Warum ich mir noch keinen Apple iPod kaufen würde

Kürzlich hat Apple eine verbesserte Zugänglichkeit in iTunes 8 und dem iPod Nano vierter Generation verkündet. Dies ist ein wichtiger Durchbruch im Bereich der Barrierefreiheit von Musikplayern von der Stange. Die Hersteller eines weit verbreiteten MP3 Players haben Funktionen eingebaut, damit dieses Gerät auch von Sehgeschädigten verwendet werden kann. Bisher gab es lediglich Projekte wie Rockbox, in denen eine zusätzliche Firmware für bestimmte Geräte programmiert wird, die dann zugänglich ist. Diese Herangehensweise bietet aber immer nur eingeschränkten Zugriff. So ist zum Beispiel das Abspielen DRM-geschützter Inhalte aus dem iTunes Music Store nicht mit der Rockbox-Software für einige ältere iPod-Modelle möglich.

Auf der anderen Seite gibt es neue innovative Ansätze von Firmen wie HumanWare, die Produkte wie den VictorReader Stream herstellen. Dies ist ein kleines Abspielgerät für DAISY– und Audible-Hörbücher und MP3-, Ogg-Vorbis und Flac-Dateien. Das Revolutionäre am Stream ist, dass er mit einer zweisprachigen Sprachausgabe daherkommt, die nicht nur Texte in verschiedenen Formaten vorlesen, sondern auch die Dateinamen und Metadaten von Musikdateien und Hörbüchern sprechen kann.

Die Frage, die ich mir beim Lesen von Apples Bekanntmachung stellte, war, ob dies nun die Notwendigkeit blindenspezifischer Geräte überflüssig macht. Und die Antwort kam fast prompt: Soweit sind wir noch nicht! Erst wenn Hersteller solcher Massenprodukte auch eher blindenspezifische Funktionen und Formate unterstützen, werden sie zu einer echten Alternative. Da ich inzwischen bei Sofort Hören auch Hörbücher im DAISY-Format entdeckt habe, bleibt zu hoffen, dass dieses Format auch bald von herkömmlichen Musikplayern unterstützt wird.

Die zweite Frage, die ich mir stellte, war, würde ich mir einen neuen Player kaufen, wäre dies ein iPod? Ich besitze seit März diesen jahres einen Stream. Für mich stellt sich die Frage konkret also nicht. Aber selbst wenn dem so wäre, würde ich mich zur Zeit dennoch immer noch für einen Stream entscheiden. Und hier sind die Gründe dafür.

Mehr Flexibilität bei der Sprachausgabe

Der Stream bietet eine zweisprachige Sprachausgabe zum Vorlesen von Texten und Dateinamen und Metadaten. Eine Sprache ist immer englisch, die zweite eine individuelle Landessprache. In meinem Fall ist diese natürlich deutsch. Der Ansatz von Apple ist, die Prompts für Menüs und Dateinamen auf dem Desktop-Computer vorzusynthetisieren, indem das im Betriebssystem integrierte oder ein zusätzliches Sprachausgabesystem verwendet wird. Dies ist aber immer einsprachig. Wenn ich also meine Menüprompts in deutscher Sprache haben möchte, werden auch die Dateinamen meiner englischsprachigen MP3-Dateien mit deutschen Ausspracheregeln und Phonemen vorgelesen, was natürlich etwas gewöhnungsbedürftig klingt.

Kein Kauf einer weiteren Sprachausgabe notwendig

Wenn man einen Stream erwirbt, ist die zweisprachige Sprachsynthese gleich an Bord. Um mit iTunes und dem iPod die volle Funktionalität nutzen zu können, ist der Erwerb einer Sprachausgabe notwendig, die mit der Microsoft Speech API 5 kompatibel ist. Anwender des JAWS Screen Readers haben Glück, seit Version 8 liefert JAWS die RealSpeak Solo aus, welche eine mehrsprachige SAPI-5-Sprachausgabe ist. Anwender anderer Screen Reader müssen zu anderen Sprachausgabeangeboten und somit in die Tasche greifen. Und ich möchte meine iPod-Menüs ehrlich gesagt nicht von Microsoft Sam vorgelesen bekommen. Öffnen Sie mal unter Windows XP die Systemsteuerung und wählen Sprachein-/-ausgabe. Lassen Sie sich das Beispiel von der Standardstimme vorsprechen, dann wissen Sie, was ich meine. 🙂 Die Stimmqualität unter Windows Vista ist nicht viel besser, und außerdem sind diese Sprachen alle nur auf englisch verfügbar.

