Mac OS X Zugänglichkeit: Eine Erfolgsgeschichte

Seit ein paar Jahren schon gibt es neben Windows andere Desktop-Betriebssysteme, die Barrierefreiheitsfunktionen zur Verfügung stellen und für die es Screen Reader gibt. Orca ist seit Version 2.18 des GNOME Desktop fester Bestandteil dieses Pakets und somit in jeder Distribution, die den GNOME Desktop vorinstalliert, ebenfalls verfügbar. Dies ermöglicht auch einigen Distributionen, sprechende Installationen zur Verfügung zu stellen, mit deren Hilfe ein Blinder das Betriebssystem selbständig installieren kann.

Während der Entwicklung von Mac OS X 10.4 Tiger betrat auch Apple das Feld der Zugänglichkeit für sein Betriebssystem und bietet seitdem den Screen Reader VoiceOver als festen Bestandteil des Betriebssystems an. Dies ist nichts Neues, zumal es inzwischen den Nachfolger Mac OS X 10.5 Leopard gibt. Ich hatte jedoch vor ein paar Tagen Gelegenheit, VoiceOver das erste Mal selbst unter den Fingern zu haben und muss gestehen, dass ich hin und weg bin, was die Zugänglichkeit und die Möglichkeiten angeht!

Das geht schon damit los, dass nach dem Einschalten des Macs ein Hinweis gesprochen wird, dass, wenn man nicht sehen kann, man Befehlstaste+F5 (oder Cmd+F5) drücken soll, um Sprachunterstützung bei der Ausführung des Setupassistenten zu bekommen. Kleiner Wehrmutstropfen hierbei ist, dass Apple selbst nur englische Stimmen mitliefert. Wenn Apple ein Abkommen mit einem Hersteller wie Cepstral oder Assistive Ware treffen würde, um auch fremdländische Stimmen gleich von Haus aus mitzuliefern, wäre das Bild perfekt! Die englische Stimme namens Alex, die standardmäßig zu sprechen beginnt, ist an sich aber schon ein echtes Schmankerl. Nicht nur, dass sie sehr schön klar ist, Apple hat ihr auch einen Lufthol-Algorithmus spendiert, der sie noch natürlicher klingen lässt.

Es benötigt also nur einen Tastendruck, um VoiceOver zu starten und den Setupassistenten somit zugänglichdurchlaufen zu können. Nach Beendigung dieses Assistenten war ich per WLAN verbunden und der Mac war sofort einsatzbereit.

Spaßeshalber habe ich dann auch mal die Mac-OS-X-DVD eingelegt und von dieser gebootet. Auch diese lädt ein vollständiges Betriebssystem, und VoiceOver ist, sobald die DVD das erste Mal aufhört, sich zu drehen, nur einen Druck auf Befehlstaste+F5 entfernt. Das Installationsprogramm wird automatisch gestartet, von diesem aus sind aber auch Zugriffe auf das Disk Utility und andere Programme zur Wartung des Computers erreichbar und somit voll sprachunterstützt einsatzfähig.

Im Vergleich hierzu gibt es unter Windows nur im grafischen Teil der Installation, und dann auch nur in englischsprachigen Versionen, die Möglichkeit, Narrator zu starten. Der nichtgrafische Teil, also der Teil, in dem Festplatten partitioniert und formatiert werden können, ist vollständig unzugänglich. Hinzu kommt, dass man unter Windows XP mit Microsoft Sam vorlieb nehmen muss, was ja nun wahrlich kein Vergnügen ist. Unter Vista gibt es eine Stimme namens Anna, die nur unwesentlich besser ist.

