Erstes Anfühlen von VoiceOver auf dem iPhone

Heute Vormittag war ich bei Gravis in der Hamburger Innenstadt, um mir das am Freitag vergangener Woche erschienene iPhone 3G S anzuschauen. Das 3G S ist das erste iPhone von Apple, welches mit einem Screen Reader ausgestattet ist (die deutsche Seite spiegelt diese Info leider noch nicht wider).

Da Touchscreens bisher ja für Blinde eine unüberwindliche Barriere darstellten, war ich sehr gespannt. Nicht nur, dass es keine oder kaum taktile Orientierungspunkte geben würde, die Angst, etwas falsch zu machen oder auszulösen, was man gar nicht will, war schon vorhanden. Ich habe mal einen Alarm in einem Fahrstuhl ausgelöst, dessen Tasten nur durch Berührung sofort auslösten. Und ich habe natürlich den Alarmknopf getroffen. 🙂

Als ich bei Gravis ankam, wurde ich nach kurzer Frage sofort zum iPhone-Stand geführt. Ich hatte vorab per E-Mail mit dem Geschäft abgesprochen, dass ich mir das 3G S ausführlich anfühlen dürfe. Einer der beiden anwesenden Verkäufer wusste auch prompt, wie VoiceOver einzuschalten ist. Dies steht in der ganz normalen Anleitung für das iPhone gleichberechtigt neben allen anderen Funktionen, man muss es nicht sonstwo gesondert suchen. Im Gegensatz zur Accessibility-Seite ist die Anleitung sogar schon auf deutsch verfügbar und auf dem aktuellen Stand.

Als VoiceOver startete, begrüßte mich eine altbekannte Stimme: Yannick von den RealSpeak-Stimmen von Nuance. Die Stimme kam klar und deutlich aus dem eingebauten Lautsprecher des iPhone. Die Lautstärke lässt sich gut raufregeln, so dass man selbst in lauten Umgebungen gut verstehen kann. Leider waren die Umgebungsgeräusche jedoch so zahlreich, dass eine von mir ursprünglich geplante Aufnahme meines Tests nicht zustande kam.

Nachdem VoiceOver lief und eie Gesten sich veränderten, kam die Verkäuferin damit nicht mehr ganz so gut klar. 🙂 So übernahm ich das Handy und startete mit dem linken Zeigefinger (meinem Lesefinger für Punktschrift) eine Fahrt über den Bildschirm. VoiceOver kam sofort mit relevanten Infos daher, in einer sehr schnellen Reaktionszeit. Diese schlägt sogar die Reaktionszeiten meines N82 auf Tastendrücke um Längen. Und noch etwas wurde mir sofort klar: Ich bekam hier ein glasklares Gefühl dafür, wie der Bildschirm aufgebaut ist. Ich wusste ziemlich schnell, dass auf dem Home-Bildschirm das Symbol für Nachrichten ganz links oben unterhalb der Statusanzeige für die Akkulaufzeit, Netzstärke usw. angeordnet ist, dass das iPod-Symbol im rechten unteren Quadranten liegt usw. Man muss also nicht die erforschenden VoiceOver-Kommandos bemühen, sondern geht zielstrebig mit dem Finger in die Richtung, in der man die relevanten Infos vermutet.

Dies erleichtert natürlich auch ungemein die Kommunikation mit Sehenden: Die Verkäuferin sagte mir in der Telefonapplikation, dass man Kontakte, Zahlentastatur und andere Dinge unten umschaltet. Der Finger wanderte nach unten, und schon hatte ich die einzelnen Auswahlmöglichkeiten unterm Finger und konnte das gewünschte fokussieren und mit einem doppelten Tippen auslösen.

Das Tippen auf der Tastatur oder dem Ziffernblock gestaltete sich auch einfacher als erwartet. Dank eines Tipps von James Craig aus der englischsprachigen VIPhone Google Group, mit einem Finger das gewünschte Zeichen anzusteuern, den Finger dort zu belassen und mit einem anderen Finger derselben oder der anderen hand irgendwo auf dem Bildschirm zu tippen (geteiltes Tippen) gestaltete sich dies schon nach kurzer Eingewöhnung recht flüssig. Klar ist dies wahrscheinlich die größte Umstellung von allen, wenn man von einer Zifferntastatur wie dem N82 kommt. Aber die Tastatur erscheint immer anderselben Stelle, so dass es bald ein leichtes sein dürfte, sich darauf zurechtzufinden und schnell die gewünschten Buchstaben anzusteuern. Außerdem gibt es eine weitere Bedienungshilfe namens Autovervollständigung, die Wörter automatisch komplettiert und so Tipparbeit spart. Diese Funktion arbeitet gut mit VoiceOver zusammen.