Unterstützung von Hörbüchern im DAISY-Format

Der Apple iPod unterstützt die in DAISY-Büchern zur Verfügung stehenden Navigationsmöglichkeiten nicht. Man kann diese Hörbücher lediglich als MP3-Dateien hören. Die Navigation durch Abschnitte oder Phrasen ist jedoch nicht möglich. Da meine Maxime ist, mir die größtmögliche Flexibilität zu bewahren, würde ich mich nicht beschränken lassen wollen, aus allen möglichen Quellen Hörbücher zu erhalten. Wenn ich Bücher im DAISY-Format verwenden möchte, möchte ich dies auch im vollen Umfang tun.

Keine Unterstützung für die Formate Ogg Vorbis und Flac

Ich weiß, dies ist ein sehr subjektiver Punkt. Ich bevorzuge es, meine CDs im Format Ogg Vorbis zu rippen, da dieses Format erheblich bessere Klangergebnisse liefert als MP3. Die iPods unterstützen selbst in der neuesten Generation die Formate Ogg Vorbis und Flac nicht.

Unterstützung verschiedener Dateiformate

Der Stream unterstützt das Vorlesen von Dateien unter anderem in den Formaten Text, HTML, XML und RTF. Auch das Vorlesen formatierter Brailledateien ist möglich.

Notizfunktion

Mit dem Stream kann ich Notizen entweder mit einem externen oder dem eingebauten Mikrofon aufnehmen. Abhängig von der eingelegten Speicherkarte kann ich damit sogar ganze Präsentationen mitschneiden. Zugegeben, diese Funktion, wie auch die zuvor genannte, sind sehr spezifisch auf den Bedarf blinder Anwender zugeschnitten. Es ist jedoch sehr effizient, Aufnahmen mit dem Stream zu machen. Es geht wesentlich schneller als mit der Notizfunktion des Handys herumzuwerkeln, ja ich würde sogar behaupten schneller als der Griff zu Stift und Papier.

Mehr Flexibilität bei der Wahl des Speichers

Der Stream arbeitet mit ganz normalen SD- oder SDHC-Speicherkarten, die man in jedem Fotogeschäft bekommt. Der zur Verfügung stehende Speicher ist somit theoretisch endlos. Im iPod Nano der vierten Generation ist man auf 8 oder 16 Gigabyte Flash-Speicher festgelegt. Wenn man bedenkt, dass für die Dateien, in denen die Sprachprompts gespeichert werden, Speicher benötigt wird, hat man sogar weniger für seine Musik zur Verfügung als ein sehender iPod-Benutzer.

Die freie Auswahl bei der Wahl der Quellen für Musikinhalte

Verwendet man den iPod, ist man zwangsläufig auf iTunes und den iTunes Music Store festgelegt. Obwohl dieser auch DRM-freie Inhalte anbietet, steht die große Mehrheit der Inhalte lediglich in dem kopiergeschützten und mit 128 kbit/s nicht gerade üppig codierten Aac-Format zur Verfügung. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass andere Musikdownloadportale mit 128 kbit/s codierte Windows Media Audio (WMA)-Dateien verwenden, die ich ähnlich wenig ansprechend finde. Wenn ich Musik aus dem Internet herunterlade, nehme ich eigentlich nur mit hoher Qualität codierte MP3-Dateien, die nicht kopiergeschützt sind. Finde ich das Gesuchte dort nicht, gehe ich zu Amazon und kaufe mir die CD, um sie dann in meinem favorisierten Ogg-Vorbis-Format zu rippen. Nennen Sie mich altmodisch, aber ich gehöre zu denen, die lieber ganze Alben als einzelne Musikstücke kaufen. Das fühlt sich immer so unvollkommen an.

