietet eine Übersicht über die verfügbaren Stimmen. Man kann sich von jeder eine Hörprobe anhören. Gefällt einem eine Stimme, kann man sie als In-App-Kauf für 3,99€ erwerben. Da mir die neueste der deutschen Stimmen, der Andreas, etwas zu angespannt klingt und Julia zu hauchig, habe ich mich für Klaus entschieden, eine Stimme, die mich unter Mac OS X Leopard und Snow Leopard treu begleitet hat.

Nach der Installation muss man in den Einstellungen unter Text und Sprache lediglich die Sprachausgabe von der Android auf die Á Capella umstellen, und Klaus beginnt sofort zu sprechen. In TalkBack sind keine weiteren Einstellungen nötig.

Und was für ein himmelweiter Unterschied! Nicht nur, dass die Sprachausgabe erfreulich gut klingt, nein, sie ist auch sehr antwortschnell bei Gesten. Es gibt nichts schlimmeres, als eine Sprachausgabe, auf die man nach einer Wisch- oder Berührungsgeste gefühlte 100 Jahre warten muss, bis sie sich zu sprechen bequemt!

Erstmal alles updaten

Ja, so ein Android ist bei Auslieferung oft auch nicht ganz auf dem neuesten Stand. Neben 11 automatischen und drei manuellen Updates, u. a. TalkBack, wurde mir auch gleich ein Systemupdate auf Android 4.2.2 angeboten. Das habe ich dann auch alles gleich mal installiert, denn Google hat an der Zuverlässigkeit der Gestenerkennung bei aktivem TalkBack noch einiges gedreht.

Nach diesen Updates lief das Handy dann soweit auch richtig rund. Und ja, es läuft auch sehr schnell und flüssig.

Endlich wieder Firefox!

Ja, die erste Amtshandlung war, den Firefox zu installieren. Da ich erfahrungsgemäß die meisten Bugs im täglichen Betrieb finde, entschied ich mich nicht für die Play-Store-Version von Firefox oder Firefox Beta, sondern für die aktuellen Nightly Builds, also das, was ganz heiß aus der Entwicklerpresse kommt. So fahre ich seit Jahren erfolgreich unter Windows, und so will ich es auch hier tun.

Für den Download nutzte ich Chrome. Chrome ist, wie der IE unter Windows, ja schließlich nur ein Tool, um Firefox herunterzuladen. 😉 Nachdem ich Android mitgeteilt hatte, dass es bitteschön auch Software aus unbekannten Quellen installieren darf, lief die Installation des Firefox problemlos durch, und wie erwartet war er sofort einsatzbereit, ohne jegliche Konfiguration für TalkBack-Support. Der wird nämlich automatisch zugeschaltet, sobald Firefox merkt, dass TalkBack oder ein anderer Screen Reader laufen. Dann noch schnell Firefox Sync eingerichtet, und ein paar Sekunden später hatte ich meine Lesezeichen, Chronik und anderes auf dem Handy.

Erste Anpassungen und Unterschiede bei gewohnten Abläufen

Da ich oft deutsche und englische Texte schreibe, galt es zunächst, der Android-Tastatur klarzumachen, dass ich nicht nur eine Sprache eingeben möchte. Dazu geht man in Einstellungen, Text und Sprache und dort in die Einstellungen der Android-Tastatur. man deaktiviert das Häkchen bei „Systemsprache“. Deutsch bleibt danach weiterhin aktiviert, man kann aber auch weitere hinzufügen wie in meinem Fall Englisch. Ab sofort erscheint unten links ein Button zur Sprachumschaltung, der auch gleich die Sprache für die Autokorrektur usw. mit umschaltet, so dass das Eingeben englischer Texte jetzt auch kein Problem mehr darstellt.

Beim Einrichten des in Teil 1 erwähnten Exchange-Servers zeigte sich das NEXUS 4 weniger automatisierungsfreudig als das HTC One der Herzdame. Bei ihr reichte das Eingeben von E-Mail-Adresse und Kennwort, bei mir mussten die Serverdaten von Hand nachgetragen werden. Danach lief die Synchronisierung allerdings sehr flüssig und zuverlässig.

