Meine erste Woche mit dem Nexus 7

Seit nunmehr einer Woche habe auch ich, wie viele andere, ein Google NEXUS 7 und mit diesem auch schon einiges angestellt. Auch dieses Tablet nutze ich primär beruflich, zum Testen von Firefox für Android, aber ich habe natürlich auch daneben einiges ausprobiert, was an Bord mitgeliefert wird, und auch die eine oder andere kostenlose App aus dem Play Store geholt, um z. B. Twitter zu testen. Hier nun einmal ein paar Eindrücke.

Einschalten der Bedienungshilfen

Anders als beim Android 4.0 Ice Cream Sandwich werden die Bedienungshilfen beim NEXUS 7, das mit Android 4.1 Jelly Bean läuft, nicht durch das Malen eines Quadrats auf den Bildschirm gestartet, sondern durch das Legen zweier Finger auf das Display. Dies ist deutlich einfacher, funktioniert aber wie die andere Geste auch nur beim Startbildschirm der Ersteinrichtung. Ist ein Android erst einmal eingerichtet, kann man die Bedienungshilfen, speziell TalkBack, nur über den entsprechenden Dialog in den Einstellungen starten. Bei iOS hat man die Möglichkeit, VoiceOver auf den Dreifach-Klick des Home-Buttons zu legen, so dass man es sehr leicht und auch als Blinder selbstständig ein- und ausschalten kann.

Beim Einschalten der Bedienungshilfen ist mir aufgefallen, dass dieses sehr empfindlich auf Bewegungen der Finger reagiert. Man muss zwei Finger auf das Display legen, diese dort liegen lassen, wenn die Ansage kommt, und auch noch darüber hinaus, bis die Bedienungshilfen tatsächlich eingeschaltet werden. Die erste Ansage ist also so eine Art „Wollen Sie das wirklich?“-Abfrage. Zuckt man beim ersten Ertönen der doch sehr lauten Stimme zusammen und bewegt die Finger, wertet Jelly Bean dies als „Nein“ und schaltet sie sofort wieder ab. Ich habe drei Versuche gebraucht, um nicht im mindesten zu zucken.

Die Ersteinrichtung verläuft dann problemlos, und im Gegensatz zu früher ist in Jelly Bean auch die Standard-Tastatur einwandfrei bedienbar, so dass man kein extra Eyes-Free Keyboard mehr braucht.

Jelly Bean im allgemeinen

Jelly Bean ist ein riesiger Fortschritt gegenüber Ice Cream Sandwich. Es gibt jetzt Wischgesten, um von einem Element zum nächsten zu springen. Und um ein Element zu aktivieren, muss man nicht mehr den Finger genau auf das Element legen, sondern führt, wie einige Leser es sicher von iOS her kennen, einen Doppeltipp aus. Dieser kann an beliebiger Stelle des Bildschirms erfolgen und aktiviert das zuletzt per Berührung oder Wischgeste fokussierte Element. Die Navigation und Aktivierung von Elementen ist so deutlich sicherer möglich als unter der Vorgängerversion.

Einen großen Nachteil gibt es allerdings: in Listen wird nicht automatisch der Bildschirm gescrollt, wenn man ans obere oder untere Ende gelangt und dann weiter nach links bzw. rechts wischt. Man muss die Bildschirmseiten manuell rauf- und runterscrollen, indem man zwei Finger aufs Display legt und nach unten bzw. oben zieht. Ich habe festgestellt, dass dies ein ziemlicher Produktivitätskiller ist, der den Umgang mit Apps wie E-Mail, Twitter usw. doch sehr umständlich macht.

Das Tippen auf der Tastatur erfolgt durch Antippen und Anheben des Fingers. Hat man beim Berühren den richtigen Buchstaben noch nicht getroffen, zieht man den Finger einfach auf den richtigen und hebt ihn dann an. Dadurch wird er eingegeben. Anwender von iOS kennen dies als 10-Finger-Eingabemodus. Einen 2-Finger-Eingabemodus wie bei iOS gibt es nicht.

Beim täglichen Arbeiten ist mir aufgefallen, dass Gesten nicht immer zuverlässig erkannt werden. Manchmal werden Doppeltipper nicht ausgeführt, oder das Element hat den Accessibility-Focus, so der Name des Cursors, der beim Berühren und Wischen das aktive Element markiert, verloren. Er hat sich selbstständig verschoben oder einfach das Element verloren. Dies passiert besonders gern mal beim Element für den Startbildschirm. Auch ist es mir schon passiert, dass ich eigentlich in der App für den Google Play Store war, ein Doppeltippen auf einen Button aber irgend etwas ausgeführt hat, was auf dem Startbildschirm im Hintergrund lag. So fand ich mich irgendwann mal unerklärlicherweise in der App Google Books in Bram Stoker’s Dracula wieder, ohne dies wissentlich aktiviert zu haben.

Ein kurzer Blick auf einige Apps

Apropos Bücher: Das Lesen ist längst nicht so komfortabel wie in iBooks auf iPhone oder iPad. Es gibt genau drei Elemente: Einen Play-/Pause-Button in der Mitte, einen „Seite zurück“ im linken, und einen „Seite vorwärts“ im rechten Drittel des Bildschirms. Das Lesen passiert kontinuierlich, und man kann z. B. nicht wie in iBooks Texte Zeile für Zeile durchgehen. Auch findet keine Sprachenumschaltung statt, englische Texte werden also mit deutscher Sprache vorgelesen. Auch gibt es im Google Play Book Store Bücher, die nur aus gescannten Vorlagen bestehen. Diese sind, wie am PC auch, nicht lesbar. Apple iBooks sind immer lesbar, weil sie nicht im reinen Grafikformat vorliegen dürfen.