Auch andere Gesten ließen sich schnell erlernen. So merkte ich ziemlich schnell, wie ich von links nach rechts streichen musste, um die VoiceOver-Funktion „nächstes Element lesen“ auszulösen. Auch das Scrollen durch Streichen mit den Fingern nach oben und unten begriff ich schnell. Auch die Bedienung des Rotors, die z. B. die Art der Textnavigation umschaltet (zeichen, wörter) oder im Browser Elemente auswählt, zwischen denen navigiert werden soll (Überschriften, Formulare, Links) ließ sich gut an. Hier kam mir meine Erfahrung mit meinem iPod Nano zu Gute: Die Bewegung mit einem Finger ist dieselbe wie das Navigieren über das Drehrad des iPods, um die Lautstärke zu verändern, durch Alben zu scrollen usw. Sogar der Sound, den das iPhone macht, ist bei dieser Aktion dieselbe wie im Nano. 🙂

Dies ist natürlich kein erschöpfender Vergleich. Ich besitze auch leider noch kein iPhone, da mein Vertrag vor kurzem erst verlängert wurde und ich mir noch kein neues Handy subventionieren lassen kann, und in Deutschland gibt’s das iPhone nur mit Vertrag. Einige Funktionen konnte ich daher bisher auch noch nicht ausprobieren, da die SIM-karte in dem iPhone gesperrt war.

Apple zeigen aber, dass sie inzwischen an vorderster Front in Puncto Accessibility mit dabei sind und sich nicht scheuen, neue Wege zu gehen und Konventionen aufzubrechen. Oder wie schrieb es Mike Calvo von Serotek neulich in einem Blogeintrag? Why is it that Apple always seems to get to the future first? Sie geben dem iPhone 3G S einen vollwertigen Screen Reader mit, für den man bei Handys mit Symbian oder Windows Mobile-Betriebssystemen mehrere hundert Euro extra zahlen muss, Updatepreise gar nicht mit eingerechnet. Und selbst die im AEGIS-Projekt aktive RIM Ltd arbeitet mit einer Firma zusammen, deren Blackberry-Lösung ein kostenpflichtiger Screen Reader sein wird. Lediglich Google Android scheinen da was ähnliches aufzubauen mit einer kostenlosen Screen-Reader-Lösung. Das, was ich bisher aber gehört habe, kommt bei weitem nicht an das Paket heran, das Apple hier geschnürt hat. Denn nicht nur die Anwendungen, die auf dem iPhone mitgeliefert werden, sondern auch schon diverse Anwendungen des App Store sind zugänglich, und das öffnet natürlich eine ganz große Reihe von Möglichkeiten! Denn auch Entwickler, die ein 3G S haben, können gleich testen, ob ihre Anwendung mit VoiceOver zusammenarbeitet, es ist ja einfach vorhanden.

Wie unschwer zu erkennen ist, bin ich sehr angetan vom iPhone 3G S und hoffe, dass ich in Bälde eines mein Eigen nennen kann, auf welchem Wege auch immer. 🙂

28 Gedanken zu „Erstes Anfühlen von VoiceOver auf dem iPhone“

  1. Danke Marco für diesen sehr ausführlichen Beitrag, auf solche Rückmeldungen habe ich schon gewartet. Ich war schon sehr gespannt wie blinde User und Userinnen die Umsetzung des Screenreaders annehmen werden. Ich kann nur sagen ich bin vom Ansatz begeistert, auch wenn ich es als sehender User nicht benötige. Ich bin schon neugierig wie andere Screenreader- und Handy-Hersteller darauf reagieren werden.

  2. Danke für Deine ersten Impressionen.
    Ein Test war bei mir fest eingeplant. Leider komme ich nun vorerst nicht dazu. Aber ich hole das ganze im Juli in LA nach. Und da gibts dann geschultes Personal in den Flagship Stores – die sicherlich einiges ergänzend beisteuern können. 🙂

    Allerdings bin ich jez noch aufgeregter …

  3. hi, vielen Dank für diese Details, ich denke für mich ist die Entscheidung gefallen, kein N82 oder sonstiges mit Talks oder so sondern ein Iphone 3gs. ist er evt. über bluetooth auch mit Pronto kombinierbar? gruesse Sascha

  4. Wirklich schade, dass Du keine akustische Demo anbieten kannst.
    Es hätte mich schon sehr interessiert, wie und was die Stimme sagt, während man über die Elemente des Touch-Screens fährt.
    Immerhin zeigt das Beispiel, dass auch für uns Touch-Screens keine unüberwindliche Hürde sein müssen.