Bei den Gesten von TalkBack gibt es einige Unterschiede zu den von VoiceOver gewohnten. So gibt es keinen Rotor. Um zeichen-, wort- oder absatzweise zu lesen, schaltet man die Lesestufe für die Wischgesten links und rechts um, indem man mit dem Finger schnell in einer flüssigen Bewegung nach oben und dann unten streicht. Erst nach unten und dann nach oben streichen schaltet die Stufen in entgegengesetzter Richtung um. Diese Geste erfordert ein wenig Übung, um das Timing, den Bewegungsablauf richtig in die Finger zu bekommen. Ich erinnere mich aber, dass dies beim Rotor von iOS genauso war. So ist es dann auch möglich, Text in Textfeldern zu editieren.

Einen weiteren Unterschied gibt es beim Scrollen. Man kann mit der Wischgeste links und rechts nur Elemente erreichen, die gerade auf dem Bildschirm sichtbar sind. Will man also weitere Elemente erreichen, muss man scrollen. Dies kann man auf zwei Arten tun. man streicht entweder kontinuierlich mit zwei Fingern nach oben, um weiter unten stehende Einträge anzuzeigen, oder nach unten, um weiter oben stehende sichtbar zu machen. TalkBack zeigt dies durch auf- bzw. absteigende Tonfolgen an. Oder, und das ist neu in der neuesten TalkBack-Version, man streicht erst nach rechts und dann nach links, in einer flüssigen Bewegung, um bildschirmweise nach unten, bzw. nach links und dann nach rechts, um nach oben zu scrollen. Auch diese Geste erfordert einige Eingewöhnung, bis sie richtig in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Zum Scrollen beim Bewegen der Wischgesten sei noch angemerkt, dass es im alternativen Screen-Reader Spiel möglich sein soll, dass er sich eher wie iOS verhält, also versucht, den Bildschirm mitzuscrollen. In einer der nächsten Teile dieses Experiments werde ich darauf näher eingehen.

Eine Sache, die bisher nicht zu gehen scheint, und welche unter iOS seit Jahren zu einem No-Brainer geworden ist, ist, Bilder aus einer Galerie auszuwählen. Wenn ich also an einen Post für App.net oder Twitter ein Bild anhängen möchte, ist das Fenster, das erscheint, nicht zugänglich. Lediglich die Überschrift und der Abbrechen-Button sind auffindbar. Die Bilder selbst sind für TalkBack nicht sichtbare Elemente. Wenn ich also ein Foto hinzufügen will, sollte ich es direkt aus der App heraus machen. Die Kamera-App bzw. das hier eingebundene Modul ist nämlich benutzbar. Man kann also Fotos schießen, sie nachher aber nicht nochmal auswählen. 😉

Die ersten Apps

Einige Apps habe ich ja in Teil 1 schon erwähnt, die ich dann auch installiert habe. Aber da hörte der Spaß natürlich nicht auf.

Die Amazon-App läuft unter Android ähnlich gut wie unter iOS. Lediglich die Funktion zum Suchen eines Wunschzettels eines anderen Amazon-Teilnehmers scheint es, wie auch in der iPad-Variante der iOS-Amazon-App, nicht zu geben, sondern lediglich für iPhone & iPod Touch.

Foursquare läuft ähnlich gut wie auf iOS. Die Oberfläche sieht ganz anders aus, der Checkin-Button ist z. B. unten links anstatt oben rechts, aber das ist reine Gewöhnungssache.

WhatsApp, ein kostengünstiger SMS-Ersatz, läuft bis auf einige wenige unbeschriftete Buttons, die ich mir leicht merken kann, auch gut. Nach über einem Jahr iMessage von Apple bin ich jetzt also wieder plattformübergreifend unterwegs.

