Könnte ich heute schon auf den Mac verzichten und nur mit iOS-Geräten arbeiten?

Diese Frage stellte ich mir kürzlich in einem Gedankenexperiment. Hintergrund war die Idee, die schon einige Leute im netz hatten, zu sehen, ob sie für ihre Arbeit oder private Nutzung komplett auf einen Mac oder PC verzichten und nur noch mobile und Tablet-Computer wie das iPad nutzen könnten. Gerade mit dem Update auf iOS 5, das ja eine weitgehende Unabhängigkeit von iTunes verspricht, plus dem iTunes-match-Dienst, mit dem ja auch die eigene Musikmediathek aus der Cloud kommt, könnte man wirklich annehmen, dass klappen könnte!

Vorweg sei erwähnt, dass dies ein Gedankenexperiment war, bei dem ich nur meine private Nutzung zugrunde legte. Für meine berufliche Arbeit bei Mozilla werde ich auf die Nutzung eines richtigen PCs oder Macs mit virtuellen Maschinen für diverse Betriebssysteme nie verzichten können.

Aber für die private Nutzung? Ich spielte dies in Gedanken, auch mit meiner Herzdame zusammen, durch.

  • Twitter, Facebook, WordPress & Co. gehen natürlich auf dem iPad und iPhone, entweder über eigene Apps oder über Webseiten.
  • E-Mail, Nachrichtendienste wie iMessage und WhatsApp sind ja eh nativ auf dem Mobilgerät vorhanden und werden teilweise erst nachträglich auf den Mac portiert.
  • Diverse Dienste, die unter Windows o. ä. auf Flash zurückgreifen, haben eigene Apps wie das mitgelieferte Youtube, Vimyo, usw.
  • Instant-Messaging-Clients für diverse Protokolle gibt es, auch in für mich zugänglicher Form, en masse. Skype, FaceTime, alles geht.
  • Musik kommt aus der Cloud.
  • RSS-Feeds, Zeitungen (z. B. im ePub-Format), lassen sich auf dem iPad auch mit VoiceOver eh besser lesen als mit dem Mac, weil die Zugänglichkeit der Reader besser ist.
  • Für das Schreiben längerer Texte steht mir eine Bluetooth-Tastatur zur Verfügung. Auch wenn ich ein großer Fan von Touchscreens bin, kommt man mit einer echten Tastatur doch deutlich schneller ans Ziel.
  • Auch gibt es diverse mit VoiceOver kompatible Spiele für iOS-Geräte, während mir für den Mac bisher nichts dergleichen bekannt ist.
  • Online-Banking mache ich eh schon seit 1,5 Jahren übers iPad.

Was von dem, was ich regelmäßig nutze, geht nun nicht?

  • Programmieren: Wenn ich privat was programmieren möchte, ist mmir noch kein mit VoiceOver kompatibler Editor untergekommen. Textastic, der von vielen gern benutzt wird, ist mit VoiceOver nicht bedienbar, was primär an einer noch unvollständig implementierten API für „Rich Editing“ seitens Apple liegt. Wollte ich sogar eine iOS-App selbst erstellen, käme ich um Xcode nicht herum, und das gibt’s nicht für iOS.
  • Vervollständigen der Musikbibliothek mit noch nicht gerippten CDs oder solchen, die es aus welchen Gründen auch immer noch nicht digital zu kaufen gibt, geht nur mit einem Mac oder PC.
  • Ebenfalls gibt es bisher keine Möglichkeit, Hörbücher (.m4b) auf dem iPad zu erstellen oder MP3s zu solchen zusammenzuführen. Hörbücher, außer die von Audible, Filme usw. muss man bisher weiter über iTunes aufs iOS-Gerät schaufeln.
  • Diverse Webseiten betten Videos nur im Flash-Format ein. Würden sie ein vernünftiges HTML5 Video-Element mit Fallback nutzen, wäre das uneingeschränkte Ansehen auf iOS-Geräten möglich. So muss man doch immer wieder mal auf den Mac zurückgreifen.

Dennoch beobachte ich an mir eine viel stärkere Nutzung des iPads, je mehr es kann bzw. je mehr VoiceOver-kompatible Apps und somit Anwendungsmöglichkeiten es gibt. Auch das Navigieren ist oft schneller als auf einem Mac. Durch die Nutzung des Touchscreens komme ich oft viel schneller an bestimmte Elemente, als sie auf dem Mac erst per Tastatur anzusteuern. Gerade bei Apps, die ich kenne, ist ein gezieltes Tippen auf einen bestimmten Bildschirmbereich inzwischen die schnellste Art der Bedienung für mich, mit einer Trefferquote von über 98%. Ich weiß, dass auch das Trackpad von macBooks mit VoiceOver seit Snow Leopard Touch-Gesten unterstützt. jedoch ist das Hierarchiemodell von VoiceOver auf dem Mac der schnellen Benutzung doch etwas im Wege. Interagiere ich z. B. gerade mit einer Tabelle, ist nur deren Inhalt auf dem Trackpad „anfassbar“, nicht das gesamte Fenster oder der ganze Bildschirm. Das ist bei iOS alles etwas „flacher“ gestaltet und geht daher schneller.

