Eine neue Dimension des Patentwahnsinns, oder: Ein Ertrinkender klammert sich an einen letzten Strohhalm

Der Patentkrieg zwischen Samsung und Apple hat eine neue Dimension erreicht. Diese könnte gerade auf Blinde weltweit eine massive Auswirkung haben, sollte die Klage, die momentan vor dem Landgericht Mannheim anhängig ist und über die Ende der Woche ein Urteil gesprochen werden soll, Erfolg haben.

Wie ich von Caschys Blog erfuhr, verklagt Samsung Apple darauf, mit dem Trippel-Klick auf den Home-Button auf iOS-Geräten, um VoiceOver ein- und auszuschalten, ein Patent zu verletzen.

Diese Funktion, die jedem Blinden unabhängig von jeglicher sehender Hilfe das Einschalten von VoiceOver auf jedem beliebigen iOS-Gerät ermöglicht, existiert seit mindestens iOS 5.0, welches im Oktober 2011 zusammen mit dem iPhone 4S vorgestellt wurde. Dabei ist in den Bedienungshilfen-Einstellungen sogar noch konfigurierbar, ob der Trippel-Klick überhaupt eine Funktion aktiviert oder ob diese Funktion VoiceOver, Zoom, Farben umkehren oder Assistive Touch ein- und ausschaltet.

Damit ist es möglich, dass Blinde nach dem Auspacken eines iPhones, iPads oder iPod Touches dieses nicht nur allein einschalten, sondern auch selbstständig, ohne jegliche sehende Hilfe, konfigurieren können. Denn während der Konfiguration ist der Trippel-Klick tatsächlich mit VoiceOver vorbelegt, weil Blinde die einzigen Benutzer sind, die ohne dieses den Touchscreen überhaupt nicht bedienen könnten.

Zum Vergleich: Als iOS dies lernte, wurde Android 4.0 (Ice Cream Sandwich) vorgestellt. Wie ich hier schon schrieb, funktionierte dies bei weitem nicht so zuverlässig wie iOS es schon seit der Version 3.0 tat. Man konnte zwar auch in Android 4.0 zum Konfigurieren TalkBack und die Funktion Explore By Touch einschalten, musste dafür aber eine komplizierte Geste ausführen, nämlich ein Rechteck mit dem Finger auf den Bildschirm malen, und dieses musste dem Betriebssystem dann auch gefallen. Tat es dies nicht, blieb das Gerät stumm. Dazu kommt, dass diese Funktion trotz Googles Ansinnen längst nicht auf allen Geräten funktionierte. Zu diesen Geräten gehören auch diejenigen von Samsung, die mit Ice Cream Sandwich ausgeliefert werden. Denn jeder Hersteller kann bei Android seine eigene Oberfläche draufflanschen, und außer bei den von Google vertriebenen Geräten Galaxy Nexus, NEXUS 4, 7 und 10, hat man bei keinem Android die Garantie, dass Dinge auch so funktionieren, wie Google es will.

Mit Android 4.1 (Jelly Bean) verbesserte sich die Situation nur marginal. Man musste jetzt zwei Finger auf das Display tippen und bei Anspringen der Sprachausgabe ja nicht zucken, oder sie stellte sich sofort wieder aus.

In Android 4.2 schließlich kam eine Funktion hinzu, TalkBack auch im laufenden Betrieb einzuschalten. Man musste dazu die Ein-/Aus-Taste länger festhalten (und hoffen, dass man stattdessen nicht versehentlich das Gerät in den Runterfahr-Dialog stellte) und dann die gleichen Fingerübungen wie bei 4.1 machen. Lustigerweise kann man TalkBack so zwar ein-, aber entgegen der Werbung nicht wieder ausschalten. Und wieder hat man die Garantie, dass dies überhaupt funktionieren könnte, nur bei Google-Geräten selbst. Samsungs Galaxy S III, das inzwischen großzügigerweise auch über Jelly Bean verfügen soll, so Gerüchte es besagen, ist bei weitem nicht so bedienbar wie die Google Nexus-Reihe. Dank ihrer eigenen verkorksten Oberfläche funktioniert TalkBack, so es denn mal läuft, quasi nirgends richtig.

Ach ja, und laut recht aktueller Zahlen sind auf 54% aller Android-Geräte in Umlauf eh noch Varianten von Android 2.3 (Gingerbread) installiert und am laufen, und bei dieser Version konnten Blinde mit Touchscreens noch gar nicht arbeiten und somit diese Geräte nur eingeschränkt über eingebaute oder gekoppelte Bluetooth-Tastaturen bedienen.

Übrigens war das erste Gerät von Apple, bei dem man als Blinder den Screen Reader überhaupt einschalten konnte, der im September 2008 erschienene iPod Nano der 4. Generation. man musste die Funktion zwar über iTunes auf dem mac oder PC ausführen, aber man konnte auch bei diesen Geräten, sowie später bei iPhone 3G S und iPad 1 usw., VoiceOver selbstständig einschalten, ohne sehende Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen.

Sollte Samsung also Recht bekommen, wäre dies ein herber Rückschlag für hunderttausende Blinde weltweit. Es würde zwar nicht bedeuten, dass VoiceOver gar nicht mehr funktioniert, aber das Aktivieren für die erste Konfiguration wäre erheblich erschwert. Dass Samsung sich jetzt ausgerechnet diesen Schauplatz für seinen nächsten Zug im Patentkrieg ausgesucht hat, ist zutiefst beschämend. Hier wird auf dem Rücken einer Minderheit ein Teil einer Schlacht geschlagen, die Samsung schon ziemlich verloren gegeben haben muss. Diese Klage macht echt den Eindruck, dass man sich hier wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm klammert. Android an sich, und das Android von Samsung im besonderen, ist noch lange nicht soweit, dass es für viele ernsthaft als Alternative in Betracht käme. Navigationslösungen wie z. B. die eingebaute Karten-App, viele Apps von Drittherstellern, das Lesen von eBooks, all das geht unbestritten auf Apple-Geräten teilweise seit Jahren wunderbar, und Android kann es bis heute nicht oder nur sehr unzulänglich. Ja, Google Maps ist weder unter iOS noch unter Android zugänglich! Bücher aus dem Google Book Store sind selten wirklich lesbar, während alles, was man bei iBooks kauft, zugänglich ist. Und die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen.

Es ist meine tief empfundene Hoffnung, dass die Richter am Landgericht Mannheim den gesunden Menschenverstand und nicht nur die bloßen Paragraphen sprechen lassen, wenn sie über diese irrsinnige Patentklage entscheiden. Ein für Samsung positives Urteil hätte massive negative Auswirkungen auf hunderttausende Blinde und Sehbehinderte iOS-Nutzer weltweit!