Die schwache Barrierefreiheit von Android

Dieser Blogeintrag ist eine Übersetzung des englischen Blogeintrags The poor State of Android accessibility des NVDA-Entwicklers James Teh. Sie wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors vom Inhaber dieses Blogs erstellt. Sämtliche wiedergegebenen Meinungen entsprechen denen des Autors des englischsprachigen Artikels.

Die Mobilplattform Android finde ich wirklich spannend. Sie ist offen (was man vom iPhone nicht behaupten kann), und sie ist auf vielen Gebieten sehr erfolgreich. Ich würde mich mit ziemlicher Sicherheit für ein Android-Smartphone entscheiden, wäre da nicht der schlechte Zustand der Barrierefreiheit von Android.

Hinweis: Ich werde hier hauptsächlich die Zugänglichkeit für blinde Nutzer besprechen, denn damit bin ich am vertrautesten. Einiges hiervon gilt jedoch auch für andere Formen der Behinderung.

Am Anfang

Am Anfang gab es keinerlei Barrierefreiheit in Android. Es hätte Sinn gemacht, es vom Start weg unter Berücksichtigung der Barrierefreiheit zu designen, was die Sache stark vereinfacht hätte, aber wie es leider so oft der Fall ist, ist dies nicht geschehen. Dennoch gibt es Plattformen, die sich von dieser Nachlässigkeit erholt haben, und einige davon sogar sehr erfolgreich.

Das Eyes-Free Project

Dann erschien das Eyes-Free Project auf der Bildfläche, welches einen Satz selbst sprechender Anwendungen erstellte, welche es blinden Benutzern erlaubten, viele Funktionen eines Android-Phones zu nutzen. Von blinden Anwendern zu verlangen, diese speziellen Anwendungen zu verwenden, beschränkt die Funktionalität, auf die sie Zugriff haben, und isoliert sie komplett von der Erfahrung, die andere Anwender mit diesen Geräten machen. Dies ist nur einen kleinen Schritt von einem speziell für blinde Benutzer entwickelten Gerät entfernt. Ich schätze, es ist besser als nichts, aber auf lange Sicht ist es inakzeptabel.

Integrierte Accessibility API and Services

In Android 1.6 wurde eine Programmierschnittstelle zur Barrierefreiheit, ein Bildschirmleseprogramm (Talkback) und andere Barrierefreiheitsdienste in den Android-Kern mit eingebaut. Ein Entwickler außerhalb von Google begann außerdem mit der Entwicklung des Bildschirmleseprogrammes Spiel. Dies bedeutete, dass blinde Anwender nun Zugang zu Standard-Android-Anwendungen hatten wie jeder andere auch.

Leider ist die Barrierefreiheits-Programmierschnittstelle von Android extrem eingeschränkt. Das einzige, was sie tun kann, ist, ein Ereignis zu generieren, wenn etwas wichtiges in der Benutzerschnittstelle passiert. Ein Barrierefreiheitsdienst wie ein Bildschirmleseprogramm kann diese Ereignisse nach bestimmten Informationen befragen wie z. B. den Text des Objekts, das gerade aktiviert wurde. Außerhalb davon sind aber keine Abfragen möglich. Dies bedeutet, dass keine Informationen zu anderen sich auf dem Bildschirm befindlichen Objekten abgefragt werden können, es sei denn, sie werden aktiviert. Unter anderem macht dies das Erforschen des Bildschirms unmöglich. Sogar die inzwischen sehr betagte Microsoft Active Accessibility, die Programmierschnittstelle zur Barrierefreiheit, die in Windows verwendet wird, erlaubt trotz ihrer Einschränkungen und Defizite das Erforschen und Abfragen von und Interagieren mit Objekten.

Die Unmöglichkeit, Eingaben global abzufangen

Weiterhin ist es einem Barrierefreiheitsdienst nicht möglich, Tastendrücke oder Berührungen des Touch Screens auf globaler Ebene abzufangen. Dies bedeutet nicht nur, dass ein Barrierefreiheitsdienst keine Befehle zur Erforschung des Bildschirms, zum Unterbrechen der Sprachausgabe, zum Verändern von Einstellungen usw. per Tastatur oder Bildschirmzur Verfügung stellen kann. Es macht außerdem die Barrierefreiheit der Benutzung des Touch Screens für blinde Anwender unmöglich. Ein blinder Anwender muss in der Lage sein können, den Touch Screen zu erkunden, ohne versehentlich ein Objekt zu aktivieren. Dies kann aber nur erreicht werden, wenn das Bildschirmleseprogramm den Bildschirm gesondert behandeln kann.