Unter Linux ist das Bild uneinheitlich: Während man bei Ubuntu 8.04 Hardy Heron nur eine überschaubare Anzahl Tasten in der richtigen Reihenfolge im Blindflug drücken musste, hat Ubuntu 8.10 hier wieder einen echten Rückschritt hingelegt. Jetzt muss man wieder die Live-CD starten, Orca beenden, als SuperUser neu starten und hoffen, dass man sich auf dem Weg dahin nicht vertippt, Ubiquity hochfahren und hoffen, dass Ubiquity und Orca sich dann auch unterhalten. Andere Distributionen bieten nur brailleunterstützte oder anderweitig klimmzugartige Techniken an, um einen zugänglichen Installationsvorgang hinzubekommen. Nur was für hartgesottene, aber keinesfalls was für Anfänger oder Gelegenheits-Tüftler. Die neue Ausgabe von Open Solaris soll ebenfalls einen zugänglichen Installer bieten, wie der aber funktioniert, weiß ich noch nicht.

Hinzu kommt, dass sowohl unter Windows als auch unter Linux die Gefahr besteht, dass die Hardware, auf die das System installiert werden soll, nicht erkannt wird. Im schlimmsten Fall wird die Soundkarte nicht erkannt, und man sitzt buchstäblich im Dunkeln. Hier zeigt sich der Vorteil der Kopplung von Betriebssystem und Hardware: Apple wissen, was sie in ihren Rechnern für Hardware haben und können so sicherstellen, dass die Unterstützung durch VoiceOver immer gewährleistet ist.

Ist Windows dann mal installiert, kommt man mit Narrator nicht einmal soweit, sich NVDA herunterzuladen, um einen vollwertigen Screen Reader zu haben. Also am besten die portable Version von NVDA vor der Neuinstallation auf einen USB-Stick ziehen, um nach der Installation dann sofort einsatzfähig zu sein.

Auch die Menge an bereits zugänglichen Anwendungen hat mich begeistert. Nicht nur die betriebssystemeigenen Anwendungen wie TextEdit, Mail, Safari o. ä., oder die Zusatzprogramme wie QuickTime und iTunes sind nutzbar, sondern z. B. auch Skype und OpenOffice. Skype ist eine von Blinden sehr häufig genutzte Internettelefonie-Anwendung, und die ist z. B. unter Linux gar nicht zugänglich. Dies ist eine der am häufigsten nachgefragten Anwendungen, wenn man über die Zugänglichkeit von Linux redet. Es steht zu hoffen, dass mit der Umstellung der Kommunikationswege weg von Corba hin zu D-Bus sich hier Verbesserungen auftun. OpenOffice ist seit Version 3.0 eine native Cocoa-Anwendung unter Mac OS und bietet volle Unterstützung von VoiceOver.

Und eben die Tatsache, den Screen Reader mit einem einzigen Tastendruck starten (und auch wieder beenden) zu können, ist ein ziemlich überzeugendes Argument! Wenn also eventuell in nächster Zeit eine Neuanschaffung in Sachen Desktop- oder Notebook-Computer ansteht, warum nicht mal im nächsten Mac-Shop vorbeischauen und sich die Modelle vorführen lassen?

Apple haben eine Zeit gebraucht, um die Zugänglichkeitsbühne zu betreten. Das, was sie aber vorweisen, kann sich wirklich sehen lassen.

Dies unterstreicht die Dringlichkeit, mit der wir bei Mozilla an der Fertigstellung unseres Supports für VoiceOver arbeiten müssen, damit Anwender auch unter diesem Betriebssystem Dinge wie WebVisum werden nutzen können.

Ich plane in naher Zukunft eine Serie von Audiovorführungen zu diesem Thema, die ich der ISCB zur Bereitstellung im Audiobereich anbieten werde.

16 Gedanken zu „Mac OS X Zugänglichkeit: Eine Erfolgsgeschichte“

  1. Hallo Marco,

    leider ist es mit dem Personal in Apple Stores nicht so einfach.
    Als ich mir den ersten Mac zulegte (November 07) konnte man mir in keinem Shop weiter helfen. Weder in Ulm, noch bei Gravis in Stuttgart. Vielleicht wird es mit der Eröffnung eines Apple-Flagshipstore in Deutschland Workshops geben. Ähnlich wie in den USA.