FahrInfo Hamburg und Öffi sind zwei ÖPNV-Auskunfts-Apps, die die Fahrplan-Info unter iOS ersetzen sollen. Auch hier sind einige Buttons unbeschriftet, aber deren Funktion kann man sich ebenfalls merken. Außerdem werde ich die Entwickler anschreiben, ob sie bereit sind, diesen grafischen Buttons contentDescription-Attribute zu spendieren. Das ist eigentlich nicht aufwendig.

Pakete ist eine App zum Verfolgen von Paketen von verschiedenen Kurierdiensten. Das Gegenstück unter iOS heißt Parcel und hat mir jahrelang treue Dienste geleistet. Auch diese App ist bis auf einige wenige unbeschriftete Buttons gut bedienbar.

Im nächsten Teil werde ich auf weitere Apps eingehen wie den DB Navigator und DB Tickets, Apps, die unter iOS inzwischen zu essentiellen Tools des barrierefreien Kartenkaufs geworden sind. Außerdem schaue ich mir an, wie gut myTaxi läuft, nachdem es unter iOS in letzter Zeit erfreuliche Fortschritte gemacht hat. Stay tuned!

Experiment „Umstieg auf Android“ – Teil 1: Das Vorspiel

Ja, ihr habt richtig gelesen! Dieser Blogpost beginnt die Dokumentation meines Experiments, nach fast vier Jahren iPhone auf Android umzusteigen.

Und manche werden sich fragen: Warum? Gründe gibt es einige. Zum einen ist es immer gut, über den Tellerrand zu schauen. Außerdem will ich endlich regelmäßig den Firefox für Android als mobilen Browser nutzen, und da es auf absehbare Zeit wegen Apples restriktiver Politik keinen Gecko-basierten Browser unter iOS geben wird, bleibt zunächst nur dieser Weg, um das Ziel zu erreichen.

Weiterhin hat sich die Zugänglichkeit von Android in den letzten Jahren echt gemausert. Gab’s unter Android 2.3 noch viele gute Gründe, die Zugänglichkeit für Android als nicht alltagstauglich zu deklarieren, änderte sich in Android 4.0 schon einiges, und in Android 4.1 noch vieles mehr, um die Zugänglichkeit immer näher an die von iOS heranzuführen. Selbst in kleineren Updates wie Android 4.2 und den dazu separat ausgelieferten Updates zu Talkback waren ständige Fortschritte zu erkennen. Seit Android 4.2.2, das vor einigen Wochen für die Google NEXUS Familie ausgeliefert wurde, habe ich keine Fehlsteuerungen der Gesten mehr feststellen können, wie sie unter 4.1.x noch Gang und Gäbe waren.

Wie auch in diesem englischsprachigen Blogeintrag angemerkt wird, hat sich Android selbst auch von einem noch sehr durch den Charakter des Experimentellen gekennzeichneten zu einem gereiften System entwickelt.

Ich habe mich im Laufe dieser Woche also dazu entschlossen, das Experiment zu wagen und einen Anlauf für einen Umstieg auf Android zu unternehmen. Die spannendste aller Fragen wird sein, welche App-Äquivalente ich brauchen werde, um ein adäquates Erlebnis auf einem Android-Smartphone zu bekommen.

Vorbereitungen

Welches Smartphone?

Die erste Frage, die es zu klären galt, war, welches Smartphone es denn nun sein sollte. Im Gegensatz zu iOS besteht bei Android nämlich der Umstand, dass jeder Hersteller dem Betriebssystem seine eigene Oberfläche spendieren kann. Samsung, HTC und wie sie alle heißen können die Oberfläche nach ihren Bedürfnissen anpassen oder gar ganz ersetzen. Und wie bei jeder App besteht auch hier die Möglichkeit, dass diese Oberfläche nicht für Talkback zugänglich ist.

Samsung schied von vornherein aus. Zum einen wusste ich aus einem Gespräch mit einem Bekannten, dass das Galaxy S III, trotz Android 4.1, eine Oberfläche hat, die mit Talkback nicht läuft. Außerdem habe ich politische Gründe, diesen Hersteller zu boykottieren.

Obwohl ich das HTC One, das dieser Tage ausgeliefert wird, von den Spezifikationen her sehr sexy finde, weiß ich, dass zumindest frühere Versionen der Oberfläche HTC Sense sich nicht mit Talkback kooperativ zeigten.