Nicht barrierefreie Ausgabe von Webseiten

Der in Android verwendete Ausgabemechanismus für Webseiten, die sog. Web Rendering Engine ist nicht barrierefrei. Es ist zur Zeit wahrscheinlich sogar unmöglich, diese auf Grund der extrem eingeschränkten Infrastruktur überhaupt barrierefrei zu machen, da ein Anwender in der Lage sein muss, sämtliche Objekte einer Webseite zu erkunden. Dies bedeutet, dass der eingebaute Browser, E-Mail-Client und die meisten anderen Anwendungen, die Webinhalte anzeigen, unzugänglich sind. Dies ist für ein modernes Smartphone völlig inakzeptabel!

Barrierefreier E-Mail-Client und Webbrowser von IDEAL Apps4Android

IDEAL Apps4Android haben einen barrierefreien E-Mail-Client und einen Webbrowser veröffentlicht. Die Erweiterungen zur Barrierefreiheit des K9 E-Mail-Clients (auf dem ihre Anwendung basiert) sind inzwischen in das K9-Projekt zurückgeflossen, und das ist großartig! Der Zugriff auf das Web erfordert jedoch immer noch einen separaten Webbrowser. Und obwohl Entwickler diese zugängliche Webunterstützung in ihre eigenen Anwendungen integrieren können, ist es doch nur ein Satz selbst sprechender Skripte, welche in die Applikation eingebettet werden müssen. Dies ist eher unelegant und eher aufgepfropfte Barrierefreiheit als Barrierefreiheit, die in die Webausgabe-Engine eingebaut wäre. Dies ist keine Kritik an IDEAL. Sie haben das bestmögliche getan im Angesicht der limitierten Programmierschnittstellen und gehören hoch gelobt. Dennoch ist es eine nicht zufriedenstellende Situation.

Weitere „barrierefreie“ Applikationen

Es gibt noch diverse weitere Applikationen außer den oben genannten, die als speziell barrierefreie Anwendungen konzipiert wurden, die jedoch Anwender mit einer Behinderung wiederum von denjenigen Anwendungen isolieren, die alle anderen einsetzen. Nochmal: Diese Isolation rührt primär von den extrem beschränkten Programmierschnittstellen für die Barrierefreiheit in Android her.

Die Lösung

Obwohl Android quelloffen ist, ist die Lösung des Problems für Entwickler außerhalb des Kernentwicklerteams schwer möglich, da diese Änderungen am Kern von Android erfordert. Das aktuelle Framework zur Barrierefreiheit muss erheblich erweitert oder vielleicht sogar redesignet werden, und Kernanwendungen müssen dann auch die Vorteile dieses redesignten Frameworks nutzen.

Fazit

Während in Android 1.6 und neuer erhebliche Fortschritte in Puncto Barrierefreiheit gemacht wurden, ist der Gesamtzustand immer noch sehr unzufriedenstellend. Android kann jetzt von blinden Anwendern verwendet werden, aber es ist längst nicht optimal oder einfach. Zusätzlich ist die Implementierung schlecht entworfen und unelegant. Diese Situation wird sich mit der Zeit nur noch verschlimmern, bis das Problem gelöst wird.

Ich empfinde es als sehr frustrierend, dass die Barrierefreiheit in Android in einem so schlechten Zustand ist. Es sieht so aus als wenn Google gar nichts aus der Vergangenheit der Barrierefreiheit gelernt hat. Dieses Chaos hätte vermieden werden können, wenn das Barrierefreiheits-Framework vernünftig entworfen worden wäre, anstatt des halbfertigen Stückwerks, das jetzt vorliegt. Ein gründliches Design ist ein Grund, warum die Barrierefreiheit im iPhone so hervorragend ist und „einfach funktioniert“.

8 Gedanken zu „Die schwache Barrierefreiheit von Android“

  1. Guten Tag Marco und Mitleser

    und Dir vielen Dank für die Übersetzung.

    Microsoft hat ja jetzt Windows Phone 7, sein neues Betriebssystem für Smartphones, herausgebracht. MS macht den Herstellern der Endgeräte, auf denen Windows Phone 7 laufen soll, enge Vorschriften für die Hardware, u. a. Verzicht auf Speichererweiterung durch Flashcards und will so ein ähnlich abgeschlossenes Konzept wie Apple mit seinem iPhone-Betriebssystem und der Hardware umsetzen. Doch im Gegensatz zu Apple (und eben auch im Gegensatz zu den Ansätzen in Android) völlig ohne Schnittstellen zur Barrierefreiheit, von „eingebauten“ Lösungen wie bei den Apple-Produkten ganz zu schweigen.
    Die Produkte von Code Factory, die es für die älteren Smartphones mit Windows Mobile Betriebssystemen gibt, laufen unter Phone 7 nicht und lassen sich nach derzeitigem Stand auch nicht anpassen.