    Nach über einem Jahr kann ich durchaus sagen, dass der Umstieg auf dem Mac kein Fehler ist.
    Wenn doch mal Windows und Jaws benötigt wird (bspw unterstüzt VoiceOver derzeit kein Flash) kann man bequem VMWare Fusion starten. Und hat damit Windows auf dem Mac uneingeschränkt zur Verfügung.

    Umstiegswillige sollten aber beherzigen, das sie erst mal bei Null beginnen und nicht nur einen einfach weiteren Screenreader ‡ Jaws resp. Window-Eyes antesten.

    Übrigends würde ich sehr gerne Firefox unter Mac OSX nutzen wollen 🙂

    Schöne Grüße

  2. @Muri Ja, ich denke dass sich die Tatsache, dass Macs eine Alternative für Blinde darstellen, erstmal verbreiten muss. Insofern kann ich mir vorstellen, dass Mitarbeiter eines Apple Store nichts dazu sagen können. Es bleibt zu hoffen, dass sie eine gute Fortbildung diesbezügnlich erhalten!

    Und ja, VoiceOver macht einige Dinge ganz anders als die Windows Screen Reader und auch Orca. Darauf werde ich en Detail auch in den Audiobeiträgen eingehen.

  3. Hier sind zwei informative Websites für Interessierte:
    http://www.lioncourt.com/
    Ein Blog mit Tipps, Berichten und einem Podcast.
    http://discussions.apple.com/forum.jspa?forumID=1251&start=0
    Offizielles Forum von Apple zu VoiceOver.

    Was Du jetzt im Beitrag nicht mit angesprochen hast ist die Unterstützung von vers. Braillezeilen am Mac.
    Ich nutze den SuperVario40 und den Focus 80. Klappt wunderbar. Allerdings gibt es ein Nachteil. Momentan wird nur die amerikanische Voll- und Kurzschrift unterstüzt. Leider.

  4. Hallo Marco.

    Du schriebst in deinem Artikel, dass bei VoiceOver keine deutsche Sprache dabei sei.

    Gibt es deutsche Sprachen für den Mac, die man einbinden könnte?
    Ich nehme ja nicht an dass VoiceOver auf deutsche Aussprache umgestellt werden kann, so dass man dann einfach eine deutsche Sprachausgabe mit englischer Aussprache hätte

    Petra Ritter

  5. Hallo Petra,

    es gibt deutsche Stimmen einmal von Cepstral mit Namen Kathrin und Matthias, die jeweils 20 Euro kosten. Dann gibt es von Á Capella die Infovox-Stimmen Klaus, Sarah und Gerhard auch für Mac OS, und http://www.assistiveware.com bietet diese drei Stimmen im Paket, plus der U.S.-Stimme Heather zum Preis von 99 Euro an.

    VoiceOver selbst ist weitgehend eingedeutscht. Wenn man die Oberfläche von Mac OS auf deutsch umschaltet, werden die meisten Prompts von VoiceOver auch automatisch deutsch. Ich habe lediglich bei einigen Tastaturhilfe-Meldungen und bei ein oder zwei Systemmeldungen noch englische Texte gefunden.

    Marco

  6. Hallo Marco,
    auch wenn meine Frage nicht zum Thema VoiceOver passt, gehört sie dennoch zum Beeich der Zugnänglichkeit. Unter MacOS ist eine ZommIn-Funktion verfügbar welche ich ständig nutze. Allerdings ist die Curserverfolgung oft unzureichend, so dass das Bild oftmals irgendwohin springt. Weiterhin wird ab einem bestimmten Vergrößerungsfaktor das Bild unscharf, so dass ich die maximale Vergrößerung in keinster Weise nutzen kann. Ist dies so oder läuft mein Mac nicht optimal? Gibt es zu der Apple-seitig integrierten ZoomIn-Funktion eine alternative Schriftvergrößerungssoftware?
    Gruß Frank

  7. Hallo Frank,

    sorry für die verspätete Antwort!

