Windows 7 und die Barrierefreiheit für die, die sie eigentlich gar nicht brauchen

Es gibt Dinge, die sich kein Filmemacher ausdenken kann. Bestimmter Slapstick, der sich aus einer Situation ergibt und später nie wieder so reproduzierbar ist, ohne die Komik komplett zu zerstören, ist ein Beispiel.

Ein anderes Beispiel ist die Erfahrung, die meine Frau (sehend) und ich (blind) heute mit Windows 7 gemacht haben. Wir sind beide ziemlich eingefleischte Windows-XP-Nutzer. Ich habe vor 1 1/2 Jahren mal aus beruflichen Gründen einen kurzen Ausflug in die Vista-Welt machen müssen und es dann wegen eines großen Produktivitätsdefizits dann wieder drangegeben. Der Arbeitsrechner meiner Frau läuft auch unter Vista, und sie tut damit das nötigste, ist aber so frustriert, dass sie doch das meiste mit dem unter XP laufenden Privat-PC macht.

Vor zehn Tagen nun installierte ich mir Windows 7 parallel zu meinem XP auf den PC und muss sagen, dass es sich damit doch deutlich besser arbeiten lässt als mit Vista. Heute nun wollten wir den neuen Arbeitsrechner meiner Frau auf Windows 7 umrüsten.

Der erste Installationsversuch schlug schon mal fehl. Die Installation bot uns keine Möglichkeit, die Vista-Partition komplett zu formatieren. Es bestand darauf, eine Sicherheitskopie vom alten Windows anzufertigen. Ganz so sauber scheint es sich den Hintern nicht geputzt zu haben, denn nachdem Windows 7 fertig installiert war, kam beim ersten Anmeldeversuch diese Meldung:

Der Dienst „Profil-Anmelde-Dienst“ konnte nicht gestartet werden. Eine Anmeldung ist nicht möglich.

Das einzige, was man mit diesem Computer machen konnte, war, ihn herunterzufahren.

Im zweiten Anlauf merkte die DVD wohl das schlechte Karma und bot diesmal eine Option zur Neuformatierung der Option (nach vorherigem Löschen und Wiedereinrichten). Und danach klappte es dann auch mit der Anmeldung.

Dann ging es ans Einrichten der wichtigen Dinge wie Thunderbird für die E-Mails. Das Herunterladen und Installieren von Firefox und Thunderbird klappte. Dann wollte meine Frau die profiles.ini von Thunderbird auf das auf dem Datenlaufwerk liegende Profil umbiegen. Und hier wurde es lustig:

Sie machte also den Explorer auf. Ich meinte zu ihr: „Gehe mal nach Extras/Ordneroptionen und schalte Dir sämtliche Systemdateien und -ordner ein.“

Sie: „Ich hab‘ hier kein ‚Extras‘!“

Ich: „Wie jetzt…“

Sie: „Ich habe hier keine Menüleiste! Ich habe hier nur „‚Organisieren‘ und ‚Neuer Ordner‘ in einer Symbolleiste.“

Ich (nach kurzem Überlegen): „Drücke mal Alt+X.“

Sie: „Oh ja! Jetzt ist das Menü erschienen. Aber mit der Maus kriege ich es nicht auf. Sobald ich es zumache, ist es weg.“

Wir waren beide total baff. Es erscheint uns beiden schlicht unfassbar, dass Microsoft eine so elementare Geschichte wie ein Menü so dermaßen verstecken sollte. Denn wenn man ehrlich ist: So viele Sehende werden nicht zur Tastatur greifen und probieren, ob irgendeine Tastenkombination zufällig ein Menü aufklappt.

Aber ich war noch aus einem anderen Grund baff. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir überhaupt nicht klar, dass diese Menüleiste standardmäßig nicht im Explorer angezeigt wird. Ich habe Windows 7 ohne sehende Hilfe eingerichtet und halt meine Tastaturkürzel verwendet wie eh und je. Alt+X für „Extras“, Alt+A für Ansicht und mir meine Optionen so eingestellt wie ich sie brauchte.

Durch Googeln (das muss man sich mal reinziehen!) fanden wir schließlich heraus, dass man unter dem Symbolleistenpunkt „Organisieren“ einen Punkt „Layout“ findet, wo man sich die Menüleiste permanent wieder einschalten kann. WTF!

Und jetzt meine Frage an diejenige verehrte sehende Leserschaft, die auch von XP auf Windows 7 umgestiegen ist: Ging euch das auch so? Oder gibt es einen so offensichtlichen Hinweis auf diesen Umstand mit den Menüleisten, dass er schon so offensichtlich ist, dass wir einfach „betriebsblind“ waren?

Ich bin gespannt auf eure Antworten!

3 Gedanken zu „Windows 7 und die Barrierefreiheit für die, die sie eigentlich gar nicht brauchen“

  1. Also ich gehöre zwar nicht zur sehenden Leserschaft hier, aber mir kommt es so vor, mal gelesen zu haben, dass das GUI-Team von Microsoft die Menüleisten in Windows 7 zu Gunsten eines anderen Konzepts einsparen wollte, ähnlich wie bei Office 2007. Passend hierzu sind wohl auch leitende Entwickler der Office-GUI-Abteilung jetzt für Windows 7 zuständig gewesen. Leider weiß ich die konkrete Quelle nicht mehr, entweder war es ein Bericht auf winfuture.de oder ein Artikel in einer der letzten c’ts. Aber vielleicht liefert das ja ein paar Anhaltspunkte für die weitere Recherche.

    Viele Grüße, Frank

  2. Ich gehöre zur sehenden Leserschaft und kann bestätigen dass man nun viele Menüs an anderer Stelle findet. Ich habe mich bei meinem Umstieg auf Windows 7 schon daran gewöhnt, da ich mich lange mit Vista gequält habe.

    Jedoch muss ich gestehen dass mir, im Gegenteil zu Office 2007, die neue Strukturierung sehr gut gefällt und der Mut zur Lücke an den richtigen Stellen bewiesen worden ist. Wenn man diese Menüs braucht muss man dann zwar lange suchen, dafür ist das Interface in der restlichen Zeit wunderbar aufgeräumt.

    Viele Grüße,
    Max

  3. Hi Marco, merkwürdigerweise hat mich genau diese Umstellung anfangs auch verwundert. Ich war mit meinem etwas älteren Laptop noch lange mit XP unterwegs und ich werde öfter mal von Bekannten zwecks Ferndiagnose angerufen. Stand als sehender noch blöder da als du, als ich versuchte es am Telefon zu erklären, weil mir der shortcut alt+x gerade auch nicht geläufig war. Erst beim Teamviewer Einsatz konnte ich die Funktion dann finden und helfen.

    Mittlerweile habe ich mich aber schon ans Win7 UI gewöhnt und bin eigentlich froh den Wechsel gemacht zu haben.

Was denkst Du darüber?