  5. Das hört sich wirklich klasse an. Schade, daß es das Teil in .de nicht ohne Vertrag gibt. Ich müßte einen zweiten abschließen. Andernfalls würd ich sofort „zuschlagen“.

    Kling der Janik denn sehr quäksig aus dem iPhone? Müßte man dann vielleicht vermehrt mit ’nem Headset arbeiten…

    Liebe Grüße
    Holger

  6. @Sascha: Keine Ahnung, ob man das iPhone mit dem Pronto verpartnern kann. Da zur Zeit noch überhaupt keine Brailleunterstützung vorhanden ist, würde ich mal sagen: Geht vielleicht rein technisch, bringt aber zur Zeit nichts. Da ich das Pronto aber nur vom Namen kenne, kann ich außer dieser Vermutung, die auch für andere Bluetooth-Braillezeilen gilt, nichts weiter dazu sagen.

    @Holger: der Lautsprecher klingt sehr ordentlich. Vergleichbar ungefähr mit dem des N82, mit ein paar mehr Tiefen. Und Yannick klingt recht sonor und überhaupt nicht quäkig. Aber klar, an ein Headset kommt der natürlich von der Qualität her nicht ran.

  7. sehr schöner bericht genau sowas habe ich gesucht mal sehen wenn sich die preise auf Ebay beruhigt haben in den nächsten wochen (glaub ist ein wunschtraum^^)
    werde ich zuschlagen

  8. Hier verdichtet sich das in Richtung iPhone 3GS (Das „S“ steht doch sicherlich für „Screen Reader“) ganz deutlich. Muß die nächsten Tage mal die Vertragsmodalitäten klären…
    Schönes We noch

  9. @Holger:
    Das „S“ steht für „speed“.
    Der Screen-Reader ist Bestandteil des IPhones und wird imho deshalb nicht
    extra erwähnt.

  10. hallo
    ich komme nicht draus habe das iPhone 3G s seit gestern und wollte mal schauen wie der voice over ist der alles vorliest aber ich weiss nicht wie man die seite blättert mit dem eingeschaltemn im menü kann ich es dort klicke ich unten ober den mail und ipod symnolle und drücke 2 mal aber ich weiss nicht wie man bei den einstellungen hinuntersrcrollt brauche hilfe bitte

  11. Scrollen geht durch Streichen mit drei Fingern rauf (um den nächsten Bildschirm hochzuziehen) oder runter (um den vorherigen Bildschirm nach unten auf den Bildschirm zu ziehen).

  12. @Violent

    eBay? Der größte Krampf! Hols Dir aus Tschechien – ohne Sim- und Net-lock. Und um einiges günstiger als eBay (übrigends auch günstiger als iphoneohnevertrag.com und was es da sonst noch so gibt) 🙂

  13. Deine Treffsicherheit auf dem iPhone bestärkt mich in meinen, auch eigenen Erfahrungen: Dass Sehbehinderte oft ein gutes visuelles Verständnis haben und sich daher gern mit „optischen Themen“ (Gestaltung, Grafik, Photo o.ä.) beschäftigen, klingt nur auf den ersten Blick 😉 widersprüchlich — ist aber gut und logisch nachvollziehbar. Darum sind unter ästhetischen Gesichtspunkten gestaltete und vor allem sich konsistent verhaltende Computersysteme besonders gut für diesen Nutzerkreis geeignet. MacOS hatte in diesem Punkt schon immer Vorteile und nicht zuletzt mit der dynamischen Zoom-Funktion (Ctrl-Scrollrad) haben Macs ein echtes Kaufargument mehr. Auch ich habe schon lieber mit der Maus und der Tastatur gearbeitet als mit der Tastatur allein und wurde oft gefragt, wie man trotz schlechter Augen die Maus zielsicher einsetzen kann.