Das Gedankenexperiment hat Spaß gemacht und mir einige Denkanstöße gegeben, und ich dachte mir, ich teile dies mit euch, vielleicht habt ihr zu dem einen oder anderen Punkt ja noch eine Idee! 🙂

8 Gedanken zu „Könnte ich heute schon auf den Mac verzichten und nur mit iOS-Geräten arbeiten?“

  1. Hallo Marco,

    ich denke, du bist mit deinen Gedankenspielen nicht allein. Ich kenne da jemanden, der, wenn immer möglich, lieber zum iPhone als zum Rechner greift.

    Jetzt eine Frage: was meinst du mit „WordPress geht auf dem iPhone“? Einen Artikel schreiben? Klingt interessant!

    Und zum Programmieren: Du kennst sicher Nocs? Und FTP On The Go? Beides mit VoiceOver zumindest bedienbar. Wie es mit VoiceOver und BT-Tastatur aussieht, kann ich mangels eigener Tastatur nicht beurteilen.

  2. Hallo Marco,

    interessanter Gedankengang. Ich teile die gleiche Ansicht, wobei es auch bei iOS kleine Abstriche gibt. Nehmen wir z. B. den iTunes Store. Mir macht er auf dem Mac mehr Spaß, weil es bei VoiceOver für Lion die Schnellnavigation mit den optional eingestellten Schnelltastten gibt. Auf diese Weise kann ich mir schnell die Track-Vorschau anhören oder schnell zum Preis springen, um den Artikel zu kaufen. Und auch die VO-Suche ist an manchen Stellen doch recht hilfreich. Wenn ich genau weiß, diesen String gibt es im Fenster, kann ich mit VO+F danach suchen.

    An sonsten, was iOS und iPad betrifft, ist klar, dass die Erkundung mit Touchscreen eine bessere Übersicht darstellt und man sich so den Bildschirm besser einprägt.

  3. @Fritz: Die WordPress-App von Automatik ist komplett mit VoiceOver bedienbar, man verbindet sich mit seinem selbst gehosteten Blog oder einem auf wordpress.com, das man dort erstellt hat. Man kann Artikel und Seiten schreiben, Kommentare moderieren usw. Das ganze läuft über die xmlrpc-Schnittstelle.

    Danke, Nocs werde ich mir auf jeden Fall angucken! Den FtP brauche ich nicht, denke ich, arbeite kaum damit.

  4. Ich hatte – sogar relativ ernsthaft – überlegt, ob ich für einen längeren Auslandsaufenthalt ausschließlich ein iPad als Computer mitnehme oder mir noch zusätzlich ein Notebook besorge. Meine Entscheidung fiel am Ende doch zugunsten eines zusätzlichen (Windows-)Notebooks.

    Die Bedienung des iPad ist ohne Frage faszinierend einfach – aber die Anwendungen, die iOS mitbringt oder die man im App Store bekommen kann, sind schon relativ „basic“, das muss man ehrlicherweise sagen.

    Beispiel E-Mail: Die eingebaute Mail-Anwendung hat gravierende Fehler. Ich habe z.B. schon erlebt, dass mir bestimmte Anhänge nicht angezeigt wurden, obwohl sie in der Mail drin waren. Auch das Versenden einer Mail mit mehreren Anhängen geht nicht. Von Filterfunktionen oder dem Komfort, den mir The Bat bietet (z. B. automaisches Einsetzen von Absender- und Empfängeradresse abhängig von bestimmten Bedingungen) wollen wir erst gar nicht reden.

    Beispiel Textverarbeitung: Eine Textverarbeitung, die man für komplexere Aufgaben einsetzen kann (z.B. wissenschaftliche Arbeiten), scheint es nicht zu geben. Viele schimpfen sich Word-kompatibel (z. B. DocumentsToGo), bieten aber nur einen Bruchteil der Word-Funktionen.

    Alles in allem ist das iPad klasse, um z. B. im Urlaub auf dem Laufenden zu bleiben und die eine oder andere digitale Grußkarte zu versenden. Aber einen echten Computer kann es nicht ersetzen.

    Viele Grüße,
    Harald

  5. Hallo Marco,
    was du als Gedankenspiel beschreibst war von Oktober 2011 bis Mitte März 2012 genau der Fall bei mir. Nach dem Ausfall des iMac habe ich immerhin fast 6 Monate durchgehalten, bevor letztendlich der OS X Lion Einzug gehalten hat. Grund hierfür war ganz einfach der Zugang zu meinem papierlosen Büro musste wieder her. Das gibt es eben mit iOS noch nicht, eine gute Dokumentenverwaltung mit OCR und VO-Support.
    Ansonsten konnte ich alle meine Anwendungsfälle perfekt mit den iOS Geräten bewältigen. So verwende ich den iMac so gut wie nur noch für die Dokumentenverwaltung und alles andere läuft weiterhin unter iOS.
    lg

  6. Hallo Frank!

    Vielen Dank für Deinen Kommentar!

    Hast Du vielleicht mal lust zu schreiben, mit was für Anwendungen außerhalb der von Apple mitgelieferten Du so arbeitest? Ausschließlich iPhone, oder auch iPad?

    Gruß
    Marco

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