    Da ich vollständig blind bin, ist mir zum Thema Schriftvergrößerung leider nichts bekannt. ich vermute aber mal, dass es ähnlich sein wird wie beim Screen Reader: Zu VoiceOver gibt es zur Zeit keine Alternative, und zu einer Schriftvergrößerung außerhalb des Betriebssystems ist mir bisher auch nichts über den Weg gelaufen.

  8. @Frank:
    Ich hab einen sehbehinderten Freund gefragt. Folgende Antwort:

    Drei Fragen – drei Antworten.

    CURSORVERFOLGUNG Ich würde im VoiceOver Dienstprogramm unter Navigation beide Checkboxen für „Mauszeiger folgt VoiceOver Cursor“ und „VoiceOver Cursor folgt Mauszeiger“ deaktivieren. Zudem bei Systemeinstellungen unter Bedinungshilfen in den Zoom Optionen „Zom folgt Tastatureingabe“ deaktivieren.

    UNSCHARVER TEXT Unter den Zoom Optionen die „Bildverbesserung“ ausschalten. Hierzu scheint es einen Bug im Mac OS zu geben. manchmal ist das an, obwohl das Häckchen ausgeschaltet ist. Meistens kommt die Bildverbesserung wieder, wenn man VoiceOver oder Zoom ein und ausschaltet (oder umgekehrt), dann einfach Bildverbesserung in den Zoom Optionen ein und wieder ausschalten.

    ALTERNATIVE Mir ist leider keine Alternative bekannt.

  9. Hallo Marco,

    wie muß ich mir den Einrichtungs- bzw. Installationsprozess des Betriebssystems vorstellen, wenn keine deutsche Stimme mitgeliefert wird? Installiert man zuerst das Betriebssystem auf englisch und benutzt dabei die englische Stimme? Oder muß man sich die deutschen Promps mit der englischen Sprachausgabe vorlesen lassen. Kann man (nach der installation der deutschen Stimme) das OS nachträglich auf deutsch umstellen?

  10. Hallo Alexander,

    ob das Installationsprogramm auf deutsch oder englisch läuft hängt davon ab ob es vorinstalliert ist oder nicht. Man hat also entweder ein englisches Installationsprogramm oder ein deutsches mit Prompts, die mit der englischen Stimme vorgelesen werden.

    Installiert man Mac OS auf englisch, ist es überhaupt kein Problem, nach Installation der deutschen Stimme die Sprache des Betriebssystems auf Deutsch umzustellen. Auch installierte Programme stellen sich, sofern auch eine deutsche Übersetzung inkludiert ist, beim nächsten Start auf Deutsch um.

  11. Hallo Marco
    Sorry wenn das vielleicht an dieser Stelle unpassend ist. Aber ich suche schon lange eine Möglichkeit, mit VoiceOver z.B. in Textedit mir den Text ab einer bestimmten Position – am liebsten vom Textcursor aus vorlesen lassen zu können. Ich kann zwar den VO-cursor zum Textcursor ziehen und dann den nächsten Satz vorlesen lassen, jedoch nicht allgemein das Vorlesen starten. Kennst du da Möglichkeiten?
    Danke und Gruss,
    Mario

  12. Hallo! Ich möchte mich auch jetzt aufraffen auf Mac umzusteigen. habe windows endgülltig satt. ich bin sehbehindert und verwende das Screenreading Programm Jaws. Ich verwende jetzt office 2010, und möchte eigentlich nicht open office verwenden. meine Frage, funktioniert Voice over mit ms office 2008 for mac? Bzw. kann mir wer auskunftgeben wann dies so weid sein wird? Ich arbeite sehr viel privat mit Excell und Word und outlook- währe schon eine wonne sich nicht umstellen zu müssen. Danke für eure Antwort. f

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