    Sieht bei Smartphones also düster aus: iPhone – volles ja, Blackberry – eingeschränkt ja und mit Zusatzkosten und -installation, Android anscheinend kleines ja, aber wohl kostenfrei und Windows Phone 7 – _nothing_!

    Daraufhin gibts noch nen Apfel zum zweiten Frühstück – lach!

    Gruß Andi

  2. Es ist sehr enttäuschend! Wenn der Zug einmal abgefahren ist, und das scheint hier der Fall zu sein, stehen die Chancen schlecht. Ich werde auf meiner Seite
    die dort ausgedrückte Hoffnung ein wenig abschwächen.

  3. Den aktuellen Zustand und die Möglichkeiten von Android hinsichtlich der Barrierefreiheit fast der Artikel imho recht gut zusammen, der Schwarzmalerei, die jedoch teilweise durchklingt und – wie der Kommentar von Mathias zeigt auch vorrangig wahrgenommen wird, kann ich mich als vollblinder Nutzer von Android seit nunmehr einem knappen dreiviertel Jahr nicht anschließen.

    Natürlich benutze ich auch einige der angesprochenen speziell entwickelten Lösungen, vorwiegend arbeite ich allerdings mit Apps, die nicht speziell für blinde entwickelt wurden. Nahezu jedes Android-Gerät verfügt über eine zusätzliche Navigationsmöglichkeit wie ein Steuerkreuz, einen Trackball, eine optische Maus oder ähnliches, wodurch die fehlende Möglichkeit zur Bildschirmerkundung teilweise ausgeglichen wird. Das größere Problem sehe ich daher in der fehlenden barrierefreien Eingabemöglichkeit mittels Touchscreen, da man dadurch derzeit noch auf eine volltastatur angewiesen ist, die allerdings aktuell nur wenige Geräte (und außerhalb der USA noch weniger) mitbringen.

    Bei der Betrachtung der ganzen Dinge die derzeit noch nicht funktionieren, darf nicht vergessen werden, daß es beim Iphone wesentlich länger gedauert hat, bis es überhaupt in irgend einer form für Blinde nutzbar wurde. Weiterhin sind die Einflussmöglichkeiten für 3rd-Party-Entwicklung wesentlich größer, was allein schon die Existenz von Spiel zeigt. Die Android-Accessibility-Lösungen wurden einfach in einem recht frühen Stadium schon auf die Öffentlichkeit losgelassen, was den Nachteil hat, daß leute die eine „just works“-Lösung erwarten ziemlich schnell einen Strich unter die Angelegenheit ziehen, andererseits auf längere Sicht möglicherweise die flexiblere Lösung dabei entsteht.

    Google ist sich zumindest der aktuellen Unzulänglichkeiten bewusst, was deren Mitarbeiter regelmäßig auf der Eyes-Free-Mailingliste beteuern und in den nächsten Android-Versionen wird sich die Situation definitiv verbessern.

    Selbst in der aktuellen Version ist Android jedoch mit dem richtigen Gerät und etwas Entdeckergeist durchaus schon sinnvoll und produktiv für Blinde einsetzbar, was leider sowohl auf WebOS als auch auf Mego derzeit nicht zutrifft. Für Mego hege ich Hoffnung, sobald AT-SPI2 und die entsprechende QT-Bridge stabil sind, was jedoch vermutlich doch noch eine Weile dauern wird. Das Iphone ist zumindest für mich aufgrund seiner Restriktionen und des Preises keine Alternative und Android durchaus produktiv einsetzbar und ich gehe davon aus, daß die in den nächsten wochen erscheinende Android-Version Gingerbread die Situation noch verbessern wird.

  4. Ich sehe es ähnlich wie Henning, Android ist offen und kann daher sehr schnell das iPhone in puncto Zugänglichkeit überholen, wenn die entsprechenden Entwickler da mitmachen. Bei Apple ist man immer darauf angewiesen, dass Apple Lust und Laune hat, VoiceOver weiter zu entwickeln. Ich schätze mal, die verdienen an der Funktion nicht so gut, dass sie dessen Weiterentwicklung nicht irgendwann einstellen würden, wenn die Programmierer für was anderes gebraucht werden.