Der eingebaute Browser Google Chrome ist so halbwegs zugänglich. Das Wischen durch den Webinhalt funktioniert, das Erforschen mit einem Finger eher wackelig. Downloads werden nicht als solche angesagt, auch nicht, wenn sie fertig sind. Wer ernsthaft surfen will, sollte sich ein aktuelles Entwickler-Build von Firefox für Android herunterladen und damit surfen.

Die Musikwiedergabe klappt ganz ordentlich, die Qualität ist annehmbar. In der App für die Filmwiedergabe gibt es diverse unbeschriftete Buttons, was angesichts der Tatsache, dass das ja alles von Google stammt, ein bisschen peinlich ist.

E-Mail, Google Mail und Google Plus sind soweit zugänglich.

Die Qualität der Sprachausgabe ist ähnlich wie bei Ice Cream Sandwich auf deutsch. Man kann sich zwar alternative Stimmen herunterladen, z. B. die von Ivona, und die klingen auch ganz annehmbar, gerade beim Tippen sind die Sprachausgaben durch die Bank weg aber immer noch sehr träge, auch deutlich träger als die hochqualitative Stimme Ana im iPhone.

Die Spracheingabe z. B. beim Diktieren ist sehr gewöhnungsbedürftig. Sie spricht nämlich erkannten Text vor, während man selbst noch beim Diktieren ist. Man sollte dies nur mit angeschlossenem Kopfhörer oder Headset tun. Denn durch das Sprechen während noch aufgezeichnet wird, kann es sonst passieren, dass die Spracheingabe seine eigene Sprachausgabe erkennt und das, was diese spricht, wieder in die Schlange für den zu erkennenden Text schiebt. Das Resultat ist eine endlosschleife, aus der das Gerät nur ganz schwer zu befreien ist.

Ansonsten lässt sich sagen, dass das Arbeiten mit dem Nexus 7 zwar ganz gut flüssig vonstatten geht, aber dass es viele Kleinigkeiten gibt, die mich stören. Der WLAN-Empfang ist recht schwachbrüstig. Die Haptik des Geräts ist mit der gummierten Rückseite doch etwas gewöhnungsbedürftig, und der Mini-USB-Stecker flutscht gern mal aus der Buchse.

Schlussbemerkungen

Jelly Bean ist definitiv ein großer Schritt in die richtige Richtung! Aber gerade die teilweise unzuverlässige Gestenerkennung, die Umständlichkeit beim Scrollen, das seltsame Verhalten bei der Texterkennung, die Defizite beim Lesen von Büchern und der allgemeine Eindruck, dass hier doch immer noch mehr Beta als fertiger Entwicklungsstand verbreitet wird, lässt mich nur eine vorsichtige Empfehlung aussprechen. Wer spielen möchte, kann die 200 Euro für ein 8-GB-Modell sicher gefahrlos investieren. Als zweites Gerät zum Mitnehmen ist es sicher mal ganz gut geeignet, ernsthaft arbeiten könnte ich damit aber noch nicht, es fehlen zu viele Anwendungen, die unter iOS inzwischen Standard sind, wie z. B. eine gute Navigations-App wie Ariadne, ein gut nutzbarer Twitter-Client, usw.

Zum Abschluss noch der Hinweis, dass ich ganz bewusst Vergleiche zur Zugänglichkeit von iOS ziehe. Dies ist nicht als Android-Bashing gemeint, sondern soll zeigen, dass die Bedienungshilfen bei Android leider immer noch nicht so marktreif sind, wie sie es bei iOS schon in der Version 3.0 mit dem iPhone 3G S waren. Ein Vergleich mit iOS ist deshalb nötig, weil dies den Maßstab setzt, nach dem sich heute alles andere messen lassen muss. Und das gilt übrigens auch für die Kostenfrage: Ich bekomme bei Apple alles frei dazu. Ich möchte nicht mit Geräten arbeiten müssen, für die ich erst noch teure Zusatzsoftware, die wieder eine Insellösung erstellt, dazukaufen muss. Das ist nicht mehr zeitgemäß! Daher vergleiche ich grundsätzlich die Bordmittel miteinander und blende teure Zusatzsoftware wie die Mobile Accessibility von CodeFactory, die es meines Wissens nach für Jelly Bean noch gar nicht gibt, bewusst aus solchen Vergleichen aus. Es kann im Angesicht dessen, dass es inzwischen Lösungen ohne Zusatzkosten gibt, durchaus verlangt werden, dass bei Alternativen Plattformen keine 80er-Jahre-Geschäftsmodelle mehr angewendet werden, bei denen Blinde gleich nochmal für mindestens die Hälfte der schon geleisteten Anschaffungskosten zur Kasse gebeten werden.

Als Fazit bleibt: Jelly Bean ist ein großer Fortschritt, aber um an die Zuverlässigkeit, Vielseitigkeit und Robustheit von iOS heranzukommen, braucht es noch eine Menge mehr Arbeit.