Der Stream ermöglicht mir diese Flexibilität, während mich der iPod auf iTunes zum Kopieren der Dateien und Kauf der Musikstücke beschränkt. Für den Stream lege ich meine SD-Karte in den Kartenleser, kopiere die Dateien mit meinem bevorzugten Dateiverwaltungsprogramm, schiebe die Karte in den Stream zurück, und ab geht die Post!

Aber gibt es denn gar keine Argumente für den iPod?

Das einzige Argument, das mir zur Zeit einfällt, ist der Preis. Der iPod Nano mit 16 Gigabyte Speicher kostet nur ungefähr die Hälfte von dem, was ein Stream kostet.

Ein anderes Argument, das manche ins Feld führen könnten, ist die „Trendigkeit“ des iPods. Aber mehr als die Gewissheit, dass man mit einem iPod trendy wirken könnte, bleibt dabei auch nicht hängen und sollte nie das entscheidende Argument für die Wahl eines Hilfsmittels sein. Zugegeben, der Stream sieht – und hier zitiere ich den 8-jährigen Sohn eines Bekannten – mit seinem Lautsprecher, eingebauten Mikrofon und den recht großen Tasten und dem doch eher eckigen Gehäuse ein bisschen aus wie ein Handy aus der Mitte der 90er Jahre. Für manche wird sich der iPod mit Sicherheit viel attraktiver anfühlen.

Wenn man sich weitere Funktionen des iPod anguckt, so ist meine Meinung, dass das Betrachten von Bildern nun leider völlig am Ziel vorbei schießt und das Angucken von Videos nur dann interessant ist, wenn man sich Filme oder Serienepisoden im Store ausleihen oder diese erwerben möchte. Wenn man vom Fernsehen aufzeichnet oder DVDs verwendet, gibt es genug Möglichkeiten, lediglich die Audiodaten zu extrahieren und diese auf dem Stream mitzunehmen.

Nachdem ich dies nun alles angeführt habe, möchte ich noch einmal verdeutlichen, dass ich Apples Schritte in diese Richtung weder für falsch noch für brotlose Kunst halte. Ich finde es ganz fantastisch, dass sie diese Schritte unternommen haben und möchte sie ausdrücklich ermutigen, diesen Weg weiter zu beschreiten. Ich möchte weiterhin andere ermutigen, diesem Beispiel zu folgen. Je mehr Auswahl zur Verfügung steht, desto besser ist dies für alle!

Und falls jetzt jemand von Apple diese Zeilen liest und daran denkt, mir ein Weihnachtsgeschenk machen zu wollen, so seien Sie versichert, dass ich diese Geste dankbar zur Kenntnis nehmen und auch eine positive Rezension auf meinem Blog veröffentlichen würde. 🙂

2 Gedanken zu „Warum ich mir noch keinen Apple iPod kaufen würde“

  1. Ogg ist nicht das einzige Format, das klanglich deutlich besser ist als MP3. AAC (MPEG4-Audio) wurde ja als verbesserter Nachfolger von MP3 (MPEG-Audio) entwickelt. AAC wird heute von sehr vielen Playern und Mobiltelefonen unterstützt.

  2. @Tekl: Stimmt, das auch AAC besser als MP3 ist. Das Format wird ja auch von iTunes und dem Music Store selbst verwendet, wie ich oben schon schrieb. Und standardmäßig sind die Dateien mit 128 kbit/s codiert. Ich habe mir da mal ein paar Stücke auf dem iPod eines Freundes angehört und war nicht besonders beeindruckt von der Qualität. Klar besser als MP3 bei 128 kbit/s, aber nicht viel. Und die richtig gute Qualität bekommt man bei iTunes ja auch nur, wenn bestimmte Stücke auch mit iTunes+ verfügbar sind, d. h., DRM-Frei und mit 256 kbit/s codiert. Und dies steht eben nicht für alle Songs zur Verfügung und ist daher eine Einschränkung.

Was denkst Du darüber?