Ich habe daher einen vorsichtigen Weg eingeschlagen und mir das NEXUS 4 von Google bestellt. Bei der von Google ausgelieferten Version von Android weiß ich, dass sie zugänglich ist.

Mails, Kontakte, Kalender

Man könnte jetzt denken: „Prima! Google bietet ja sowohl Mail, als auch Kontakte und Kalender an, und das ist ja sowohl von iOS als auch von Android aus zugänglich!“

Und jetzt kommt aber das große ABER. Spätestens nach dem am 13.03.2013 angekündigten Tod von Google Reader und früheren Kapriolen des Suchmaschinen- und Android-Anbieters dürfte jedem klar sein, dass Google einem alles unter dem Hintern wegziehen kann, wonach den Entscheidern dort gerade zumute ist. Auch das Hin und Her mit der Unterstützung von CalDav im Google Calendar erweckt nicht gerade Vertrauen in die nachhaltige Interoperabilität der Dienste.

Frei nach dem Motto „Nutze dafür jetzt keinen Dienst, für den du nicht bezahlt hast“ entschied ich mich nach kurzer Recherche für die Option „Managed Exchange“ bei meinem Webhosting-Provider Domain Factory. Für einen monatlichen Preis habe ich hier Zugriff auf einen MS Exchange Server mit allen Möglichkeiten. Exchange wird sowohl unter Android als auch iOS und Mac OS X, und natürlich auch von Windows her, unterstützt. Dadurch bin ich sowohl von Googles Willkür als auch Apples iCloud unabhängig.

Apps, Apps, Apps

Während unter iOS sämtliche vom Betriebssystem mitgelieferten Apps auch mit VoiceOver zugänglich sind, ist dies bei Android mit Talkback leider (noch?) nicht der Fall. So gibt es Probleme bei der GMail- und Kalender-App, die die Bedienung teils hakelig, teils unmöglich machen. Es gilt also, für einige der Apps Ersatz zu finden, die mit Talkback vernünftig laufen. Aufgrund der offeneren Struktur von Android gibt es auch für vom Betriebssystem mitgelieferte Apps problemlos Ersatzangebote im Play Store.

Die unten stehende Tabelle zeigt eine Liste der Apps, die ich auf dem iPhone regelmäßig nutze und welche App ich auf dem NEXUS 4 dafür verwende. Da ich iOS keinesfalls komplett ersetzen werde, sondern mein geliebtes iPad Mini weiterhin zu meiner Standardausrüstung gehört, werden einige Aufgaben, für die es unter Android keinen adäquaten Ersatz gibt, weiter diesem vorbehalten sein. Ein Beispiel hierfür ist der e-Book-Reader iBooks, für den es unter Android keinen Ersatz gibt. Auch der Reader des Play Book Store ist nicht als solcher zu betrachten, da er zu den Apps gehört, die nicht gut bedienbar sind.

Liste der Aufgabenstellungen mit zugänglichen iOS- und Android-Apps
Aufgabe iOS Android
Browsen Safari (integriert) Firefox für Android
E-Mail Mail K-9 Mail
Kalender Kalender ?
Kontakte Kontakte Kontakte
SMS, MMS Nachrichten Nachrichten
App.net

Diese Liste ist nicht erschöpfend und wird mit der zeit mit Sicherheit noch erweitert. Es fehlen z. B. noch gute Lösungen zur Navigation und für Karten. Da habe ich bisher nichts vergleichbares zu den Karten von iOS 6 oder auch Ariadne GPS gefunden.

Und wie geht es jetzt weiter?

Ich warte täglich auf die Auslieferung des NEXUS 4. Sobald dieses da ist, werde ich zur Einrichtung schreiten und die ersten ernsthaften Schritte machen, die Alltagstauglichkeit zu testen, es also mit raus nehmen, damit alles zu tun versuchen, wofür ich sonst das iPhone verwendet habe.

Seid also gespannt auf Teil 2 des Experiments!