  14. Moin,
    ein schöner Testbericht ist das –
    ich war gestern mal im T-Mobile Shop und habe in etwa das selbe Gefühl und ähnliche Eindrücke wie die von dir geschilderten erhalten. – auch das mit der Vertragssituation ist bei mir leider sehr ähnlich 🙁 –
    ich habe aber festgestellt, dass VoiceOver in der MailAnwendung mit den vorkonfigurierten Konten von Google und Yahoo nichts anzufangen wusste, auch hatte ich während des Tests zwei mal die Situation, dass VoiceOver sich zeitweise quasi etwas aufhängte…
    ich bin sehr gespannt darauf, ob und inwieweit VoiceOver mit den nächsten Firmwareupdates mitweiterentwickelt wird oder ob sich Apple damit wie bei den PC-Versionen von VoiceOver Zeit lässt.
    Was den Stand bei Android angeht suche ich auch regelmäßig nach Neuigkeiten, bislang leider ohne greifbares Resultat…
    )jetzt müsste nur noch die neue Navigon-Version fürs iPhone mit VoiceOver nutzbar sein, dann würde ich wirklich Luftsprünge machen) 🙂

  15. @Roman: Bei mir funktioniert VoiceOver mit meinem Googlemail-Account wunderbar. Einen Yahoo! Account habe ich nicht, kann das also nicht kommentieren, aber Gmail funktioniert hier ganz prima mit VoiceOver.

  16. Hallo zusammen,
    Das höt sich wirklich alles toll an. Das Einzige, was mir hier schwer scheint, wie bekomme ich das Telefon an und wie gebe ich dann vor allem meine PIN ordentlich ein? Der wird mir ja wohl nicht die Zahlen vorlesen und naja, drei Versuche ist eben nicht so viel oder???
    Freu mich auf Feedback!

  17. Hallo Marco, danke für den Testbericht. Die Funktionen des Iphones sind ja sehr vielfältig, aber gestaltet sich die Praxis so, dass die Eingabe einer Telefonnummer genauso zügig von statten geht, wie bei einem Tastaturhandy?
    Besten Gruß, Mischa.

  18. Hallo Marco,
    Danke für diese excelenten Neuigkeiten!
    Ich bin ein großer fan von audio / video lifestreams und wollte immer schon mal selbst einen unterwegs machen. Mal ebend 3 bis 5 minuten ausem life club oder so. Bis jetzt hätte ich dafür nen Notebook gebraucht. Mit nem Ifone soll das auch gehn. Echt cool, dass die ne Sprachausgabe gleich mit eingebaut haben.
    Danke für deinen Bericht!

    Patrick

  19. Hallo

    auch ich konnte das iPhone meines Arbeitskollegen ausgiebig testen und ich bin schwer begostet. Was ich aber irgendwie noch nicht rausgefunden habe ist, wie ich schieberegler und drehräder verändern kann. Ich hab die angetippt und dann den Finger nach oben gezogen, wie Jannik mir das auch vorgeschlagen hat, doch das brachte nichts. Währ echt für jede Hilfe in die Richtung dankbar. Übrigens, wo finde ich denn eigentlich ein Manual zu Voiceover in Verbindung mit dem Iphone?

  20. Hallo Richard,

    Du tippst so ein Element einmal an und schnippst dann mit den Finger nach oben oder unten. Das sagt VoiceOver auch als Tipp: „Zum ändern nach oben oder unten schnippen“. Das Schnippen ist ein schnelles Streichen mit einem Finger nach oben oder unten, ähnlich wie man das ja nach rechts und links macht, um von Element zu Element zu gelangen. Hoffe, das hilft!

  21. Hallo

    ich hab mein Iphone jetzt auch und ich bin total begeistert davon. Nur ein kleines Problem, das aber doch recht wesentlich ist, hab ich noch und vielleicht kann mir jemand dabei helfen? Wenn ich telefoniere, spricht voiceover nichts mehr, wenn ich den bildschirm berühre. Deshalb finde ich irgendwie die Taste zum Auflegen auch nicht. Ich weiss zwar wo sie ist, aber es bringt nichts, dort hinzutippen, das Gerät legt einfach nicht auf. Was kann man da machen?

    lg

    Richard

  22. Hallo,
    danke für den Bericht über das iPhone 3gs. Ich habe mir das iPhone einmal
    kurz zeigen lassen. Es ist schon lobenswert, dass Apple den den Screenreader
    Voice over in seine Geräte integriert. Ich frage mich aber, ob sich die Investition in ein solches Gerät lohnt,da meiner Meinung nach viele Funktionen wie Fotos oder Videos erstellen für uns sehgeschädigte NutzerInnen eher nicht möglich sind.
    Soweit mir bekannt ist, kann man das iPhone auch vertragsfrei u. a. bei http://www.3gstore.de erwerben.

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