  5. Zugegeben: Ich komme mit Vergrößerung und „Weiß auf Schwarz“-Darstellung noch ganz gut zurecht. Um so erfreuter war ich, dass es möglicherweise ein Smartphone gibt, dass zumindest von der Hardwareseite die technischen Voraussetzungen mitbringt – nämlich das Samsung Galaxy Tab mit immerhin sieben Zoll großem Display. In Weiterbildungen mitschreiben und es hinterher lesen können ohne großen technischen Aufwand! Und dann gibt es ja auch noch den IDEAL Magnifier, der eine elektronische Lupe ersetzen könnte (vergleicht man das mit den Preisen von Spezialgeräten, die genauso wenig können, eigentlich eine sinnvolle Alternative). Bei der näheren Beschäftigung mit Android wurde es dann zunehmend düster.

    Mit Sicherheit scheinen Blinde und Sehschwache eine zumindest für Marketingstrategen (von Feigenblättern abgesehen) unattraktive Zielgruppe zu sein. ABER: Wie hoch ist eigentlich der reale Nutzwert solcher „smart“ phones für die normalsichtige und zahlungskräftige Kundschaft? Ist es eigentlich zuviel verlangt, dass es mit dem Benutzer spricht? Man stelle sich den Manager in seinem Oberklassewagen vor, der nur mal schnell die Börsenkurse übers Internet abfragen will, um im Absturzfall eine E-Mail mit Verkaufsbefehl an den Makler abzusenden– und das mit den Händen am Lenkrad, dem Blick auf der Autobahn und Sonne im Genick. Ersatzweise tut es auch nur eine kurze Notiz oder die Zieleingabe. Benötigt wird HAL, Geliefert wird HÜBSCH, was Schickes zum Antatschen, nur eben nicht so ganz smart. Wem’s genügt … ;o)

  6. Grundsätzlich stimme ich meinen beiden vorrednern zu, mit einer Einschränkung. Android ist zwar offen für (Weiter-)Entwicklungen und gerade im Bereich Accessibility kann man durchaus auf erhebliche Verbesserungen hoffen. Die Hersteller der geräte tun sich allerdings tendenziell eher schwer damit, Updates zeitnahe auf ihre Geräte zu portieren. Diese Situation wird dadurch, dass ihnen die Möglichkeit gegeben ist, selbst angepasste Custom Android-Versionen einzusetzen, nicht gerade verbessert. Das ist nicht in erster Linie Googles Schuld, aber indirekt über ihre Vermarktungsstrategie für android eben doch.

    Auf meine eigenen Erfahrungen bin ich schon sehr gespannt. Mein Milestone ist heute erst angekommen. Aber es geht schon los: Für die Ersteinrichtung von Talkback brauche ich sehende Hilfe, daher habe ich nach dem auspacken noch quasi nichts mit dem Gerät anfangen können. Und für den Milestone wartet man immer noch auf Android 2.2, was jedoch zumindest bestätigt ist. Ein Update auf 2.3 Gingerbreath wird hingegen wohl für Milestone-Nutzer immer Wunschdenken bleiben. Auch eine Art, hardware künstlich altern zu lassen – für den blinden Nutzerkreis wieder mal mit schwerwiegenden Folgen.

    Vielleicht fragt sich jetzt der eine oder andere, warum ich mir trotzdem den Milestone zugelegt habe. Die Antwort ist einfach. Es gibt derzeit keine Alternative (zumindest kenne ich keine), ein Android-Smartphone mit Tastatur und garantierten, bestenfalls auch noch zügigen Updates also. Entweder ich entscheide mich für dieses Gerät – mit allen Einschränkungen – oder ich kann mit Android keine Erfahrungen sammeln. Daraus folgt, ich kann auch keine Vorschläge zur Verbesserung einbringen, worauf die entwickler ja gerade bei diesem Thema angewiesen sind.

    Für mich bedeutet das, wenn ich meine Erfahrungen teile und z. B. Feedback gebe und dies zur Verbesserung der Accessibility führt, habe ich als Nutzer wahrscheinlich nichts davon, bis ich mir ein neues Smartphone leiste, für das es die dann aktuelle Android-Version gibt. Nicht gerade ein großer Anreiz, Zeit zu investieren. Diese Praxis erschüttert die ganze Philosophie hinter Android. Dieser Aspekt fehlt mir in der bisherigen Diskussion noch.

  7. Ich habe inzwischen selbst beruflich ein Android-Smartphone auf meinem Schreibtisch stehen und es bisher außer zum Testen, dass es überhaupt geht, noch nicht eingesetzt, weil das, was ich testen muss, noch nicht fertig ist. Ansonsten habe ich es nicht verwenet, weil ein produktives Arbeiten für mich, der ich ein iPhone gewohnt bin, schlicht und ergreifend nicht möglich ist. Und hier handelt es sich um das aktuellste Android. Die Antwort lautet also: nein, im Vergleich zu den hier genannten Punkten hat sich zur aktuellen Android-Version nichts zum Positiven getan.

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